Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gefahr für Berlins Trinkwasser?

26.10.2000


... mehr zu:
»IGB
Der Spree droht der Kollaps. Wissenschaftler schlagen Alarm und zeigen Lösungswege auf

BONN/BERLIN. Der Spree in Berlin droht der Kollaps. An einigen Stellen ist der Fluss im Sommer bereits zum Stillstand gekommen, ganze Gewässerabschnitte sind von Flussfischen verlassen, Muschelbänke ersticken im Schlamm, Wasserinsekten fehlt Sauerstoff und Strömung, Auen trocknen aus. Ursache ist ein künstlicher Wasserabfluss. Denn mit dem Wasser der Spree und anderer Flüsse wird zur Zeit der inzwischen stillgelegte und bis zu 120 Meter tiefe Braunkohletagebau aus DDR-Zeiten in der Lausitz in Brandenburg und Sachsen zu Freizeitseen aufgefüllt. Die Folgen für das Spree-Ökosystem haben Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) untersucht und jetzt Alarm geschlagen, aber auch Wege aus der Krise aufgezeigt.

Während der intensiven Braunkohlegewinnung im Tagebau über Jahrzehnte musste der Grundwasserspiegel auf einer großen Fläche abgesenkt werden. Das überschüssige Grundwasser wurde in die Flüsse gepumpt. Die Spree und das Leben in ihr hatten sich an diese gigantische Zufuhr der Wassermenge - die im Laufe der Zeit dem doppelten Wasservolumen des Oderhochwassers von 1997 entsprach - gewöhnt. Nun wird ihr nicht nur dieses künstliche Zufuhrwasser, sondern zusätzlich noch ein Teil ihres natürlichen Wasserabflusses wieder entzogen. Trockene Sommer wie in diesem Jahr verringern den Durchfluss der Spree zusätzlich. Dies alles beeinträchtigt die Wasserqualität ebenso wie die im Fluss heimische Pflanzen- und Tierwelt. "Die ökologischen Auswirkungen sind um so prekärer, als man den Flussquerschnitt zur Ableitung der großen Grundwassermengen und für die geplanten Schifffahrtszwecke in weiten Abschnitten verbreitert und vertieft hat", erläutert IGB-Wissenschaftler Martin Pusch.

Bei den Untersuchungen der IGB-Experten im Auftrag des Bundesforschungsministeriums und des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Raumordnung Brandenburg ging es insbesondere um die Frage, wie viel Wasser in der Spree mindestens belassen werden muss, damit der Fluss ökologisch "funktioniert". Für den am stärksten betroffenen Flussabschnitt, der sogenannten "Krummen Spree", unterhalb des Spreewaldes, wollten die Biologen und Hydrologen wissen, wie sich die Durchflussverringerung auf das Leben im Fluss auswirkt.

Dabei stellten sie fest, dass sich besonders beim kritischen sommerlichen Niedrigwasser die Schwebealgen (Phytoplankton) der Spree rasant vermehren. Andererseits wird das Phytoplankton in einer Art biologischen Selbstreinigung sehr wirksam durch auf dem Flussgrund in großer Zahl lebende Flussmuscheln ausfiltriert. Das Überleben der Flussmuschel ist zur Zeit jedoch akut gefährdet, da während der lang anhaltenden Niedrigwasserphase im Sommer diesen Jahres die Schwebstoffe auf den Flussgrund absanken. In den so entstandenen Schlammbänken drohen die Flussmuscheln zu ersticken. Beim bakteriellen Abbau des abgelagerten organischen Schlamms werden große Mengen Sauerstoff verbraucht. Aufgrund des unnatürlichen, tiefen Querprofils des ausgebauten Flusses wird das lebenswichtige Gas aber nur langsam über die Wasseroberfläche nachgeliefert. Das führt zu länger anhaltendem Sauerstoffmangel in den unteren Flussabschnitten. Deswegen sind typische Flussfischarten wie Barbe oder Quappe aus der Spree bereits verschwunden. Auch die Artenzahl der wirbellosen Kleintiere ist durch den Sauerstoffmangel bereits deutlich zurückgegangen. Durch die verringerte Wasserführung und künstliche Vertiefung der Spree sind zudem die Auen und die Laichgewässer der für diesen Lebensraum typischen Rotbauchunke weithin trockengefallen, so dass diese Amphibienart in den ehemaligen Überschwemmungsgebieten vermutlich bereits ausgestorben ist.

Die Wissenschaftler des IGB warnen, dass bei einem Kollaps der Selbstregulation des Spree-Ökosystems die Wasserqualität auch in den Berliner Spreegewässern bedroht sein könnte, da sich dann die Planktonalgen, insbesondere die gesundheitsschädliche Gruppe der Blaualgen, massiv vermehren könnten. An den Ufern der Berliner Spreegewässer gewinnt die Hauptstadt drei Viertel ihres Trinkwassers. "Der in den Blaualgen enthaltende Giftstoff ,Microcystin’ wurde in den Berliner Trinkwasserbrunnen bereits nachgewiesen, wenn auch in geringen Konzentrationen", sagt Pusch.

Eine Lösungsmöglichkeit besteht in einem baldigen naturnahen Rückbau (Renaturierung) des Flussbetts der Spree. Die IGB-Wissenschaftler prognostizieren, dass nach einer Verkleinerung des Gewässerquerschnitts und einer Wiederbelebung der ehemals abgetrennten Flussschleifen (Mäander) die Fließgeschwindigkeit und der Sauerstoffgehalt des Spreewassers auch bei geringer Wasserführung akzeptable Werte erreichen würde. Typische Flussfischarten wie Barbe, Hasel, Döbel, Rapfen oder Quappe könnten wieder Lebensmöglichkeiten finden. Gleichzeitig würde das im Winter reichlicher vorhandene Wasser in renaturierten Auen besser bis in den Sommer gespeichert werden.

Für insgesamt 50 Flusskilometer der Spree existieren bereits Vorplanungen für eine Renaturierung, die zügig umgesetzt werden könnten. Die Kosten werden in Abhängigkeit vom aktuellen Zustand von Fluss und Aue auf 0,1 bis 1 Million Mark pro Flusskilometer geschätzt.

Weitere Informationen bei
Dr. Martin Pusch
Tel. 030/64181 685
E-Mail: pusch@igb-berlin.de
und
Dr. Jan Köhler
Tel. 030/64181 687
E-Mail: koehler@igb-berlin.de
beide Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Müggelseedamm 310
12587 Berlin
Internet: http://www.igb-berlin.de

Das IGB gehört zusammen mit 77 anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen zur Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. (WGL). Das Spektrum der Leibniz-Institute ist breit und reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften und Museen mit angeschlossener Forschungsabteilung. Die Institute arbeiten nachfrageorientiert und interdisziplinär. Sie sind von überregionaler Bedeutung, betreiben Vorhaben im gesamtstaatlichen Interesse und werden deshalb von Bund und Ländern gemeinsam gefördert. Näheres unter: http://www.wgl.de.

WGL-Geschäftsstelle, Ahrstraße 45, 53175 Bonn, Tel.: 0228/30815-0,
Fax: 0228/30815-55, E-Mail: wgl@wgl.de
Belegexemplar erbeten!

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Dr. Frank Stäudner | idw

Weitere Berichte zu: IGB

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Umweltressourcen nachhaltig nutzen
17.07.2018 | Leibniz Universität Hannover

nachricht Mikroplastik – überall und in großen Mengen
12.07.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Sichere Schraubverbindungen mit standardisiertem Ultraschallverfahren

23.07.2018 | Verfahrenstechnologie

Studie zu Werkstoffprüfung: Schäden in nichtmagnetischem Stahl mit Magnetismus aufspüren

23.07.2018 | Studien Analysen

Sauerstoffstabile Hydrogenasen für die Anwendung

23.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics