Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuentdeckt: Fleischfressender Schwamm

21.09.2016

Senckenberg-Wissenschaftler haben vor der Küste Mauretaniens eine neue Art aus der Schwammfamilie Cladorhizidae entdeckt. Der Schwamm lebt auf Kaltwasserkorallen und ernährt sich von Fleisch. Eine so enge Assoziation mit Korallen wurde für diese Schwammgruppe bisher nicht beschrieben. Das Wissenschaftlerteam geht davon aus, dass die höhere Position über den Meeresboden den Schwämmen Vorteile bei der Beutejagd verschafft. Die Studie ist kürzlich im Fachjournal „Zootaxa“ erschienen.

Wann ist ein Schwamm ein Schwamm? Diese Frage kann man sich durchaus stellen, wenn einem ein Exemplar der Familie Cladorhizidae ins Fangnetz gerät. „Die Arten dieser Schwämme haben weder ein wasserdurchlässiges Porensystem noch Geißelzellen – beides eigentlich typische Charakteristika von Schwämmen“, erklärt Dr. Dorte Janussen vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt. Dass es sich bei den Organismen dennoch um Schwämme handelt, haben genetische Untersuchungen und das Vorhandensein von Kieselnadeln bewiesen.


Die erhöhte Position hilft den Schwämmen bei der Beutejagd.

© Tomas Lundälv, Sven Lovén Center, Universität Göteborg, Schweden


Die neuentdeckte, fleischfressende Schwammart auf einer Kaltwasserkoralle.

© Tomas Lundälv, Sven Lovén Center, Universität Göteborg, Schweden

Janussen hat nun gemeinsam mit ihrem wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Chrsitian Göcke und einem deutsch-norwegischen Team eine neue Art dieser Hornkieselschwämme vor der Küste Mauretaniens entdeckt. „Die von uns beschriebene neue Art Cladorhiza corallophila wurde während einer Expedition mit dem Forschungsschiff Maria S. Merian im Jahr 2010 in einer Wassertiefe von 512 Metern gesammelt“, ergänzt die Frankfurter Meeresforscherin.

Der Beiname „korallenliebend“ ist beim neuen Fund Programm: Wie Unterwasseraufnahmen mit dem Tauchroboter zeigen, sind die Schwämme ausschließlich auf Kaltwasserkorallen zu finden. Göcke hierzu: „Die neu beschriebene Art lebt direkt auf den Korallen Lophelia pertusa und Madrepora oculata. So eine spezielle Besiedlung war uns bisher aus dieser Organismengruppe nicht bekannt.“

Die Forschenden gehen davon aus, dass die Schwämme durch die Wahl ihres Substrates besser an ihre Nahrung gelangen, denn auch hier zeigt die Neuentdeckung eine Besonderheit – die maximal zehn Zentimeter großen weiß-gelben Schwämme sind Fleischfresser.

„Wir glauben, dass Cladorhiza corallophila durch die höhere Position zum einen nur schwer durch aufgewirbeltes Meeressediment bedeckt werden kann und zum anderen näher an potentiellen Beutetieren – zum Beispiel Ruderfußkrebse – ist“, ergänzt Janussen.

Fleischfressende Schwämme sind bisher hauptsächlich aus nährstoffarmen Gewässern, vor allem aus der Tiefsee, bekannt – hier haben die Schwämme nicht die Möglichkeit ausreichend Nahrung durch Filtration aufzunehmen und haben entsprechend ihre Nahrungsmethode angepasst. „Vor Mauretanien haben wir aber extrem nährstoffreiche Gewässer“, erläutert Göcke und fährt fort: „Dennoch sind die kleinen carnivoren Schwämme offensichtlich hier gegenüber anderen potentiellen Besiedlern durch den Aufwuchs auf den Korallen im Vorteil.“

Kontakt
Dr. Christian Göcke
Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt
Tel. 069/7542-1305 Christian.Goecke@senckenberg.de

Dr. Dorte Janussen
Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt
Tel. 069-75421306
dorte.janussen@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
GÖCKE, CHRISTIAN et al.
Cladorhiza corallophila sp. nov., a new carnivorous sponge (Cladorhizidae, Demospongiae) living in close association with Lophelia pertusa and Madrepora oculata (Scleractinia)
. Zootaxa, [S.l.], v. 4168, n. 3, p. 512–524, sep. 2016. ISSN 1175-5334. http://doi.org/10.11646/zootaxa.4168.3.4

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de

2016 ist Leibniz-Jahr. Anlässlich des 370. Geburtstags und des 300. Todestags des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (*1.7.1646 in Leipzig, † 14.11.1716 in Hannover) veranstaltet die Leibniz-Gemeinschaft ein großes Themenjahr. Unter dem Titel „die beste der möglichen Welten“ – einem Leibniz-Zitat – rückt sie die Vielfalt und die Aktualität der Themen in den Blick, denen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der bundesweit 88 Leibniz-Einrichtungen widmen. www.bestewelten.de

Judith Jördens | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aus-Schalter für Nebenwirkungen
22.06.2018 | Max-Planck-Institut für Biochemie

nachricht Ein Fall von „Kiss and Tell“: Chromosomales Kissing wird fassbarer
22.06.2018 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Neueste Entwicklungen in Forschung und Technik

25.06.2018 | Veranstaltungen

Wheat Initiative holt Weizenforscher aus aller Welt an einen Tisch

25.06.2018 | Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Schnelle Wasserbildung in diffusen interstellaren Wolken

25.06.2018 | Physik Astronomie

Gleisgenaue Positionsbestimmung für automatisierte Bahnanwendungen

25.06.2018 | Informationstechnologie

Neueste Entwicklungen in Forschung und Technik

25.06.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics