Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Freiflächen durch Stadtumbau - Folgt nach dem Abriss die "grüne Stadt"?

18.06.2009
Bis Ende 2007 wurden in Ostdeutschland etwa 220.000 nicht mehr benötigte Wohnungen abgerissen.

Zurück bleiben viele freie Flächen und die Frage, wie diese künftig genutzt werden können. Das Für und Wider von immer mehr Grünflächen in von Bevölkerungsrückgang und Schrumpfung betroffenen Städten untersuchte Stefanie Rößler vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR).

Rund 85 % aller Rückbauflächen aus dem Programm "Stadtumbau Ost" werden derzeit nicht wieder baulich genutzt. "Der Umgang mit den frei bleibenden Flächen ist in der bisherigen Stadtumbaudebatte eher vernachlässigt worden", sagt Stefanie Rößler, Wissenschaftlerin im IÖR. Die Landschaftsarchitektin untersuchte am Beispiel der Städte Leipzig, Halle und Chemnitz die Chancen und Risiken sowie Herausforderungen von mehr Grün in der Stadt. Alle drei Städte sind von Stadtumbau betroffen. Neue Freiräume entstanden sowohl in randstädtischen Plattenbaugebieten als auch in innerstädtischen Altbauquartieren.

Welche Funktion und Gestalt die frei gewordenen Flächen im künftigen Stadtgefüge haben sollen, gehört zu den dringendsten Problemlagen gegenwärtiger Stadtentwicklung in schrumpfenden Städten. Ideen und Geld für grüne Nachnutzungen fehlen oft. So soll neben der Aufwertung des Wohnumfelds nach Möglichkeit auch eine Wertschöpfung auf der Abrissfläche entstehen. "Die Menschen werden sich an neue Nutzungsformen und manchmal auch einfach an verwilderte Brachen gewöhnen müssen", stellt Stefanie Rößler fest. Schon heute haben Grünverwaltungen mit Kürzungen ihres Budgets zu kämpfen, obwohl sie gleichzeitig für immer mehr Flächen zuständig sind. Das wirkt sich langfristig auch auf die Qualität, Nutzbarkeit und schließlich die Akzeptanz von neu entstandenen Grünflächen aus.

Dabei eröffnen neue Freiflächen durchaus auch Chancen für die Städte: Gepflegte und landschaftsarchitektonisch hochwertige Grünflächen gelten als wichtiger Standortfaktor und tragen damit zur Attraktivität und Konkurrenzfähigkeit einer Stadt bei. Insbesondere in bisher sehr dicht besiedelten Innenstädten und Altbauquartieren bietet mehr Grün mehr Lebens- und Umweltqualität. Nicht zu unterschätzen ist auch die Rolle, die Grünflächen bei der Anpassung der Städte an die Folgen des Klimawandels spielen werden. Sie sorgen für Abkühlung - ein wichtiger Aspekt bei der erwarteten Zunahme von Sommerhitze und Trockenheit. Städtisches Grün bietet zudem Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere und trägt dadurch ganz erheblich zum Erhalt biologischer Vielfalt bei. Allerdings sind über die Hälfte aller grünen Nachnutzungsprojekte aufgrund rechtlicher und finanzieller Hindernisse nur temporärer Natur. Die vermeintlichen Qualitäten können so auch schnell wieder verschwinden.

"Grundsätzlich kann es leicht zu einer Gratwanderung kommen", sagt Stefanie Rößler. "Auf der einen Seite können die Freiräume den Stadtraum bereichern, Voraussetzung sind jedoch schlüssige Freiraumkonzepte und der Mut und Wille zur dauerhaften Sicherung dieser Freiräume. Fehlt dies oder nehmen die Freiräume Überhand, entsteht schnell der Eindruck von Entdichtung und Niedergang." Hinzu kommt, dass die Herausforderungen der Nachnutzung von Rückbauflächen in den einzelnen Stadtgebieten sehr unterschiedlich ausfallen. Große Unterschiede hinsichtlich Flächengröße, der Bau- und Verfügungsrechte, der Eigentümerstrukturen und Finanzierungsmöglichkeiten zeigen sich jeweils zwischen Plattenbaugebieten am Stadtrand und innerstädtischen Altbauquartieren. Die Bereitschaft der Flächeneigentümer zur Umsetzung und Finanzierung freiraumplanerischer Konzepte hängt stark von der Nachfrage und damit Zukunftsfähigkeit der angrenzenden Wohnungsbestände und deren Eigentümerstruktur ab.

Insgesamt wurde bereits eine Reihe von Projekten in den untersuchten Städten auf den Weg gebracht. Beispielsweise wird auf ehemaligen Plattenbaustandorten in Halle inzwischen Biomasseanbau betrieben. In Leipzig finden sich zahlreiche Beispiele für die Schaffung von Mieter- und Anwohnergärten. Für die Großwohnsiedlung Halle-Silberhöhe wurde sogar das Leitbild der "Waldstadt" formuliert. Dort werden große Aufforstungsflächen der Natur zurückgegeben. Ob Wald, Landwirtschaft, Garten oder Wildnis - die Zukunftsfähigkeit der einzelnen Projekte bleibt abzuwarten. Nicht hinwegtäuschen können diese Projekte über die vielen Flächen, auf denen wenig oder gar nichts passiert. Über kurz oder lang erobert sich die Natur diese Flächen zurück. Ob dies dann als Qualität und Zugewinn wahrgenommen wird, wird die Zukunft zeigen, meint Stefanie Rößler.

Ansprechpartnerin:
Stefanie Rößler, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung
Tel.: + 49 (0) 351 463 42 426, E-Mail: S.Roessler@ioer.de

Anja Petkov | idw
Weitere Informationen:
http://www.ioer.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Innovatives Hybridsystem in der Gebäudetechnik
15.12.2017 | Fraunhofer-Gesellschaft

nachricht Fassaden, die mitdenken
06.12.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik