Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Erfurter Dom war einmal eine Wallfahrtskirche

25.08.2005


Aktuellste Forschungen zu St. Marien in der thüringischen Landeshaupt-stadt lassen die Baugeschichte des Gotteshauses in einem neuen Licht erscheinen



Wer heutzutage die Figuren an der Tumba für die beiden Heiligen Adolar und Eoban in der Krypta des Erfurter Domes betrachtet, sieht sie in einer Anordnung, die nicht die ursprüngliche ist. Die Reihenfolge der kleinen Skulpturen, die das Martyrium der beiden Heiligen und des Heiligen Bonifatius darstellen, wurden irgendwann einmal vertauscht und damit in ihrem Sinn entstellt. Dank jüngster Forschungen kann nicht nur die ursprüngliche Anordnung der Figuren rekonstruiert werden, sondern die gesamte Baugeschichte des Domes rückt in ein verändertes Licht.

... mehr zu:
»Denkmalpflege »Dom »Erfurter Dom »Licht


Die Untersuchungen sind Teil umfangreicher Forschungen zum Erfurter Dom, die im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Graduiertenkol-legs Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der TU Berlin im Zusammenarbeit mit dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege in den Jahren 2003/04 durchgeführt wurden.

Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses lag die Baugeschichte von St. Marien zwischen den Jahren 1280 und 1372. Es war eine Zeit regen Baugeschehens an der Kirche. Dies veranlasste die Wissenschaftler zu der Frage, welche Absicht hinter dieser intensiven Bautätigkeit steckte.

Architekten, Archäologen, Bauforscher, Historiker und Kunsthistoriker untersuchten in acht interdisziplinär zusammengesetzten Arbeitsgruppen unter anderem den Hohen Chor, die Krypta, die Architektur des Hauptportals des Doms, den Kreuzgang aber auch die Geschichte der Denkmalpflege dieses Gotteshauses.

So konnten die Teilnehmer des Graduiertenkollegs im Gegensatz zur bisherigen tradierten Forschungsmeinung nachweisen, dass manche architektonischen Merkwürdigkeiten des Kreuzgangs keine "Erfindungen" des 19. Jahrhunderts sind, sondern dieser im Wesentlichen aus dem Mittelalter stammt. Die "Merkwürdigkeiten" sind oft die höchst eigenwilligen und bemerkenswerten Schöpfungen von Erfurter Baumeistern im Mittelalter.

In die Zeit vor 1374 fällt auch der Bau des neuen bis heute erhaltenen Hohen Chors und die Anlage eines Pilgerweges, der in die Krypta zur Tumba mit den Reliquien von Adolar und Eoban führte. Bei den Nachforschungen zum Pilgerweg und den gut sichtbaren RRötelgraffiti stieß man auf bislang nicht bekannte Wandmalereien, die jedoch nur noch schemenhaft erhalten geblieben sind. Erklärungsbedürftig für die Wissenschaftler war die Tatsache, dass sich die Rötelgraffiti oberhalb der Wandmalereien in einer Höhe befinden, die für einen durchschnittlich großen Menschen nicht erreichbar ist. Sie kamen zu dem Schluss, dass das den Chor außerhalb umlaufende Wandbild mit einem Holzdach überbaut gewesen sein muss, auf das wartende Pilger kletterten, die in die Krypta mit den Reliquien der Heiligen wollten. Sie hinterließen im Gestein Zeichnungen und ihre Namenszüge.

Weiterhin fanden die Wissenschaftler unter anderem heraus, dass die Arbeiten am Hohen Chor zwischen 1329 und 1349 unterbrochen waren. In dieser Zeit wurden der Ostflügel im Kreuzgang und das Triangelportal erbaut, nunmehr der Haupteingang des Domes. Eine Weiheinschrift aus dem Jahr 1349 bezieht sich damit nicht auf die viel frühere Grundsteinlegung, sondern auf den Zeitpunkt des Weiterbaus.

Insgesamt ergaben die Forschungen einen neuen Blick auf die Erfurter Frömmigkeitsgeschichte und die Baugeschichte von St. Marien. Die Untersuchung des Baugeschehens zwischen 1280 und 1372, dem Jahr der Weihung des Hohen Chores, führte die Wissenschaftler zu der Erkenntnis, dass die umfänglichen Baumaßnahmen das Ziel hatten, den Wallfahrtsort zu etablieren. "Was bisher als zufällige Häufung unterschiedlicher Baumaßnahmen und Ausstattungsverbesserungen galt, zeigt sich im Lichte unserer Forschungen als planvolles Handeln mit dem Ziel, St. Marien zu einer bedeutenden Wallfahrtskirche in Erfurt auszubauen", sagt Johannes Cramer, Professor für Bau- und Stadtbaugeschichte an der TU Berlin und Sprecher des Graduiertenkollegs.

Die Publikation "Forschungen zum Erfurter Dom" (Arbeitsheft des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege, Neue Folge 20), haben das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und das Graduiertenkolleg gemeinsamen herausgegeben.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer, Fachgebiet Bau- und Stadtbaugeschichte der TU Berlin, Telefon: 030/314-21946, Fax: 030/314-21947, E-Mail: cramer@baugeschichte.tu-berlin.de

Ramona Ehret | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-berlin.de/presse/pi/2005/pi186.htm

Weitere Berichte zu: Denkmalpflege Dom Erfurter Dom Licht

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Doppelhaus mal anders - Elegantes Glas-Ensemble am Hang
02.05.2017 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

nachricht Bauübergabe der ALMA-Residencia
26.04.2017 | Max-Planck-Institut für Astronomie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten