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TA-Akademie: Zu viele Wissenslücken bei Pflanzenschutzmitteln

23.07.2001


Mehr messen - weniger spritzen

Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungs-mittel (PBSM) werden in der Landwirtschaft offenbar weiterhin ungebremst eingesetzt. ,,Die Menge an verkauften Pflanzenschutzmitteln ist in den vergangenen Jahren wieder angestiegen, und dies, obwohl die neuen Spritzmittel bereits in kleinsten Mengen wirken und die Anwendungstechnik immer ausgefeilter wird’’, sagt Zerrin Akkan, Projektleiterin an der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg (TA-Akademie). In einer neuen Studie* untersucht sie erstmals umfassend, wie viel PBSM in Baden-Württemberg in Umwelt und Nahrungsmittel gelangen und welche Risiken der Bevölkerung daraus erwachsen.
Dank empfindlicher Analytik finden sich bei etwa der Hälfte der Proben von Obst und Gemüse Spuren von Pflanzenschutzmitteln, die niedrig angesetzten Höchstmengen werden aber nur bei ein bis drei Prozent der Proben überschritten. Höhere Rückstände, vorwiegend von Pilzbekämpfungsmitteln, finden sich bei Erdbeeren, Steinobst, Kopfsalat und Gemüsepaprika, die im Ausland erzeugt wurden. ,,Es ist noch zu wenig bekannt, welche Folgen eine langfristige Einwirkung sehr kleiner Mengen PBSM auf den Menschen und andere Organismen hat’’, so Akkan. Besonderes Augenmerk verdienten Mehrfachbelastungen, hier bestehe noch reichlich Forschungsbedarf.
In den letzten Jahren wurde die Hauptbelastung des Grundwassers durch fünf Unkrautvernichtungsmittel hervorgerufen: Bei Atrazin, Bromacil und Hexazinon handelt es sich um Wirkstoffe, die allesamt bereits seit Jahren verboten sind. Ihre Konzentration geht allmählich zurück. Dagegen werden zwei seit Jahren auffällige Wirkstoffe, Dichlobenil und Bentazon, erst neuerdings intensiver überprüft. Zwar gibt es in Baden-Württemberg eines der dichtesten Messnetze bundesweit, doch die Prüfer können immer nur eine Auswahl von Stoffen messen. Zerrin Akkan: ,,Es sollte verstärkt das gemessen werden, was in der Region bedeutsam sein könnte’’. Dazu bedürfe es aber einer genauen Dokumentation aller Spritzmitteleinsätze durch die Landwirte, wie sie die neue Bundesnaturschutznovelle vorsieht. Das gelte auch im Hinblick auf die Verunreinigung von Oberflächengewässern mit PBSM, die insgesamt weniger untersucht werden als das Grundwasser. ,,Bei der Überwachung von Pilz- und Insektenbekämpfungsmitteln gibt es erhebliche Lücken’’, kritisiert Akkan. Die für die biologische Vielfalt so wichtigen kleinen Fließgewässer würden aus Geldmangel ohnehin nur sporadisch untersucht.
Als eine wichtige Ursache für die Verunreinigung von Oberflächengewässern mit PBSM gilt in Baden-Württemberg der Eintrag aus Hofabläufen. ,,Das hängt mit dem kleinflächigen Landbau in Baden-Württemberg zusammen, der mit rund 41 Feldspritzen pro 1000 Hektar die höchste Spritzenausstattung pro Flächeneinheit bundesweit hat’’, so die Wissenschaftlerin. Schätzungen zufolge könnten bis zu 90 Prozent der Einträge in Oberflächengewässer vermieden werden, wenn die Bauern ihre Spritzen sachgerecht auf dem Feld statt auf dem Hof reinigen würden. In diesem Zusammenhang begrüßt die Wissenschaftlerin die Anstrengungen der Agrarindustrie, die Feldreinigung zunehmend zu etablieren. ,,Eine relativ einfache Maßnahme mit großer Wirkung, die die besonders betroffenen, empfindlichen Lebensgemeinschaften in kleinen Gewässern enorm entlasten würde, ohne das Grundwasser zusätzlich zu gefährden’’, so Akkan. Dieser und weitere Lösungsansätze zur Verminderung der PBSM-Belastung werden derzeit an der TA-Akademie in mehreren Expertenrunden direkt mit den Betroffenen diskutiert. Ergebnisse dieses Folgeprojektes werden Ende des Jahres vorliegen.
Ansprechpartner: Dr. Zerrin Akkan, Tel: 0711/9063-136 
zerrin.akkan@ta-akademie.de

Dr. Holger Flaig, Tel: 0711/9063-131 
holger.flaig@ta-akademie.de

*Zerrin Akkan, Holger Flaig, Karlheinz Ballschmiter: Emissionen von Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungsmitteln aus Land- und Forstwirtschaft. Erscheint im Herbst voraussichtlich als Buch.

Dr. Birgit Spaeth | idw

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