Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Shrimps im genetischen Flaschenhals - Auch Abkühlung führt zum Verlust von Artenvielfalt

05.10.2012
Wissenschaftler von Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven haben gemeinsam mit Kollegen aus Großbritannien und Neuseeland erstmals ein Artverbreitungsmodell für antarktische Garnelen erstellt.
Sie konnten sowohl die aktuelle Verbreitung der Tiere rekonstruieren als auch Rückschlüsse auf ihren Lebensraum während der letzten Eiszeit ziehen. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur Klimaerwärmung, sondern auch Abkühlung eine Gefahr für die Artenvielfalt darstellt. Die zugehörige Studie wurde kürzlich im Fachjournal PLoS ONE veröffentlicht.

Die antarktischen Gewässer werden von zahlreichen wirbellosen Tieren bevölkert. Insbesondere Krebse sind in dem eiskalten Wasser des Südpolarmeeres sehr artenreich. Garnelenarten findet man dort nur wenige, die dafür aber in einer bemerkenswert hohen Individuenzahl auftreten. Das Wissen über diese Krustentiere, die unzweifelhaft eine wichtige Rolle im antarktischen Ökosystem spielen, ist jedoch äußerst gering. Wissenschaftler von Senckenberg am Meer bringen mit ihren neuesten Forschungsergebnissen nun etwas Licht in die Dunkelheit unter der Wasseroberfläche.

Die Population der Garnelenart Chorismus antarcticus wurde durch die letzte große Eiszeit drastisch reduziert.

© Armin Rose


Nematocarcinus lanceopes – dieser Garnele machte das letzte glaziale Maximum keine Probleme.

© Armin Rose

„Wir haben erstmals sogenannte ‚Artverbreitungsmodelle‘ genutzt, um den derzeitigen Lebensraum von drei Garnelenarten in der Antarktis zu rekonstruieren“, erklärt Dr. Michael Raupach aus dem Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung bei Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven.

Die Modelle basieren auf der Annahme, dass jede Art – aufgrund von verschiedenen klimatischen und ökologischen Faktoren – einen bestimmten Lebensraum besiedelt. „Bei der Untersuchung der antarktischen Garnelen mussten wir auf solche Modellierungen zurückgreifen, denn einfach zählen lassen sich die Tiere wegen der ausgedehnten antarktischen Vereisung nicht“, erläutert Raupach.

In einem zweiten Schritt hat das internationale Meeresforscher-Team die durch die Krebse besiedelten Gebiete während der letzten Eiszeit modelliert.

„Uns hat besonders interessiert, wie sich dieses extreme Vereisungsereignis vor rund 20.000 Jahren auf die antarktische Fauna ausgewirkt hat“, sagt der Wilhelmshavener Biologe.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Lebensraum zweier Arten während der letzten Eiszeit drastisch reduziert wurde.“ Dies führte zu kleinen, isolierten Populationen und einem enormen Verlust der genetischen Variabilität der vorwiegend im Flachwasser lebenden Krebstiere. Dieser als „genetischer Flaschenhals“ bezeichnete Prozess kann durch Verringerung der genetischen Vielfalt bei gefährdeten Tierarten mitunter zu deren Aussterben führen.

Doch nicht alle Krustentiere reagierten so extrem auf die zunehmenden Eismassen: beispielsweise wich eine Art (Nematocarcinus lanceopes) einfach in angrenzende Tiefseebecken aus und bewahrte sich so einen reichhaltigen Genpool.

„Wie man an den drei Garnelenarten sieht, sind es besonders die klimatischen Veränderungen und die Mobilität der Tiere, welche die Populationsdynamik von marinen Lebewesen in der Antarktis beeinflußen“, ergänzt Raupach.

Die freischwimmenden Krebstiere zählen zu den häufigsten Organismen der antarktischen Schelf- und Tiefseefauna. Die am Anfang der Nahrungskette stehenden Tiere sind hervoragende Indikatoren für Veränderungen in den Ozeanen. „Mit Hilfe der Artverbreitungsmodelle können wir zukünftige Szenarien im Hinblick auf den globalen Klimawandel entwickeln“, gibt Raupach einen Ausblick auf künftige Forschungstätigkeiten.

Kontakt
Dr. Michael J. Raupach
Senckenberg am Meer
Deutsches Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung
Tel: 04421 - 9475 180
mraupach@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
judith.joerdens@senckenberg.de

Publikation
Dambach J, Thatje S, Rödder D, Basher Z, Raupach MJ (2012) Effects of Late-Cenozoic Glaciation on Habitat Availability in Antarctic Benthic Shrimps
(Crustacea: Decapoda: Caridea). PLoS ONE 7(9): e46283. doi:
10.1371/journal.pone.0046283

Die Erforschung von Lebensformen in ihrer Vielfalt und ihren Ökosystemen, Klimaforschung und Geologie, die Suche nach vergangenem Leben und letztlich das Verständnis des gesamten Systems Erde-Leben – dafür arbeitet die SENCKENBERG Gesellschaft für Naturforschung. Ausstellungen und Museen sind die Schaufenster der Naturforschung, durch die Senckenberg aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse mit den Menschen teilt und Einblick in vergangene Zeitalter sowie die Vielfalt der Natur vermittelt.

Judith Jördens | Senckenberg
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der Evolution des Sehvermögens auf der Spur
22.08.2019 | Georg-August-Universität Göttingen

nachricht Erstmals entschlüsselt: Wie Licht 
chemische Reaktionen in Gang hält
22.08.2019 | Leibniz-Institut für Photonische Technologien e. V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Physicists create world's smallest engine

Theoretical physicists at Trinity College Dublin are among an international collaboration that has built the world's smallest engine - which, as a single calcium ion, is approximately ten billion times smaller than a car engine.

Work performed by Professor John Goold's QuSys group in Trinity's School of Physics describes the science behind this tiny motor.

Im Focus: Die verschränkte Zeit der Quantengravitation

Die Theorien der Quantenmechanik und der Gravitation sind dafür bekannt, trotz der Bemühungen unzähliger PhysikerInnen in den letzten 50 Jahren, miteinander inkompatibel zu sein. Vor kurzem ist es jedoch einem internationalen Forschungsteam von PhysikerInnen der Universität Wien, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie der Universität Queensland (AUS) und dem Stevens Institute of Technology (USA) gelungen, wichtige Bestandteile der beiden Theorien, die den Verlauf der Zeit beschreiben, zu verbinden. Sie fanden heraus, dass die zeitliche Abfolge von Ereignissen echte Quanteneigenschaften aufweisen kann.

Der allgemeinen Relativitätstheorie zufolge verlangsamt die Anwesenheit eines schweren Körpers die Zeit. Das bedeutet, dass eine Uhr in der Nähe eines schweren...

Im Focus: Quantencomputer sollen tragbar werden

Infineon Austria forscht gemeinsam mit der Universität Innsbruck, der ETH Zürich und Interactive Fully Electrical Vehicles SRL an konkreten Fragestellungen zum kommerziellen Einsatz von Quantencomputern. Mit neuen Innovationen im Design und in der Fertigung wollen die Partner aus Hochschulen und Industrie leistbare Bauelemente für Quantencomputer entwickeln.

Ionenfallen haben sich als sehr erfolgreiche Technologie für die Kontrolle und Manipulation von Quantenteilchen erwiesen. Sie bilden heute das Herzstück der...

Im Focus: Quantum computers to become portable

Together with the University of Innsbruck, the ETH Zurich and Interactive Fully Electrical Vehicles SRL, Infineon Austria is researching specific questions on the commercial use of quantum computers. With new innovations in design and manufacturing, the partners from universities and industry want to develop affordable components for quantum computers.

Ion traps have proven to be a very successful technology for the control and manipulation of quantum particles. Today, they form the heart of the first...

Im Focus: Towards an 'orrery' for quantum gauge theory

Experimental progress towards engineering quantized gauge fields coupled to ultracold matter promises a versatile platform to tackle problems ranging from condensed-matter to high-energy physics

The interaction between fields and matter is a recurring theme throughout physics. Classical cases such as the trajectories of one celestial body moving in the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

GAIN 2019: Das größte Netzwerktreffen deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler startet in den USA

22.08.2019 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz auf der MS Wissenschaft

22.08.2019 | Veranstaltungen

Informatik-Tagung vom 26. bis 30. August 2019 in Aachen

21.08.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der Evolution des Sehvermögens auf der Spur

22.08.2019 | Biowissenschaften Chemie

Erstmals entschlüsselt: Wie Licht 
chemische Reaktionen in Gang hält

22.08.2019 | Biowissenschaften Chemie

Starke Magnetfelder mit Neutronen sichtbar machen

22.08.2019 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics