Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zerfallende Familien - dicke Kinder?

26.01.2010
Studie zu sozialen Ursachen von Übergewicht und Adipositas

Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen haben in den vergangenen Jahren in den Industriestaaten zugenommen, so auch in Deutschland. Meist werden die Ursachen der "juvenilen Adipositas" dabei auf ein individuelles Fehlverhalten verkürzt: Zu viel, zu "fett", zu "süß", zu wenig Bewegung, und das Übergewicht sei programmiert.

Wissenschaftler des Instituts für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart spannten den Bogen weiter. In einer auf fünf Jahre angelegten Studie ermittelten sie die sozialen Ursachen von Adipositas. Dicke Kinder, so das Ergebnis, sind eine Folge der gesellschaftlichen Modernisierung, wobei Übergewicht maßgeblich durch das Auseinanderfallen sozialer und kultureller Strukturen begünstigt wird: durch die Folgen der Überflussgesellschaft auf der einen und durch familiale Erosionsprozesse und Funktionsdefizite auf der anderen Seite. Die Forscher fordern daher ein radikales Umdenken in der Behandlung des Problems. Statt Kindern und Jugendlichen (meist erfolglos) Verhaltensänderungen aufzuzwingen, sollte den Rahmenbedingungen für passiv-konsumtive Freizeitgestaltung und Überernährung entgegengewirkt werden.

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten und von zahlreichen Partnern unterstützten, interdisziplinären Projekts wurden über 50 Einzelursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit identifiziert. Als zentrale Bedingungen für die Verbreitung von Übergewicht kristallisierte sich dabei ein Zusammenspiel von drei Faktoren heraus: Zu den individuellen Dispositionen und Gewohnheiten gesellen sich die Lebensbedingungen einer Überflussgesellschaft, in der energiereiche Lebensmittel jederzeit zur Verfügung stehen aber auch eine Vielzahl technischer Produkte, die die Bewältigung des Alltags ohne große Kraftanstrengung ermöglichen. In nicht wenigen Fällen wirkt ein familiäres Umfeld problemverschärfend, das Kinder und Jugendliche nur unzureichend auf diese Lebensbedingungen vorbereitet, Kenntnisse zur Etablierung eines gesunden Lebensstils nur mangelhaft vermittelt und die Kinder häufig sich selbst überlässt.

"Was die Kinder in Anbetracht der hoch technisierten Überflussgesellschaft vor allem brauchen, ist die Fähigkeit, kompetente Entscheidungen zu treffen und diese regelgeleitet - und wenn nötig selbstdiszipliniert - zum Wohle ihrer Gesundheit umzusetzen. Diese Fähigkeiten werden normalerweise im Elternhaus erlernt", so der Stuttgarter Sozialwissenschaftler Dr. Michael Zwick. Der Strukturwandel seit den 1970er Jahren habe allerdings zu wachsenden Erziehungsdefiziten geführt, sei es durch auseinander fallende Familien, durch die berufsbedingte Abwesenheit der Eltern oder auch nur durch asynchrone Zeitabläufe der einzelnen Familienmitglieder, mit der Folge, dass Kinder oft sich selbst überlassen sind. "In den betroffenen Familien isst jeder, salopp gesagt, wann, wo und was er will, und die Freizeitgestaltung folgt dem selben Muster", so Zwick. Bei vielen Kindern und Jugendlichen genießt die Mediennutzung eine hohe Anziehungskraft; häufig seien Computer und Spielkonsole attraktiver als das Spiel im Freien, wozu aber auch ein wenig kind- und bewegungsgerechtes Umfeld beitragen kann.

Dass Abmagerungskuren bei solchen Verhaltensmustern und in einem Übergewicht fördernden Umfeld wenig Erfolg versprechen und einmal verlorene Pfunde schnell wieder gewonnen sind, liegt auf der Hand. Zudem werden gerade "Problem-Familien" von Appellen und Kampagnen meist gar nicht erreicht, mit der Folge eines geringen Problembewusstseins. Präventionsmaßnahmen, so die Forderung der Wissenschaftler, müssen deshalb an mehreren Punkten zugleich ansetzen. Da es einfacher ist, Rahmenbedingungen, in welche Handlungen eingebettet sind, zu verändern, als tief verankerte Gewohnheiten, sollten vorrangig solche Maßnahmen Pflicht werden, die die Wahl gesunder Optionen fördern. Zusätzlich zu vielen anderen Vorschlägen zur Prävention von Übergewicht, treten die Forscher entschieden für die bis heute umstrittene Ampel-Kennzeichnung besonders fett- oder zuckerhaltiger Lebensmittel ein. Die Kennzeichnung hat weniger den Effekt, dass Konsumenten diese Kennzeichen nutzen, um ihr Einkaufverhalten zu ändern, sondern vielmehr die indirekte Wirkung, dass es sich Firmen nicht leisten können, viel rote Produkte im Regal zu haben und daher von sich heraus auf gesündere Nahrungsmittel umstellen. Dieser Trend zur Veränderung des Angebots hat sich auch in den Ländern wie Großbritannien gezeigt, in denen die Auszeichnungspflicht nach dem Ampel-Modell vorgeschrieben ist. Ein weiterer Ansatzpunkt sei eine bedarfsgerechte Umgestaltung von Wohnquartieren zugunsten attraktiverer Aktivitäten im Freien, beziehungsweise die bedarfsgerechte Schaffung von wohnortnahen Sport- und Spielstätten mit freiem Eintritt für Kinder und Jugendliche. Besonders dringlich sei ferner die Schaffung von dauerhaften Stellen und Strukturen für die Koordination und Vernetzung der zahlreichen Programme, Projekte und Kampagnen, damit Synergieeffekte entstehen und ihre Effektivität sichergestellt werden können. Last but not least gilt es, zu überlegen, welche gesellschaftlichen Institutionen geeignet sind, die familialen Erziehungsdefizite auszugleichen.

Weitere Informationen bei
Dr. Michael Zwick, Institut für Sozialwissenschaften/ Abteilung Technik- und Umweltsoziologie, Tel. 0711/685-83972, e-mail zwick@soz.uni-stuttgart.de

Ursula Zitzler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-stuttgart.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wenn das Smartphone zur Schuldenfalle wird
15.10.2018 | Justus-Liebig-Universität Gießen

nachricht Atomare Verunreinigung ähnlich wie bei Edelsteinen dient als Quanten-Informationsspeicher
01.10.2018 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Gravitationswellen die Dunkle Materie ausleuchten

Schwarze Löcher stossen zusammen, Gravitationswellen breiten sich durch die Raumzeit aus - und ein riesiges Messgerät ermöglicht es, die Struktur des Universums zu erkunden. Dies könnte bald Realität werden, wenn die Raumantenne LISA ihren Betrieb aufnimmt. UZH-Forschende zeigen nun, dass LISA auch Aufschluss über die schwer fassbaren Partikel der Dunklen Materie geben könnte.

Dank der Laserinterferometer-Raumantenne (LISA) können Astrophysiker Gravitationswellen beobachten, die von Schwarzen Löchern ausgesendet werden. Diese...

Im Focus: Auf dem Weg zu maßgeschneiderten Naturstoffen

Biotechnologen entschlüsseln Struktur und Funktion von Docking Domänen bei der Biosynthese von Peptid-Wirkstoffen

Mikroorganismen bauen Naturstoffe oft wie am Fließband zusammen. Dabei spielen bestimmte Enzyme, die nicht-ribosomalen Peptid Synthetasen (NRPS), eine...

Im Focus: Größter Galaxien-Proto-Superhaufen entdeckt

Astronomen enttarnen mit dem ESO Very Large Telescope einen kosmischen Titanen, der im frühen Universum lauert

Ein Team von Astronomen unter der Leitung von Olga Cucciati vom Istituto Nazionale di Astrofisica (INAF) Bologna hat mit dem VIMOS-Instrument am Very Large...

Im Focus: Auf Wiedersehen, Silizium? Auf dem Weg zu neuen Materalien für die Elektronik

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz haben zusammen mit Wissenschaftlern aus Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgarien) und Madrid (Spanien) ein neues, metall-organisches Material entwickelt, welches ähnliche Eigenschaften wie kristallines Silizium aufweist. Das mit einfachen Mitteln bei Raumtemperatur herstellbare Material könnte in Zukunft als Ersatz für konventionelle nicht-organische Materialien dienen, die in der Optoelektronik genutzt werden.

Bei der Herstellung von elektronischen Komponenten wie Solarzellen, LEDs oder Computerchips wird heutzutage vorrangig Silizium eingesetzt. Für diese...

Im Focus: Goodbye, silicon? On the way to new electronic materials with metal-organic networks

Scientists at the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) in Mainz (Germany) together with scientists from Dresden, Leipzig, Sofia (Bulgaria) and Madrid (Spain) have now developed and characterized a novel, metal-organic material which displays electrical properties mimicking those of highly crystalline silicon. The material which can easily be fabricated at room temperature could serve as a replacement for expensive conventional inorganic materials used in optoelectronics.

Silicon, a so called semiconductor, is currently widely employed for the development of components such as solar cells, LEDs or computer chips. High purity...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Lehren und Lernen mit digitalen Medien im Fokus

22.10.2018 | Veranstaltungen

Natürlich intelligent

19.10.2018 | Veranstaltungen

Rettungsdienst und Feuerwehr - Beschaffung von Rettungsdienstfahrzeugen, -Geräten und -Material

18.10.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Chemie aus der Luft: atmosphärischem Stickstoff als Alternative

22.10.2018 | Biowissenschaften Chemie

Gebirge bereiten Boden für Artenreichtum

22.10.2018 | Geowissenschaften

Neuer Wirkstoff gegen Anthrax

22.10.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics