Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hightech-Medizin: Kunstherz - Lebensretter aus Titan

05.04.2001


... mehr zu:
»Kunstherz »Organ
Für einen im Einzelfall notwendigen Einsatz von Kunstherzen bei schwer herzkranken Patienten plädiert der Jenaer Herz-, Thorax- und Gefäßchirurg Prof. Dr. Thorsten Wahlers: "Diese
Hightech-Maschinen aus einer Spezial-Titanlegierung sind zwar bestenfalls ein zeitweiliger Ersatz für das lebende Organ, aber für viele Patienten die einzige zuverlässige Überlebenschance, um die Wartefrist bis zu einer Herztransplantation zu überbrücken." Allerdings gebe es in Deutschland noch viel zu wenige Spezialzentren, die für den Kunstherz-Einsatz technisch und personell ausgerüstet seien, und die hohen Kosten, die mit dieser Therapie verbunden sind, würden nur unzureichend erstattet. "Das dürfen aber nicht die Kriterien sein", so Wahlers, "für uns geht es nur um ein Ziel: Patientenleben zu retten."

Derzeit ist Wahlers’ Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie an der Uni Jena nur eine von etwa zehn Einrichtungen in Deutschland, die über das nötige Spezialistenteam und die technische Ausstattung für die Kunstherz-Therapie verfügen. Die Kardiologen unterscheiden zwischen Systemen, die eine verbliebene Restfunktion des Patientenherzen - etwa nach einem schweren Infarkt - unterstützen, und solchen, die die Pumpleistung eines schwerst geschädigten Organs vollständig ersetzen.

"Wir versuchen zunächst immer, das eigene Herz des Patienten zu erhalten und ihm ein Weiterleben damit zu ermöglichen", erklärt Prof. Wahlers die ärztliche Strategie. "Nur, wenn die einzige Überlebensperspektive in einer Herztransplantation besteht, können bei einigen Patienten Kunstherzen zum Einsatz kommen." Dabei wägen die Ärzte stets das Risiko ab, welche Therapieform die günstigste ist.

Nur etwa 30 dieser Kunstherzen werden derzeit jährlich in Deutschland verpflanzt, in den vergangenen sechs Monaten drei davon allein an der Uniklinik Jena. "Diese Maschinen sind in technischer Hinsicht heute exzellent, erreichen aber selbstverständlich niemals die optimale Funktion wie das natürliche Organ", erklärt Herzchirurg Wahlers.

Dabei ist diese Therapieform mit erheblichen Kosten verbunden. Allein das Kunstherz kostet über 100.000 Mark, und die aufwändige Operation und die anschließende intensivmedizinische Betreuung kostet abermals eine fünfstellige Summe. "Die Behandlung dieser Patienten ist für unsere Klinik in wirtschaftlicher Hinsicht nicht kostendeckend, aber es wäre nicht verantwortbar, das Leben eines Menschen gegen Geld aufzurechnen", lenkt Wahlers den Blick auf eine gesundheitspolitsch-ethische Debatte.

So versuchte sein Team am 7. März zunächst, den 43-jährigen Familienvater Dieter Schmalfuß in einer elfstündigen Notoperation mit einem unterstützenden Kunstventrikel außerhalb des Körpers - einem so genannten "Berlin Heart" -, vier Bypässen der Herzkranzgefäße und einer wiederhergestellten Herzklappe zu retten. Schmalfuß war nach einem schweren Herzinfarkt und kardiogenem Schock aus dem Klinikum Plauen per Hubschrauber nach Jena verlegt worden. Allerdings stellte sich schon am nächsten Tag heraus, dass bei ihm diese Versorgung nicht ausreichte, und er erneut operiert werden musste, um ihm ein dauerhaftes System, ein so genanntes "TCI Heartmate", einzusetzen. 20 Spezialisten kämpften um das Leben des Patienten: "Das ist wie ein fein abgestimmtes Räderwerk zwischen Chirurgen, Kardiotechnikern, Anästhesisten und Intensivmedizinern und -pflegern", schildert Wahlers. "Wir arbeiten Hand in Hand und können uns blind aufeinander verlassen."

Heute geht es Dieter Schmalfuß den Umständen entsprechend gut. Sein Kreislauf ist stabil, er kann schon wieder aufstehen und wird in zwei Wochen aus der Klinik entlassen. - Vorerst, denn nun heißt seine langfristige Perspektive Herztransplantation. Prof. Wahlers: "Wir haben ihn schon bei Eurotransplant gemeldet. Derzeit beträgt die Wartezeit auf ein Spenderorgan allerdings circa acht bis 16 Monate, eine Zeit, die unser Patient so nicht überlebt hätte."

All dies hat Dr. Dieter Poleske schon hinter sich. Der 67-jährige niedergelassene Hausarzt war im vergangenen Jahr nach mehreren schweren Herzinfarkten selbst zum Patienten geworden und erhielt am 16. Juni 2000 zunächst ein Kunstherz. Am 21. März wurde ihm nun erfolgreich ein Spenderherz eingepflanzt, und er wird in den nächsten Tagen das Krankenhaus verlassen. Ob er wieder voll arbeiten kann, muss sich erst noch wiesen, aber auf ausgedehntere Spaziergänge mit seiner Frau in der freien Natur freut er sich schon jetzt.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Thorsten Wahlers
Direktor der Jenaer Uni-Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie
Tel.: 03641/934800, Fax: 934802
E-Mail: thorsten.wahlers@med.uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch | idw

Weitere Berichte zu: Kunstherz Organ

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bekannte Arzneimittel – neue Wirkung im Kampf gegen Infektionen?
06.06.2019 | Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

nachricht Erste zugelassene Gentherapie in der Augenheilkunde am Klinikum der LMU München durchgeführt
05.06.2019 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: MPSD-Team entdeckt lichtinduzierte Ferroelektrizität in Strontiumtitanat

Mit Licht lassen sich Materialeigenschaften nicht nur messen, sondern auch verändern. Besonders interessant sind dabei Fälle, in denen eine fundamentale Eigenschaft eines Materials verändert werden kann, wie z.B. die Fähigkeit, Strom zu leiten oder Informationen in einem magnetischen Zustand zu speichern. Ein Team um Andrea Cavalleri vom Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie in Hamburg, hat nun Lichtimpulse aus dem Terahertz-Frequenzspektrum benutzt, um ein nicht-ferroelektrisches Material in ein ferroelektrisches umzuwandeln.

Ferroelektrizität ist ein Zustand, in dem die Atome im Kristallgitter eine bestimmte Richtung "aufzeigen" und dadurch eine makroskopische elektrische...

Im Focus: MPSD team discovers light-induced ferroelectricity in strontium titanate

Light can be used not only to measure materials’ properties, but also to change them. Especially interesting are those cases in which the function of a material can be modified, such as its ability to conduct electricity or to store information in its magnetic state. A team led by Andrea Cavalleri from the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter in Hamburg used terahertz frequency light pulses to transform a non-ferroelectric material into a ferroelectric one.

Ferroelectricity is a state in which the constituent lattice “looks” in one specific direction, forming a macroscopic electrical polarisation. The ability to...

Im Focus: Konzert der magnetischen Momente

Forscher aus Deutschland, den Niederlanden und Südkorea haben in einer internationalen Zusammenarbeit einen neuartigen Weg entdeckt, wie die Elektronenspins in einem Material miteinander agieren. In ihrer Publikation in der Fachzeitschrift Nature Materials berichten die Forscher über eine bisher unbekannte, chirale Kopplung, die über vergleichsweise lange Distanzen aktiv ist. Damit können sich die Spins in zwei unterschiedlichen magnetischen Lagen, die durch nicht-magnetische Materialien voneinander getrennt sind, gegenseitig beeinflussen, selbst wenn sie nicht unmittelbar benachbart sind.

Magnetische Festkörper sind die Grundlage der modernen Informationstechnologie. Beispielsweise sind diese Materialien allgegenwärtig in Speichermedien wie...

Im Focus: Schwerefeldbestimmung der Erde so genau wie noch nie

Forschende der TU Graz berechneten aus 1,16 Milliarden Satellitendaten das bislang genaueste Schwerefeldmodell der Erde. Es liefert wertvolles Wissen für die Klimaforschung.

Die Erdanziehungskraft schwankt von Ort zu Ort. Dieses Phänomen nutzen Geodäsie-Fachleute, um geodynamische und klimatologische Prozesse zu beobachten....

Im Focus: Determining the Earth’s gravity field more accurately than ever before

Researchers at TU Graz calculate the most accurate gravity field determination of the Earth using 1.16 billion satellite measurements. This yields valuable knowledge for climate research.

The Earth’s gravity fluctuates from place to place. Geodesists use this phenomenon to observe geodynamic and climatological processes. Using...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Doc Data – warum Daten Leben retten können

14.06.2019 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - August 2019

13.06.2019 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz in der Materialmikroskopie

13.06.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

German Innovation Award für Rittal VX25 Schaltschranksystem

14.06.2019 | Förderungen Preise

Fraunhofer SCAI und Uni Bonn zeigen innovative Anwendungen und Software für das High Performance Computing

14.06.2019 | Messenachrichten

Autonomes Premiumtaxi sofort oder warten auf den selbstfahrenden Minibus?

14.06.2019 | Interdisziplinäre Forschung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics