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Wie ein Staubsauger – Mechanische Rekanalisation beim Schlaganfall

11.05.2010
Studie der Universität Göttingen berichtet über eine neue Methode der Interventionellen Neuroradiologie

Der Vergleich mit dem Haushaltsgerät hinkt zwar – die Wirkweise des PENUMBRA-Systems verdeutlicht er aber ganz gut. Wie mit einem Staubsauger entfernen Göttinger Neuroradiologen Gerinnsel aus den Blutbahnen von Schlaganfall-Patienten.

Die Studie, deren Ergebnisse auf dem 91. Deutschen Röntgenkongress vorgestellt werden, berichtet von Erfahrungen mit dieser innovativen Behandlungsmethode. Bei den 56 in die Studie aufgenommenen Patienten konnte bei ca. drei Viertel der Fälle das verschlossene Gefäß wieder eröffnet werden. Das Verfahren kann bei bestimmten Schlaganfall-Patienten eingesetzt werden und stellt neben den bereits etablierten Verfahren der Akutbehandlung des Schlaganfalls eine weitere Therapieoption dar.

„Herzstück des PENUMBRA-Systems ist der Reperfusionskatheter, der das Gerinnsel einsaugt“, erklärt Andreas Kreusch, Medizinstudent an der Universitätsklinik Göttingen. Er betreut die Studie im Rahmen seiner Doktorarbeit bei Professor Michael Knauth, Direktor der Abteilung für Neuroradiologie.

Der Katheter wird, wie bei fast allen minimalinvasiven Eingriffen an den Gefäßen üblich – über die Leistenarterie eingeschoben und an die betroffene Hirnregion herangeführt. Je nach Größe des zu öffnenden Gefäßes sind die Katheter zwischen 0,9 und 1,6 Millimeter dick. In der Angiografie, einer Bildmethode, die die Gefäße sichtbar macht, sieht der Neuroradiologe, wo der Gefäßverschluss liegt, der den Schlaganfall hervorgerufen hat. Das Absaugen des Gerinnsels erfolgt dann mit einem Unterdruck von rund 680 Millibar. Zum Vergleich noch einmal der Staubsauger: Er arbeitet etwa mit der Hälfte dieser Unterdruckleistung. Den Erfolg seiner Behandlung sieht der Neuroradiologe sofort auf dem Bildschirm – denn das geöffnete Gefäß färbt sich durch das mit Kontrastmittel angereicherte Blut wieder dunkel, die Rekanalisation ist geglückt.

Das PENUMBRA-System ist dabei eines von mehreren „mechanischen“ Systemen, die in Deutschland von Neuroradiologen zur Wiedereröffnung von verschlossenen Hirngefäßen verwendet werden. Mit anderen Systemen wird etwa versucht, das Gerinnsel „herauszuziehen“. Die Methode steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund: „Wahrscheinlich kommt der raschen Wiedereröffnung des verstopften Blutgefäßes die entscheidende Rolle zu und weniger, wie diese erreicht wird“, so Professor Knauth.

Penumbra – das Ziel jeder Akuttherapie des Schlaganfalls
Seinen Namen PENUMBRA-System verdankt diese Methode, die in Deutschland seit etwa 2007 angewandt wird, dem „Penumbra“ (lat. Halbschatten) genannten Gewebe. Ärzte bezeichnen damit Gewebe, dessen Blutversorgung durch einen Gefäßverschluss beeinträchtigt, aber nicht gänzlich abgeschnitten wurde. „Hirngewebe, das gar nicht durchblutet wird, stirbt nach wenigen Minuten ab. Für dieses Gewebe – auch ‚Infarktkern‘ genannt – können wir nichts mehr tun“, sagt Professor Knauth. Anders sieht es mit der Penumbra aus, denn hier sind die Nervenzellen durch den verminderten Blutfluss in ihrer Funktion zwar beeinträchtigt, können sich aber erholen, wenn es rechtzeitig gelingt, den Blutfluss zu normalisieren.

„Der Wiedereröffnung des Gefäßes kommt hierbei eine wichtige Rolle zu“, so Kreusch. Patienten, bei denen dies schnell gelungen ist, hatten – so zeigte es die Studie – nach einer Rehabilitationsphase von rund 50 Tagen eine bessere Lebensqualität hinsichtlich Motorik oder sprachlicher Fähigkeiten.

Überlebens- und Erfolgsrate immer eine Frage der Zeit
Doch die erfolgreiche Wiedereröffnung des Gefäßverschlusses ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist der Faktor Zeit. Je mehr Zeit zwischen dem Auftreten des Schlaganfalls und der Behandlung vergeht, desto mehr Hirngewebe stirbt ab, d.h. desto weniger „Penumbra“ ist vorhanden, die potentiell „gerettet“ werden kann. Wenn auch die anfangs vorhandene Penumbra bereits abgestorben ist, kann auch eine Wiedereröffnung des verschlossenen Gefäßes nicht mehr helfen.

„Viele Patienten kommen zu spät in die Klinik, manche sogar erst am Morgen nach dem Auftreten des Schlaganfalls.“ Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Der Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall, dessen Behandlung keinen Aufschub zulässt: „Time is Brain“.

Florian Schneider | idw
Weitere Informationen:
http://www.drg.de/

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