Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie zeigt: Verlagerung von Dienstleistungen ins Ausland ist kein Selbstläufer

26.06.2008
Buchhaltung in Prag, Softwareentwicklung in Bangalore oder Call Center in Istanbul. Die Verlagerung von Dienstleistungen in Niedriglohnländer, auf Neudeutsch Offshoring, erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Kein Wunder, versprechen Beratungen doch Kostensenkungen von bis zu 50 Prozent. Allerdings ist ein erfolgreiches Offshoring von Dienstleistungen in der Tat kein Selbstläufer. Dies zeigen Rückverlagerungen der Dienstleistungserstellung ins Inland.

Ernüchternd sind die Ergebnisse einer US-Studie: 78 Prozent jener Unternehmen, die bereits eigene Erfahrungen mit Offshoring gemacht haben, mussten sich bei mindestens einem oder gar mehreren Projekten zum Abbruch entschließen. Ist Offshoring wirklich die Lösung für Kostenprobleme in globalisierten Märkten? Welche Probleme erwarten Unternehmen bei der Verlagerung der Dienstleistungserstellung ins Ausland?

Und warum geht die Rechnung beim Offshoring häufig nicht auf? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Lehrstuhl für Controlling von Professor Hoffjan an der Technischen Universität Dortmund. Gemeinsam mit seinem Doktoranden Michael Brandau hat er dazu Unternehmen aus Deutschland, Schweiz und Osteuropa befragt, die bereits Erfahrungen mit Offshoring gemacht haben.

... mehr zu:
»Niedriglohnland

Warum verlagern Unternehmen die Dienstleistungserstellung in Niedriglohnländer? Der wichtigste Grund ist eindeutig die "Kostensenkung". In einem Unternehmen wurden z.B. Einsparungen von ca. 30 Prozent durch das Offshoring der Transaktionsabwicklung im Rechnungswesen erzielt.

Allerdings lassen sich die Vorteile niedriger Kosten bei der Dienstleistungserstellung vielfach nur in Kombination mit entsprechend qualifiziertem Personal realisieren. Die Studie zeigt: Viele Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen suchen im Ausland auch qualifizierte Fachkräfte. So steht das Motiv "Zugang zu Experten / Know-how" beim Offshoring an zweiter Stelle.

Welche Tätigkeiten werden in Niedriglohnländer verlagert? Hier zeichnet sich ein klarer Trend zur Verlagerung wissensintensiver Dienstleistungen ab, z.B. Auftragsentwicklung von Software. Dienstleistungen mit direktem Kundenkontakt, z.B. Call Center, werden hingegen wesentlich seltener offshore erbracht.

In welchem Umfang werden Dienstleistungen offshore erstellt? Es werden seltener komplette Geschäftsfunktionen oder Projekte verlagert. Vielmehr ist eine Tendenz zur Vergabe von Teilleistungen in Niedriglohnländer erkennbar. Im Rechnungswesen wird z.B. die Buchung und Dateneingabe im Offshore-Center durchgeführt, wohingegen die Verantwortung für die Richtigkeit der Daten und das Business Know-how in den Ländergesellschaften verbleiben.

Welches Geschäftsmodell wählen die Unternehmen beim Offshoring? Die Hälfte der befragten Unternehmen sehen Offshoring als dauerhaftes strategisches Investment an und gründen daher im Ausland eigene Tochtergesellschaften (35 Prozent) oder Joint Ventures (20 Prozent). Bei der firmeninternen Verlagerung werden die Auslandstöchter teilweise zu Profit Centern ausgebaut, da Unternehmen versuchen, die Erfolgsfaktoren von Offshore-Anbietern zu kopieren und selbst zu nutzen. Nur 45 Prozent der Unternehmen entscheidet sich hingegen für das Geschäftsmodell "Offshore-Outsourcing".

Welche Probleme treten bei der Verlagerung von Dienstleistungen in entfernte Regionen auf? Die Schwierigkeiten betreffen primär die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern am Firmensitz und den Mitarbeitern am Offshore-Standort, weshalb Fehlinterpretationen auftreten und die Leistungsanforderungen von den Offshore-Mitarbeitern nicht verstanden werden. Dies gilt vor allem wenn zur Dienstleistungserstellung komplexe, nicht standardisierte Tätigkeiten notwendig sind.

Missverständnisse werden oft nur verspätet kommuniziert und die Mitarbeiter am Offshore-Standort stellen generell weniger Rückfragen oder geben nur zögerlich Feedback. Dies lässt sich auch auf ein anderes Hierarchieverständnis der Offshore-Mitarbeiter in bestimmten Kulturkreisen zurückführen. Weiterhin hat das Länderrisiko, dem Unternehmen mit Tochtergesellschaften im Ausland ausgesetzt sind, eine große Bedeutung. Insgesamt wurden die Probleme und Risiken von den Unternehmen bei der Projektplanung zum Teil erheblich unterschätzt.

Die Konsequenzen lassen in den meisten Fällen nicht lange auf sich warten: Nacharbeiten und versteckte zusätzliche Steuerungs- und Kommunikationskosten. Um diesen Überraschungen vorzubeugen, würde sich der Einsatz des Controllings anbieten. In einigen Unternehmen beschäftigt sich das Controlling aktuell jedoch gar nicht mit dem Offshoring. Mitunter wird dem Controlling nicht die notwendige Kompetenz zugesprochen, spezielle Projekte mit technischem, entwicklungsbasierten Charakter, wie z.B. die Programmierung von Software, überprüfen zu können. Folglich werden auftretende Probleme erst mitten in den Projekten bzw. nach Beginn des Offshoring bemerkt. Hier müssen die Unternehmen dann improvisieren, da vorab keine Szenarien zur Problemlösung entwickelt werden.

In den Expertenbefragungen gab es kein Anzeichen dafür, dass vor der Verlagerungsentscheidung eine Plausibilitätskontrolle durchgeführt wird. Offensichtlich glaubt man, die Kosten bereits durch die vertragliche Gestaltung, z.B. Fixpreisverträge, im Griff zu haben - ein Trugschluss, wie sich häufig zeigt.

Die versteckten Kosten der Offshoring-Aktivitäten werden nur unzureichend in den Unternehmen abgebildet, so dass über die tatsächlichen Ersparnisse des Offshoring aktuell nur spekuliert werden kann. Dazu Michael Brandau von der Technischen Universität Dortmund: "Da Controllingstrukturen fehlen, können die Unternehmen nicht genau feststellen, welcher Teil der Einsparungen durch Kommunikationsprobleme und die dadurch entstehenden zusätzlichen Kosten wieder zu Nichte gemacht wird."

Von den niedrigen Lohnkosten im Ausland euphorisiert, scheinen einige Unternehmen die kaufmännische Vorsicht zu vernachlässigen. Ohne fundierte Informationen wird die Reise ins Ausland schnell zum Blindflug. Keine Wunder also, dass manche Unternehmen beim Offshoring unangenehme Überraschungen erleben. Mögliche Kommunikationsprobleme und dadurch verursachte versteckte Kosten sollten schon im Vorfeld der Verlagerung auf den Radarschirmen der Unternehmen erscheinen und in Planungsrechnungen einbezogen werden.

Kontakt:
Lehrstuhl für Controlling und Unternehmensrechnung
Prof. Dr. Andreas Hoffjan
Telefon: 0 231 7553140
Telefax: 0 231 7553141
E-Mail:Andreas.Hoffjan@uni-dortmund.de

Ole Lünnemann | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-dortmund.de/

Weitere Berichte zu: Niedriglohnland

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue internationale Studie: Immuntherapie für Kinder mit akuter Leukämie
13.07.2018 | Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

nachricht Sicherer Auto fahren ohne Grauen Star: Geringeres Unfallrisiko nach Linsenoperation
12.07.2018 | Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vertikales Begrünungssystem Biolit Vertical Green<sup>®</sup> auf Landesgartenschau Würzburg

16.07.2018 | Architektur Bauwesen

Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Krebszellen Winterschlaf halten

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics