Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rattenstudie mit genmodifiziertem Mais - Biologenverband sieht schwere Mängel

21.09.2012
Eine Studie eines Wissenschaftlerteams um den Franzosen Gilles-Eric Séralini sorgt derzeit in den Medien für Schlagzeilen. Demnach sind bei Ratten, die über einen längeren Zeitraum mit genmodifiziertem Mais und bzw. oder glyphosathaltigem Trinkwasser ernährt wurden, schwere gesundheitliche Schäden aufgetreten.
Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO e. V.) weist nachdrücklich darauf hin, dass diese Studie erhebliche Mängel aufweist. Die Studie liefert nach Ansicht des VBIO keine neuen Anhaltspunkte, die aktionistische Schlussfolgerungen rechtfertigen.

Séralini und Kollegen1 berichten in ihrer Studie über erhöhte Todesraten und gesundheitliche Probleme bei Ratten, die über einen längeren Zeitraum mit genmodifiziertem Mais gefüttert wurden. Die Studie weist allerdings mehrere schwere Mängel auf. „Eigentlich erstaunlich, dass dies im Rahmen des Peer Review nicht entdeckt wurde“, so Prof. Diethard Tautz, Vizepräsident des VBIO. „Der Wirbel, den die Veröffentlichung ausgelöst hat, ist in keiner Weise angemessen, Forderungen nach sofortigen Konsequenzen können damit nicht begründet werden“ so Prof. Tautz weiter. Er plädiert dafür, bei der Entscheidung über wichtige gesellschaftspolitische Themen solide wissenschaftliche Grundlagen heranzuziehen.

Zur Auswahl des Tiermodells
Die während der Studie aufgetretenen pathologischen Befunde, insbesondere die in den Bildern dargestellten Tumoren, sind für den verwendeten Rattenstamm typisch, da es sich um einen Inzuchtstamm handelt, bei dem im Alter häufig diese Probleme auftreten. In einer groß angelegten Studie mit über 3.000 Tieren dieses Stammes wurde gefunden, dass ca. die Hälfte der Tiere innerhalb von zwei Jahren an einer dieser Krankheiten bzw. Tumoren stirbt2. Gleichzeitig weist diese Studie aber auch darauf hin, dass es in eine sehr große Schwankungsbreite in Bezug auf Sterberaten und Entwicklung von Tumoren im Alter gibt, d.h. für Langzeitversuche war der verwendete Ratten-Stamm nicht geeignet.

Statistische Mängel
Generell gilt, dass man bei Untersuchungen mit kleinen Gruppen von nur zehn Tieren sehr schwer statistisch signifikante Effekte nachweisen kann. Beispielsweise berichtet das Team um Seralini, dass 50-80% der behandelten Tiere einer bestimmten Gruppe einen Tumor entwickelt hätten, jedoch nur 30% der Kontrolltiere. Dies erscheint als drastischer Unterschied. Allerdings ist die korrekte Aussage, dass fünf bis acht von zehn Tieren in der Behandlungsgruppe einen Tumor entwickelt haben, aber nur drei von zehn in der Kontrollgruppe. Diese Zahlen können in einem einfachen Chi-Quadrat Test überprüft werden: sie sind nicht signifikant unterschiedlich, das heißt sie liegen im Rahmen normaler statistischer Schwankungsbreiten.

Die vorgelegten Daten deuten insgesamt darauf hin, dass nichts anderes als statistische Schwankungen in dem Experiment gemessen wurden. Ursächlich ist der Versuchsansatz, der als Kontrollgruppe nur zehn Tiere pro Geschlecht vorsieht, die dann insgesamt neun Gruppen mit jeweils zehn Tieren in verschiedenen Fütterungsversuchen gegenüber gestellt werden. Da es in jedem derartigen Experiment zu statistischen Schwankungen kommt, muss diese Schwankung sowohl für die behandelte Gruppe, wie auch die Kontrollgruppe abgeschätzt werden, das heißt es hätten auch neunzig (9 x 10) Tiere in der Kontrollgruppe mitgeführt werden müssen. Der von den Autoren gewählte Versuchsansatz hätte aus rein statistischen Gründen in jedem Fall zu ähnlichen Unterschieden zwischen der Kontrollgruppe und den behandelten Gruppen geführt, ganz egal welche Behandlungen ausgeführt worden wären.

Auch die Details der vorgelegten Daten zeigen, dass offenbar nur statistische Schwankungen gemessen wurden. So wird beispielsweise keine Dosisabhängigkeit des Effekts gefunden. Eine der Gruppen, die mit dem höchsten Anteil an genmodifizierten Mais gefüttert wurde, zeigt sogar die höchste Überlebensrate - ein typisches Zeichen für Zufallsabweichungen. Die Autoren versuchen dies damit zu erklären, dass auch in einer anderen Studie für hormon-bedingte Krankheiten keine Dosisabhängigkeit gefunden worden wäre. Allerdings ist auch diese Studie inzwischen als wissenschaftlich nicht haltbar erkannt worden.3
Diese Position des VBIO wird von der Gesellschaft für Genetik, Gründungsmitglied im VBIO, explizit mit getragen.

Literatur
1 Séralini G-E, Clair E, Mesnage R, Gress S, Defarge N. Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize. Food and Chemical Toxicology, online

2 Chandra M, Riley MGI, Johnson DE. Spontaneous neoplasms in aged sprague-dawley rats. Arch. Toxicology 66: 496-502

3 Rhomberg LR, Goodman JE. Low-dose effects and nonmonotonic dose-responses of endocrine disrupting chemicals: Has the case been made? Regul. Toxicol. Pharmacol. 2012, 64:130-333

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Diethard Tautz, Max-Planck Institut für Evolutionsbiologie, Vizepräsident des VBIO Telefon: 04522-763-390; E-mail: tautz@evolbio.mpg.de

Dr. Kerstin Elbing | idw
Weitere Informationen:
http://www.vbio.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Magnetschwebetrennung in der Drogenfahndung - Analyse illegaler Substanzen in Pulver durch magnetische Levitation
09.12.2019 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht HZDR-Experiment liefert wichtige Ansätze, um die Wasserelektrolyse zu optimieren
09.12.2019 | Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Geminiden - Die Wünsch-dir-was-Sternschnuppen vor Weihnachten

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde (VdS) und des Hauses der Astronomie in Heidelberg - Die Geminiden, die Mitte Dezember zu sehen sind, sind der "zuverlässigste" der großen Sternschnuppen-Ströme mit bis zu 120 Sternschnuppen pro Stunde. Leider stört in diesem Jahr der Mond zur besten Beobachtungszeit.

Sie wurden nach dem Sternbild Zwillinge benannt: Die „Geminiden“ sorgen Mitte Dezember immer für ein schönes Sternschnuppenschauspiel. In diesem Jahr sind die...

Im Focus: Electronic map reveals 'rules of the road' in superconductor

Band structure map exposes iron selenide's enigmatic electronic signature

Using a clever technique that causes unruly crystals of iron selenide to snap into alignment, Rice University physicists have drawn a detailed map that reveals...

Im Focus: Das 136 Millionen Atom-Modell: Wissenschaftler simulieren Photosynthese

Die Umwandlung von Sonnenlicht in chemische Energie ist für das Leben unerlässlich. In einer der größten Simulationen eines Biosystems weltweit haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diesen komplexen Prozess an einem Bestandteil eines Bakteriums nachgeahmt – am Computer, Atom um Atom. Die Arbeit, die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Cell“ veröffentlicht wurde, ist ein wichtiger Schritt zum besseren Verständnis der Photosynthese in einigen biologischen Strukturen. An der internationalen Forschungskooperation unter Leitung der University of Illinois war auch ein Team der Jacobs University Bremen beteiligt.

Das Projekt geht zurück auf eine Initiative des inzwischen verstorbenen, deutsch-US-amerikanischen Physikprofessors Klaus Schulten von der University of...

Im Focus: Developing a digital twin

University of Texas and MIT researchers create virtual UAVs that can predict vehicle health, enable autonomous decision-making

In the not too distant future, we can expect to see our skies filled with unmanned aerial vehicles (UAVs) delivering packages, maybe even people, from location...

Im Focus: Freiformflächen bis zu 80 Prozent schneller schlichten: Neue Werkzeuge und Algorithmen für die Fräsbearbeitung

Beim Schlichtfräsen komplexer Freiformflächen können Kreissegment- oder Tonnenfräswerkzeuge jetzt ihre Vorteile gegenüber herkömmlichen Werkzeugen mit Kugelkopf besser ausspielen: Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen entwickelte im Forschungsprojekt »FlexiMILL« gemeinsam mit vier Industriepartnern passende flexible Bearbeitungsstrategien und implementierte diese in eine CAM-Software. Auf diese Weise lassen sich große frei geformte Oberflächen nun bis zu 80 Prozent schneller bearbeiten.

Ziel im Projekt »FlexiMILL« war es, für die Bearbeitung mit Tonnenfräswerkzeugen nicht nur neue, verbesserte Werkzeuggeometrien zu entwickeln, sondern auch...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

Intelligente Transportbehälter als Basis für neue Services der Intralogistik

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vulkan „F“ ist der Ursprung der schwimmenden Steine

09.12.2019 | Geowissenschaften

Magnetschwebetrennung in der Drogenfahndung - Analyse illegaler Substanzen in Pulver durch magnetische Levitation

09.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

Luftverschmutzung: IASS legt erstes Emissionsinventar für Nepal vor

09.12.2019 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics