Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Glioblastome am Wachsen hindern: Unkonventionelle Behandlung zeigt erste Erfolge

05.12.2018

Einen wichtigen Fortschritt in der Erforschung und Behandlung von einer aggressiven Hirntumorart (Glioblastom) hat ein Team um Professor Marc-Eric Halatsch (Klinik für Neurochirurgie) am Universitätsklinikum Ulm erzielt: Unter der Therapie mit einer erstmalig eingesetzten Kombination von neun Medikamenten (darunter Antibiotika sowie Wirkstoffe gegen HIV und Bluthochdruck) stoppte das Tumorwachstum bei der Hälfte der behandelten Studienteilnehmer*innen – im Falle des ersten in die Studie eingeschlossenen Patienten für nunmehr 24 Monate.

Glioblastome gehören zu den häufigsten im Erwachsenenalter auftretenden Tumoren des Gehirns. Sie wachsen meist innerhalb weniger Monate deutlich und sind äußerst aggressiv.


Beispielhafte Rückbildung eines Glioblastomrezidivs (türkis eingekreist) unter Behandlung mit CUSP9v3 in der Magnetresonanztomographie (MRT)

Quelle: Tim Heiland, Klinik für Neuorchirurgie, Universitätsklinikum Ulm


Prof. Marc-Eric Halatsch

Foto: Universitätsklinikum Ulm

Das heißt, die üblichen Therapieoptionen wie die chirurgische Entfernung des Tumors, Bestrahlung und Chemotherapie sind selten nachhaltig erfolgreich; meist tritt der Tumor erneut auf (Rezidivbildung).

„Obwohl neurochirurgische Operationsmethoden und die begleitenden Therapien in den vergangenen Jahren stetig verbessert wurden, können wir mit der Prognose von Patienten mit Glioblastom nach wie vor nicht zufrieden sein“, erläutert Professor Marc-Eric Halatsch, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Ulm.

Dies wird hoffentlich der neue Therapieansatz ändern, für den die klinische Studie im Oktober vorläufig ausgewertet wurde. „Die bisherigen Ergebnisse sind ermutigend“, berichtet Studienleiter Halatsch.

„Die Patienten vertragen die eingesetzten Medikamente in einer Weise, wie wir sie aus anderen Zweit- und Drittlinientherapien kennen“. Zweit- und Drittlinientherapien können auf eine erste Therapie folgen, wenn der Tumor auf diese nicht mehr anspricht.

Von November 2016 bis dato wurde bzw. wird insgesamt zehn Glioblastom-Patient*innen eine Wirkstoffkombination von neun Medikamenten namens CUSP9v3 (Coordinated Undermining of Survival Paths by 9 Repurposed Drugs, Version 3) verabreicht, wobei die zuletzt eingeschlossene Studienteilnehmerin erst seit 6 Monaten behandelt wird; der Tumor ist bei ihr in diesem Zeitraum nicht erneut gewachsen.

Die vielversprechende Zwischenauswertung der „Proof-of-Concept“-Studie wurde Mitte November bei der Jahrestagung der amerikanischen Gesellschaft für Neuroonkologie in New Orleans (USA) vorgestellt.

Zusätzlich zu den neun Studienmedikamenten erhielten bzw. erhalten die Studienteilnehmer*innen noch eine niedrig dosierte Chemotherapie. Alle Patient*innen hatten vor Teilnahme an der Studie bereits eine Standardtherapie inklusive Operation und Bestrahlung hinter sich gebracht, bevor der Tumor erneut aufgetreten war.

Können die positiven ersten Ergebnisse im Verlauf der nächsten sechs Monate bestätigt werden, ist eine größere klinische Folgestudie geplant. Für die aktuelle Studie werden keine neuen Teilnehmer*innen gesucht.

Auf die unkonventionelle Idee, mehrere Wirkstoffe kombiniert einzusetzen, kam Professor Halatsch im Jahr 2013 gemeinsam mit dem amerikanischen Psychiater Dr. Richard Kast.

Die Mediziner fragten sich, ob ein einzelner Wirkstoff möglicherweise zu wenig sei, um die aggressive Tumorart zu bekämpfen. Sie begannen daraufhin, nach Wirkstoffen zu suchen, die die Mechanismen stören, die für das Tumorwachstum verantwortlich sind.
Bei ihrer Recherche prüften die Forscher vor allem auch in der Praxis bewährte, nebenwirkungsarme Wirkstoffe, die normalerweise zur Behandlung anderer Erkrankungen zur Anwendung kommen, zum Beispiel bei Pilzerkrankungen, HIV-Infektionen oder Bluthochdruck.

Letztlich konnten Halatsch und Kast neun geeignete Präparate identifizieren, darunter auch Wirkstoffe, die bei Alkoholabhängigkeit, chronisch-entzündlichen Gelenkerkrankungen, Depressionen oder zur Linderung von Übelkeit infolge einer Chemotherapie eingesetzt werden.

Gefördert wird die Studie von der belgischen Stiftung Anticancer Fund. „Wir sind uns bewusst, dass die Therapie mit einer Kombination von neun Präparaten in Verbindung mit einer Standardbehandlung äußerst ungewöhnlich ist“, begründet der Ärztliche Direktor des Anticancer Fund, Dr. Guy Buyens, die finanzielle und wissenschaftliche Unterstützung.

„Wir sind jedoch fest davon überzeugt, dass das Verwenden von Wirkstoffen zu einem anderen als ihrem ursprünglichen Zweck (Drug Repurposing) ebenso wie kombinierte Therapien hohes Potenzial haben.“ „`Drug Repurposing` ist ein wertvoller Ansatz, um die Krebsforschung zu beschleunigen“, ergänzt die Geschäftsführerin der Stiftung, Dr. Lydie Meheus. „Bei bereits etablierten, zugelassenen Medikamenten wissen wir, wie sicher sie sind, außerdem sind sie leicht verfügbar und kostengünstig.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Professor Dr. med. Marc-Eric Halatsch, Leiter der Studie und Leitender Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie (Standort Ulm), marc-eric.halatsch@uniklinik-ulm.de, Tel.: 0731 500 55001 (Sekretariat)

Weitere Informationen:

https://www.anticancerfund.org/projects

Marieke Ehlen | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-ulm.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Diabetes-Medikament hilft bei Herzschwäche
05.12.2018 | Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e.V.

nachricht Pflanzenproteine für Fleischfreunde
28.11.2018 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ersatz für Metalloxide aus Seltenen Erden - Projekt SNAPSTER für neue Leuchtmaterialien

Neues Projekt SNAPSTER: Neue Leuchtmaterialien durch Einbetten von phosphoreszierenden Clustern in organische Flüssigkristalle

Zur Energieumwandlung in Leuchtmaterialien und optoelektronischen Anwendungen werden heute Metalloxide aus der Gruppe der Seltenen Erden verwendet.

Im Focus: Substitute for rare earth metal oxides

New Project SNAPSTER: Novel luminescent materials by encapsulating phosphorescent metal clusters with organic liquid crystals

Nowadays energy conversion in lighting and optoelectronic devices requires the use of rare earth oxides.

Im Focus: First Light für SPECULOOS

Vier Teleskope, die sich der Suche nach bewohnbaren Planeten um benachbarte ultrakühle Sterne widmen, starten erfolgreich am Paranal-Observatorium der ESO.

Das Projekt SPECULOOS hat seine ersten Beobachtungen am Paranal-Observatorium der Europäischen Südsternwarte in Nordchile durchgeführt. SPECULOOS wird sich auf...

Im Focus: TUM-Satellit ins All gestartet

Studierende der Technischen Universität München (TUM) haben im Projekt MOVE-II einen voll funktionsfähigen Kleinsatelliten entwickelt. Eine Falcon 9 Rakete, die von Kalifornien aus startete, brachte den Satelliten gestern in die Erdumlaufbahn. Dort wird der Satellit unter anderem Forschungsdaten sammeln.

MOVE-II ist ein würfelförmiger Satellit, ein sogenannter CubeSat, mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern.

Im Focus: A bit of a stretch... material that thickens as it's pulled

Scientists have discovered the first synthetic material that becomes thicker - at the molecular level - as it is stretched.

Researchers led by Dr Devesh Mistry from the University of Leeds discovered a new non-porous material that has unique and inherent "auxetic" stretching...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Entwicklung eines Amphibienflugzeugs

04.12.2018 | Veranstaltungen

Neue biologische Verfahren im Trink- und Grundwassermanagement

04.12.2018 | Veranstaltungen

Live-Chat zur Zukunft von Supercomputing im Engineering

03.12.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Drohnen vereinfachen Filmanimationen

05.12.2018 | Informationstechnologie

Wissenschaftler entdecken „Gehirn-Hot-Spot“ für Medikamente gegen Angst

05.12.2018 | Studien Analysen

First Light für SPECULOOS

05.12.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics