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Kurz und schmerzhaft? Wie man Fohlen am besten von ihren Müttern entwöhnt

06.10.2011
Die Entwöhnung von der Mutter ist für Pferdefohlen eine sehr belastende Zeit.

Ein Team um Christine Aurich von der Vetmeduni Vienna hat diese Phase im Leben junger Pferde genauer untersucht und kam zu überraschenden Ergebnissen. So sind die jungen Tiere extremem Stress ausgesetzt, egal, auf welche Weise die Trennung passiert. Verbringen die Fohlen diese Zeit jedoch in der Gesellschaft ihnen vertrauter Stuten, so werden sie mit der Situation am besten fertig. Die Studie wurde in der Zeitschrift „Stress“ online veröffentlicht.

Geboren zu werden, ist das Stressigste, was einem passieren kann, so eine verbreitete Überzeugung. Das Entwöhntwerden von der Mutter, in der Pferdezucht als Absetzen bezeichnet, ist für den Nachwuchs jedoch kaum angenehmer. Menschenkinder gewöhnen sich allmählich daran, dass die Mama mehr Abstand sucht, und bei vielen Tieren ist das wahrscheinlich genauso. Die Art, wie die Trennung konkret abläuft, kann jedoch dramatische Auswirkungen darauf haben, wie gut der Nachwuchs mit dem Schock fertig wird. Dass das zumindest für Pferde gilt, konnte ein Team um Christine Aurich vom Graf-Lehndorff-Institut der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) in einer neuen Studie zeigen.

In freier Wildbahn dauert die Entwöhnungsphase ungefähr ein Jahr lang. Es geht Schritt für Schritt: Die Mütter wehren die Fohlen zuerst schwach, später immer stärker ab, wenn sie saugen wollen, und produzieren zudem immer weniger Milch. So muss sich der Nachwuchs vermehrt um andere Nahrung bemühen. Diese langwierige Prozedur steht in starkem Kontrast dazu, wie Fohlen in der Obhut des Menschen von Ihren Müttern entwöhnt werden. Das passiert nämlich abrupt, zudem sind diese Fohlen beim Absetzen deutlich jünger als ihre wilden Artgenossen. Den Jungtieren wird so sowohl ihre wichtigste Nahrungsquelle als auch der mütterliche Schutz auf einen Schlag entzogen. Mit dem steigenden Bemühen um das Wohlbefinden von Tieren wurden aber jüngst auch für das Absetzen von Fohlen sanftere Methoden eingeführt. Dennoch gibt es noch wenig Forschung darüber, ob die neuen Trennungspraktiken die Situation für die Fohlen auch tatsächlich verbessern. Aurichs Team hat nun untersucht, wie verschiedene Methoden des Absetzens das Stressniveau von Fohlen beeinflussen.

Drei Trennungsszenarien verglichen

In Zusammenarbeit mit Sandra Rose-Meierhöfer vom Leibnitz Institut für Agrartechnik im deutschen Potsdam-Bornim und mit anderen Forschenden untersuchte Regina Erber aus Aurichs Forschungsgruppe bei Fohlen drei Methoden des Absetzens: In der ersten Gruppe, A genannt, wurden die Muttertiere abrupt und gleichzeitig aus dem Fohlenstall entfernt. Gruppe B wurde genauso von ihren Müttern getrennt, jedoch blieben zwei Stuten im Fohlenstall, die mit den Fohlen zwar nicht verwandt, die aber dennoch von deren Geburt an in ihrer Nähe waren. In Gruppe C, die aus sechs Fohlen bestand, wurden jeweils zwei Muttertiere pro Tag entfernt, bis die Fohlen ebenfalls alleine im Stall waren. Die Forschenden untersuchten das Verhalten der Fohlen, um festzustellen, wie sie mit ihrem neuen, unabhängigen Leben zurechtkamen. Zudem bestimmten sie die Konzentration von Stresshormonen im Speichel der Tiere und maßen ihre Herzschlagraten.

Trennung ist in Gesellschaft leichter

Die Ergebnisse waren überraschend und dramatisch. Das Absetzen war für die Fohlen in jeder der drei Situationen mit extremem Stress verbunden. Alle Fohlen verloren nach der Trennung von ihren Müttern deutlich an Gewicht. Unmittelbar nach der Trennung war die Konzentration von Stresshormonen im Speichel der Fohlen gleich hoch wie die von Pferden beim Transport, eine bekanntermaßen äußerst belastende Situation. Die Stresshormonkonzentration war zudem gleich hoch, egal, auf welche Art die Fohlen von ihren Müttern getrennt wurden. Deutliche Unterschiede zeigten sich jedoch in der Zeit, die die jungen Pferde brauchten, um mit dem neuen Leben ohne Mamas zurechtzukommen. In den Gruppen A und C, in denen die Fohlen am Ende allein unter sich waren, dauerte es deutlich länger, bis die Tiere wieder an Gewicht zulegten. Zudem zeigten diese Fohlen vermehrt andere Stresssymptome wie häufiges Wiehern und verstärktes Umherlaufen.

Die Anwesenheit nicht mit ihnen verwandter Stuten hilft Fohlen also dabei, die Trennung von ihren Müttern zu verkraften. Aurich vergleicht diese Situation mit wild lebenden Pferden: „Wildpferde leben in Familiengruppen, die sich aus einem Hengst und einigen Stuten mit ihrem Nachwuchs zusammensetzen. Die Anwesenheit anderer Stuten beim Absetzen der Fohlen von ihren Mutterstuten ähnelt der natürlichen Zusammensetzung der Gruppen, das scheint den Fohlen in der ersten Zeit nach der Trennung das Leben ohne ihre Mütter leichter zu machen.“ Wie die Mutterstuten die Trennung von ihrem Nachwuchs erleben, und ob sie dabei auch Hilfe brauchen könnten, war noch nicht Thema von Studien. Könnte es zum Beispiel sein, dass die Stuten nach der Trennung von ihren Fohlen froh sind, wieder frei zu sein?

Der Artikel “Behavioral and physiological responses of young horses to different weaning protocols – a pilot study” von Regina Erber, Manuela Wulf, Sandra Rose-Meierhöfer, Mareike Becker-Birck, Erich Möstl, Jörg Aurich, Gundula Hoffmann und Christine Aurich wurde am 29. August 2011 in der Zeitschrift “Stress” online veröffentlicht. Die Arbeiten zu dieser Studie wurden am Graf Lehndorff Institut für Pferdewissenschaften durchgeführt, einer gemeinsamen Forschungseinrichtung der Veterinärmedizinischen Universität Wien und des Staatsgestüts des deutschen Bundeslandes Brandenburg in Neustadt (Dosse).

Die Zusammenfassung des wissenschaftlichen Artikels online:
http://informahealthcare.com/doi/abs/10.3109/10253890.2011.606855
Rückfragehinweis
Ao.Univ.Prof. Dr. Christine Aurich
Graf-Lehndorff-Institut für Pferdewissenschaften
Veterinärmedizinische Universität Wien
E christine.aurich@vetmeduni.ac.at
T +43 664 60257-6400
Aussender
Mag. Klaus Wassermann
E klaus.wassermann@vetmeduni.ac.at
T +43 1 25077-1153

Beate Zöchmeister | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

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