Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Klimawandel – die Tanne sticht Fichte und Buche aus

10.08.2017

Fichten und Buchen können mit dem sich rasch verändernden Klima kaum Schritt halten. Für die auf Fichtenholz ausgerichtete Waldwirtschaft birgt dies Risiken. Diese liessen sich verringern, wenn man vermehrt auf Weisstannen setzen und Fichten von wärmeren Wuchsorten verwenden würde, wie eine Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL zeigt.

Durch den Klimawandel wird es im Schweizer Wald wärmer und trockener. Um an ihrem jetzigen Wuchsort weiterhin zu gedeihen, müssten die Bäume ihr Erbgut an das sich schnell verändernde Klima anpassen. Dazu sind sie aber in so kurzer Zeit kaum imstande – eine einzige Baumgeneration dauert ja schon rund 100 Jahre oder länger. Für die Wälder wird deshalb entscheidend sein, wie gut die Bäume bereits heute an das zukünftige Klima angepasst sind.


Junge Fichten (Picea abies) aus mehreren Populationen im Pflanzgarten bei Matzendorf (Kt. Solothurn). Deutlich erkennbar sind die unterschiedlichen Baumhöhen der einzelnen Herkünfte.

Aline Frank / WSL

Einzigartiger Vergleich von Fichte, Tanne und Buche

Ein Forschungsteam der WSL unter der Leitung von Caroline Heiri untersuchte erstmals für Schweizer Fichten, Tannen und Buchen, welchem Risiko diese drei für die Schweizer Wald- und Holzwirtschaft wichtigsten Baumarten durch den Klimawandel ausgesetzt sind. Die Forschenden führten ihre Untersuchung im Rahmen des Forschungsprogramms "Wald und Klimawandel" vom Bundesamt für Umwelt BAFU und der WSL durch.

Sie gingen zuerst der Frage nach, wie stark sich die Bäume über viele Baumgenerationen hinweg an das Klima ihres jeweiligen Wuchsortes angepasst haben. Starke genetische Anpassung bedeutet, dass eine Baumpopulation auf bestimmte Umweltbedingungen fixiert ist, geringe Anpassung, dass sie sich bei unterschiedlichen Bedingungen behaupten kann. Mithilfe von Klimaszenarien schätzte das Forschungsteam dann das Risiko ab, dass die Populationen gegen Ende des 21. Jahrhunderts schlecht angepasst sind.

Die Ergebnisse lassen aufhorchen. Bisherige Studien ergaben, dass die Fichte insbesondere im Schweizer Mittelland durch zunehmende Wärme und Trockenheit unter Druck geraten wird. Die neue Untersuchung zeigt nun, dass diese Baumart sogar landesweit einem hohen klimatisch bedingten Risiko ausgesetzt ist. Schweizer Fichten haben sich offenbar in den vergangenen Jahrtausenden stark an das Lokalklima ihres Wuchsortes angepasst. Sie und ihre Nachkommen dürften zunehmend schlecht angepasst sein an die steigenden Temperaturen in den nächsten Jahrzehnten, insbesondere in heute schon warmen Regionen.

Auch die Laubbaumart Buche ist klimatischen Risiken ausgesetzt, allerdings weniger stark als die Fichte. Ganz im Gegensatz zur Tanne. Diese hat ihre Wachstumseigenschaften in praktisch allen untersuchten Populationen kaum an das lokale Klima angepasst. Sie dürfte mit einem weiteren Wandel des Klimas durchaus klarkommen. "Dass die Fichte so stark und die Tanne fast gar nicht an die lokalen klimatischen Bedingungen angepasst ist, hat uns sehr überrascht", sagt Aline Frank von der WSL, Erstautorin dieser Studie.

Handlungsbedarf und Hoffnung für die Waldwirtschaft

Die neuen Ergebnisse, die soeben in der Fachzeitschrift Global Change Biology veröffentlicht wurden, sind wichtig für die Forstpraxis. Sie zeigen, dass die an das jeweilige lokale Klima angepasste Fichte, der "Brotbaum" der Schweizer Waldwirtschaft, mit voranschreitendem Klimawandel bis Ende des 21. Jahrhunderts schweizweit gefährdet ist.

Es besteht also Handlungsbedarf, will man fichtenreiche Wälder rechtzeitig auf den Klimawandel vorbereiten. Die Fichte sollte an allen Wuchsorten künftig zurückhaltend verwendet und nur auf gut wasserversorgten Wuchsorten gefördert werden. Um dem Klimawandel etwas vorzugreifen, können junge Fichten, deren Samen von wärmeren Wuchsorten stammen, an heute noch kühleren Orten gepflanzt werden. Vorausgesetzt, diese so genannten Herkünfte sind genügend frostresistent, um mit den gegebenenfalls noch harscheren Klimabedingungen am neuen Standort zurecht zu kommen. Dabei können sowohl einheimische Herkünfte verwendet werden, z.B. Fichten vom Talboden für einen höher gelegenen Wald, wie auch ausländische Herkünfte aus besonders warmen Regionen.

Ein ähnliches Vorgehen ist für die Buche denkbar; hier bieten sich Herkünfte von heute bereits trockenen Wuchsorten an. "Wenn wir Saatgut von Bäumen aus wärmeren und trockeneren Regionen verwenden, haben wir mindestens für eine weitere Waldgeneration die Chance, dass die Baumart weiter gedeiht.

Die Wälder bleiben damit stabil und schützen vor Naturgefahren," folgert Ko-Autorin Caroline Heiri (WSL) aus den Forschungsergebnissen. "Eine Wunderherkunft gibt es allerdings weder für Fichten noch für Buchen," sagt Aline Frank. "Daher ist auch ein Wechsel der Baumart in Betracht zu ziehen." Hier könnte die Tanne, die sich in der Studie aufgrund ihrer grossen klimatischen Flexibilität als "Allrounderin" herausgestellt hat, für die Forstpraxis zur Hoffnungsträgerin werden. Die Förderung dieser Baumart bietet also für die Waldwirtschaft grosse Chancen.

>> KASTEN<<
Baumpopulationen sind in der Lage, sich genetisch an Veränderungen der Umwelt anzupassen. Dieser Prozess verläuft jedoch aufgrund der langen Generationszeiten von Bäumen sehr langsam. Ändert sich das Klima so rasch wie derzeit, kann sich das Erbgut der Bäume nicht schnell genug an das erwartete wärmere und trockenere Klima anpassen. Die Folge: Die Erbanlagen der Bäume sind nicht mehr auf ihre lokale Umwelt abgestimmt.

Um dieses Risiko zu untersuchen, haben Forschende der WSL zwei Pflanzgärten bei der WSL in Birmensdorf (Zürich) und oberhalb Matzendorf (Solothurn) angelegt. An rund 16‘000 Pflanzen haben sie untersucht, welche Wachstumseigenschaften die Nachkommen von 92 Fichten- sowie 90 Tannen- und 77 Buchen-Populationen aus allen Regionen der Schweiz aufweisen. Die Populationen stammen aus unterschiedlich warmen und feuchten Klimaregionen der ganzen Schweiz. Konkret untersuchten die Forschenden das Wachstum der jungen Bäume, den Austriebszeitpunkt der Blattknospen im Frühling sowie den Wachstumsstopp im Spätsommer (Fichte und Tanne) bzw. die Blattverfärbung im Herbst (Buche). Zeigten die Populationen grosse Unterschiede in diesen wichtigen Merkmalen und hingen diese mit dem Klima am Herkunftsort zusammen, bedeutet dies eine starke lokale Anpassung und damit ein hohes Risiko für die Baumart, in Zukunft durch den Klimawandel lokal nicht mehr optimal angepasst zu sein.

Weitere Informationen:

http://www.wsl.ch/medien/news/Wald_Klimawandel_Adapt/index_DE News-Meldung WSL mit Bildmaterial und Links

Reinhard Lässig | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: Buche Fichte Landschaft Tanne WSL Waldwirtschaft klimawandel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Agritechnica: Silber für neue Technologie zur Blütenausdünnung im Obstbau
16.10.2017 | Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)

nachricht Getreide, das der Dürre trotzt
19.09.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aufräumen? Nicht ohne Helfer

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Biotinte für den Druck gewebeähnlicher Strukturen

19.10.2017 | Materialwissenschaften

Forscher studieren molekulare Konversion auf einer Zeitskala von wenigen Femtosekunden

19.10.2017 | Physik Astronomie