Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gesicht ist nicht gleich Gesicht - Wichtiges Detail in Ursachen der Gesichtsblindheit aufgedeckt

02.12.2015

Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben in Zusammenarbeit mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Berlin und der Universität Bamberg die fehlende Fähigkeit, bekannte Gesichter wiederzuerkennen, untersucht. Sie konnten erstmals zeigen, dass die Ursachen der angeborenen Gesichtsblindheit bereits in sehr frühen Stadien der Wahrnehmung zu finden sind. Die Erkenntnisse sind nicht nur entscheidend für das Verständnis der Identifikation von Gesichtern, sondern generell für jede Art der Objekterkennung. Die Ergebnisse der aktuellen Studie sind in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht.

Jedes Gesicht ist individuell, Gesichter sind wesentlicher Bestandteil der menschlichen Identität und Kommunikation. Über Merkmale von Gesichtszügen erkennen Menschen einander wieder. Anders ist dies bei Menschen mit angeborener Gesichtsblindheit, einer kongenitalen Prosopagnosie.

Sie können ihr Gegenüber nicht anhand individueller Gesichtszüge identifizieren. Die fehlende Fähigkeit wird im Alltag in vielen Fällen über andere Informationen kompensiert, beispielsweise eine charakteristische Erscheinung, die Frisur oder den Gang.

Besonders zum Tragen kommt die Beeinträchtigung im sozialen Miteinander oder wenn die betroffene Person beruflich darauf angewiesen ist, regelmäßig viele Menschen zu unterscheiden, zum Beispiel als Lehrer oder Polizist. Ungefähr ein bis zwei Prozent aller Menschen leiden laut Schätzungen unter der Krankheit.

Bisher wurde angenommen, dass die Ursache für das Gesichtserkennungsdefizit auf späteren Verarbeitungsebenen des Wahrnehmungsprozesses zu finden ist. Das sind jene Ebenen, auf denen die Gesichtsinformation langfristig in einem abstrakteren Code gespeichert wird.

Das Team um Dr. Andreas Lüschow, Leiter der Arbeitsgruppe Kognitive Neurophysiologie an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité, hat sich nun einer Gruppe von Personen gewidmet, die seit frühester Kindheit größte Probleme haben, bekannte Gesichter zu identifizieren, ansonsten jedoch keinerlei kognitive Beeinträchtigungen aufweisen.

„Wir konnten nachweisen, dass bereits die frühesten gesichtsspezifischen Antworten, etwa 170 Millisekunden, nachdem man ein Gesicht gesehen hat, bei Personen mit kongenitaler Prosopagnosie verändert sind. Und wir konnten zeigen, dass diese Veränderung mit dem Gesichter-Erkennungsdefizit eng verbunden ist“, sagt Dr. Lüschow.

Die Messungen magnetischer kortikaler Aktivität mittels MEG haben gezeigt, dass das Erkennungsdefizit selbst trotz lebenslangem Kontakt zu anderen Menschen nicht kompensiert werden kann. Das spricht dafür, dass die zugrundeliegenden neuronalen Mechanismen in geschlossene Funktionseinheiten gegliedert sind, deren Aufgabe nicht durch andere Bereiche des Gehirns übernommen werden kann.

Ein wesentliches Ziel zukünftiger Projekte besteht darin, das Zusammenspiel verschiedener Mechanismen bei der Gesichter-Erkennung weiter zu charakterisieren. Das bessere Verständnis dieser geistigen Leistung ist nicht nur in der Medizin relevant, sondern kann ebenso in weiteren Forschungsfeldern angewandt werden, beispielsweise, um technische Systeme zur Objekterkennung wie in der Robotik „biologisch zu inspirieren“ und damit zu verbessern.

*Lueschow A, Weber JE, Carbon C-C, Deffke I, Sander T, Grüter T, Grüter M, Trahms L, Curio G. The 170ms Response to Faces as Measured by MEG (M170) Is Consistently Altered in Congenital Prosopagnosia. PLOS ONE, 2015, Sept 22, 10(9): e0137624. doi:10.1371/journal.pone.0137624.

Kontakt:
Dr. Andreas Lüschow
Ambulantes Gesundheitszentrum der Charité
Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
t: +49 30 450 550 608
E-Mail: andreas.lueschow@charite.de

Weitere Informationen:

http://www.charite.de
http://neurologie.charite.de/forschung/arbeitsgruppen/kognitive_neurophysiologie...

Manuela Zingl | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kokosöl verlängert Leben bei peroxisomalen Störungen
20.06.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Überdosis Calcium
19.06.2018 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics