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Multiple Sklerose: Toll-like-Rezeptoren und das hirneigene Immunsystem spielen offenbar eine wichtige Rolle

08.02.2006


MS-Forscher aus Göttingen, Zürich und München publizieren Ergebnisse ihrer experimentellen Untersuchung im "Journal of Clinical Investigation"



Toll-like Rezeptoren, so genannte "TLRs", sind klassische Erkennungsrezeptoren auf vielen Zellen für Bakterien und Viren. Blutzellen wappnen sich darüber gegen Infektionserkrankungen. Dass TLRs beteiligt sind, wenn durch eine Reihe bakterieller und viraler Infektionen neue Krankheitsschübe bei Multiple Sklerose (MS)-Patienten ausgelöst werden - das weiß man schon lange. Bislang nahm man an, dass Viren oder Bakterien bei MS zu einer Überaktivierung der weißen Blutkörperchen (T-Lymphozyten) über TLRs führen, diese verstärkt in das Gehirn einwandern und dort eine gesteigerte Entzündungsreaktion gegen das Marklager auslösen. Offenbar jedoch spielen die TLRs direkt im Gehirn auch eine wichtige Rolle bei der MS, wenn keine Infektionen vorliegen. Darauf verweisen experimentelle Untersuchungen einer Forscherguppe um die Göttinger Neuropathologen, Privatdozent Dr. Marco Prinz und Prof. Dr. Wolfgang Brück (Direktor der Abteilung Neuropathologie des Bereichs Humanmedizin - Universität Göttingen). Im Tiermodell für Multiple Sklerose haben die Forscher aus Göttingen gemeinsam mit Kollegen aus Zürich und München TLRs im Gehirn von Mäusen gefunden und erstmals deren krankheitsmodulierende Wirkung gezeigt - obwohl keine viralen und bakteriellen Erreger in den durchgeführten Versuchen beteiligt waren. Die Mäuse ohne TLRs erkrankten deutlich weniger und hatten einen besseren klinischen Verlauf.



Die Ergebnisse der Untersuchung hat jetzt die renommierte amerikanische Zeitschrift "Journal of Clinical Investigation" unter dem Titel "Innate Immunity mediated by TLR9 modulates pathogenicity in an animal model of multiple sclerosis" veröffentlicht.

"Die Daten unserer Untersuchung weisen auf eine wichtige Rolle der TLRs während der MS hin. Möglicherweise bestimmen die hirneigenen TLRs bei MS-Patienten, in welchem Umfang Krankheitsschübe ausgelöst werden", sagt Privatdozent Dr. Marco Prinz: "Außerdem legen unsere Versuchsergebnisse nahe, dass TLRs während der MS im Gehirn alternative Bindungspartner besitzen müssen. Diese könnten bei Autoimmunerkrankungen wie der Multiplen Sklerose entweder neu gebildet oder durch die Erkrankung entscheidend verändert werden." Was während der MS an die TLRs binden könnte, wissen die Forscherinnen und Forscher noch nicht. Sie gehen aber davon aus, dass die hirneigenen TLRs eine weitaus größere Rolle für den Verlauf der Multiplen Sklerose haben könnten als bisher angenommen. Daraus könnten sich, so Prinz, neue Ansatzpunkte für neue Behandlungsstrategien ergeben.

In den laufenden Kooperationen zwischen den Instituten in Göttingen, München und Zürich werden die Forscher die Rolle dieser Rezeptoren bei Multipler Sklerose weiter untersuchen. Beteiligt sind neben Göttinger Forschern aus der Neuropathologie, Hämatologie und Onkologie, der Radio-Onkologie und dem Europäischen Institut für Neurowissenschaften (ENI), Wissenschaftler aus der Klinik für Neurologie/Abteilung Neuroimmunologie des Universitätspitals Zürich sowie vom Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der Technischen Universität München. Die Forschungsarbeiten der Göttinger Gruppe aus der Abteilung Neuropathologie werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung (GHST) und der Fritz Thyssen-Stiftung gefördert.

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche entmarkende Erkrankung von Gehirn und Rückenmark. Vor allem Menschen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr erkranken; Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die MS ist immer noch die Erkrankung des jungen Erwachsenenalters, die am häufigsten zu einer Behinderung führt. In Deutschland haben etwa 120.000 Menschen Multiple Sklerose. Die Erkrankung verläuft ganz unterschiedlich, es gibt schubhafte und progressive Verläufe. Die Ursache der MS ist immer noch ungeklärt.

Im Tiermodell der MS, der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis (EAE), kann eine MS-ähnliche Erkrankung durch periphere Gabe von Hirneiweißen hervorgerufen werden.

Weitere Informationen:
Bereich Humanmedizin - Georg-August-Universität Göttingen
Abt. Neuropathologie
PD Dr. Marco Prinz
Telefon: 0551 / 39-143 40
mail: mprinz@med.uni-goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen - Bereich Humanmedizin
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - Stefan Weller
Robert-Koch-Str. 42 - 37075 Göttingen
Tel.: 0551/39 - 99 55 - Fax: 0551/39 - 99 57
E-mail: presse.medizin@med.uni-goettingen.de

Stefan Weller | idw
Weitere Informationen:
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