Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Erkenntnisse zur Entstehung und Therapie von Krebs: Bislang unbekannte Proteinvariante entdeckt

02.04.2019

Onkologen an der Universität Tübingen und am Universitätsklinikum Tübingen haben im Rahmen eines von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Forschungsprojektes eine neue Proteinvariante entdeckt, die bei der Entstehung von Krebs und dem Verlauf der Erkrankung eine wichtige Rolle spielt. Für Mediziner eröffnet diese Entdeckung die Chance auf neue Möglichkeiten in der Diagnostik und Therapie von Tumorerkrankungen. Die Ergebnisse der Studie wurden am Dienstag, 2. April 2019, im Fachmagazin EBioMedicine, dem Open-Access-Format des Fachmagazins „The Lancet“ veröffentlicht.

Entdeckt hatte das Forschungsteam um die Ärztin und Wissenschaftlerin Dr. Kerstin Kampa-Schittenhelm die Proteinvariante namens ASPP2kappa ursprünglich in den Zellen von Leukämiepatienten. Dort konnten sie zeigen, dass der Krebs schneller wächst und sich medikamentös schwerer behandeln lässt, sobald diese besondere Eiweißform vorkommt.


Schematische Darstellung der Entstehung der ASPP2kappa-Proteinvariante: Die spezifische Färbung im Zentrum der Grafik weist das Vorhandensein des ASPP2kappa-Proteins in Leukämiezellen nach.

© Dr. Kerstin Kampa-Schittenhelm

Zwischenzeitlich konnten die Forscher die Proteinvariante auch in einer Vielzahl anderer Tumore nachweisen. Gefördert wurden die Wissenschaftler dabei maßgeblich von der Wilhelm Sander-Stiftung.

Das Besondere an der neu entdeckten Proteinvariante, die ein zentrales Gen im Signalweg des programmierten Zelltods betrifft, ist der dynamische Charakter der Entstehung: ASPP2kappa ist in gesunden Zellen nicht oder nur gering nachweisbar – und entsteht vermehrt als Reaktion auf Zellschädigungen, wie sie zum Beispiel in Folge radioaktiver oder ultravioletter Strahlung, schädlicher Umwelteinflüsse oder durch den Kontakt mit Giftstoffen eintreten.

Die Tübinger Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass die bislang unbekannte Proteinvariante entsteht, weil die DNA in den betroffenen Zellen fehlerhaft abgelesen wird. Im Anschluss daran bildet sich ein Protein, dem wichtige Bauteile fehlen.

Im Normalfall würde die Zelle bei einer Schädigung von außen den kontrollierten Zelltod einleiten. Die fehlerhafte Proteinvariante aber bremst offenbar diesen Prozess aus und schützt die Zelle vor dem Absterben. Dieser Schutzmechanismus ist jedoch nur auf den ersten Blick von Vorteil, denn die geschädigten Zellen werden längerfristig zum Problem für den Organismus: Zellschäden häufen sich an und können schließlich zur Entartung der Zelle führen. Ein Tumor entsteht.

Die bislang gültige These, dass Genmutationen ursächlich zur Entartung von Zellen führen, wird durch diese Erkenntnis entscheidend ergänzt. „Im vorliegenden Fall konnten wir zeigen, dass die entsprechende DNA der Zelle keinerlei Fehler aufweist“, sagte Kampa-Schittenhelm. Offensichtlich könne auch ein durch Außenfaktoren fehlerhaft gebildetes Eiweiß zur bösartigen Entartung von Zellen führen.

Besseres Verständnis der Tumorentstehung

Diese Erkenntnisse haben weitreichende Bedeutung zum Verständnis der Tumorentstehung – bieten aber auch Ansatzpunkte zur Verbesserung von Diagnostik und Therapie von Krebserkrankungen. Mittlerweile arbeiten die Tübinger Forscherinnen und Forscher an Möglichkeiten, diese neuen Erkenntnisse in verbesserte Therapiemöglichkeiten umzusetzen. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es künftig sinnvoll sein kann, schon vor dem Start einer Therapie zu prüfen, ob Krebspatienten in ihren Zellen ASPP2kappa aufweisen oder nicht“, sagte Kampa-Schittenhelm.

Darüber hinaus lasse sich aus einem Anstieg der Proteinkonzentration während der Behandlung ablesen, ob diese erfolgreich verlaufe: „Tritt das Protein vermehrt auf, ist das nach unseren Erkenntnissen ein Hinweis darauf, dass der Patient auf die Therapie schlechter anspricht.“ Entsprechend gebe es die Chance, Therapien zukünftig individuell besser anzupassen.

Um die Ergebnisse der Studie verlässlich zu validieren, seien nun allerdings zunächst Patientenstudien mit möglichst großen Fallzahlen notwendig. Darüber hinaus wollen die Tübinger Wissenschaftler Medikamente entwickeln, mit denen die Bildung des neu entdeckten Proteins verhindert werden kann. Es werde sicherlich noch mehrere Jahre dauern, bis die Erkenntnisse der jetzt veröffentlichten Studie im klinischen Alltag eingesetzt werden könnten, sagte Kampa-Schittenhelm abschließend.

Kontakt:

Henrike Boden
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit & Stiftungskommunikation
Wilhelm Sander-Stiftung
Goethestraße 74
80336 München

Tel.: +49 (0) 89 544187-0
Fax: +49 (0) 89 544187-20
E-Mail: boden@sanst.de

Die Wilhelm Sander-Stiftung hat dieses Forschungsprojekt mit rund 142.000 Euro unterstützt. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 236 Millionen Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz ausbezahlt. Damit ist die Wilhelm Sander-Stiftung eine der bedeutendsten privaten Forschungsstiftungen im deutschen Raum. Sie ging aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Janna Eberhardt
Universität Tübingen
Hochschulkommunikation
Wilhelmstraße 5
72074 Tübingen

Tel.: +49 7071 29-77853
Fax: +49 7071 29-5566
E-Mail: janna.eberhardt@uni-tuebingen.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Kerstin Kampa-Schittenhelm
Universitätsklinikum Tübingen
Labor für experimentelle Hämatologie und Onkologie
Otfried-Müller-Straße 10
72076 Tübingen

E-Mail: kerstin.kampa-schittenhelm@med.uni-tuebingen.de

https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/einrichtungen/kliniken/medi...

Originalpublikation:

Schittenhelm MM, Walter B, Tsintari V, Federmann B, Bajrami Saipi M, Akmut F, Illing B, Mau-Holzmann U, Fend F, Lopez CD, Kampa-Schittenhelm KM. Alternative splicing of the tumor suppressor ASPP2 results in a stress-inducible, oncogenic isoform prevalent in acute leukemia. EBioMedicine. https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2019.03.028

Weitere Informationen:

https://www.wilhelm-sander-stiftung.de/
https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/pressemitteilu...

Henrike Boden | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Inventur in der Synapse
17.06.2019 | Leibniz-Institut für Neurobiologie

nachricht Zellbiologie - Qualitätskontrolle für Mitochondrien
17.06.2019 | Ludwig-Maximilians-Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die verborgene Struktur des Periodensystems

Die bekannte Darstellung der chemischen Elemente ist nur ein Beispiel, wie sich Objekte ordnen und klassifizieren lassen.

Das Periodensystem der Elemente, das die meisten Chemiebücher abbilden, ist ein Spezialfall. Denn bei dieser tabellarischen Übersicht der chemischen Elemente,...

Im Focus: The hidden structure of the periodic system

The well-known representation of chemical elements is just one example of how objects can be arranged and classified

The periodic table of elements that most chemistry books depict is only one special case. This tabular overview of the chemical elements, which goes back to...

Im Focus: MPSD-Team entdeckt lichtinduzierte Ferroelektrizität in Strontiumtitanat

Mit Licht lassen sich Materialeigenschaften nicht nur messen, sondern auch verändern. Besonders interessant sind dabei Fälle, in denen eine fundamentale Eigenschaft eines Materials verändert werden kann, wie z.B. die Fähigkeit, Strom zu leiten oder Informationen in einem magnetischen Zustand zu speichern. Ein Team um Andrea Cavalleri vom Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie in Hamburg, hat nun Lichtimpulse aus dem Terahertz-Frequenzspektrum benutzt, um ein nicht-ferroelektrisches Material in ein ferroelektrisches umzuwandeln.

Ferroelektrizität ist ein Zustand, in dem die Atome im Kristallgitter eine bestimmte Richtung "aufzeigen" und dadurch eine makroskopische elektrische...

Im Focus: MPSD team discovers light-induced ferroelectricity in strontium titanate

Light can be used not only to measure materials’ properties, but also to change them. Especially interesting are those cases in which the function of a material can be modified, such as its ability to conduct electricity or to store information in its magnetic state. A team led by Andrea Cavalleri from the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter in Hamburg used terahertz frequency light pulses to transform a non-ferroelectric material into a ferroelectric one.

Ferroelectricity is a state in which the constituent lattice “looks” in one specific direction, forming a macroscopic electrical polarisation. The ability to...

Im Focus: Konzert der magnetischen Momente

Forscher aus Deutschland, den Niederlanden und Südkorea haben in einer internationalen Zusammenarbeit einen neuartigen Weg entdeckt, wie die Elektronenspins in einem Material miteinander agieren. In ihrer Publikation in der Fachzeitschrift Nature Materials berichten die Forscher über eine bisher unbekannte, chirale Kopplung, die über vergleichsweise lange Distanzen aktiv ist. Damit können sich die Spins in zwei unterschiedlichen magnetischen Lagen, die durch nicht-magnetische Materialien voneinander getrennt sind, gegenseitig beeinflussen, selbst wenn sie nicht unmittelbar benachbart sind.

Magnetische Festkörper sind die Grundlage der modernen Informationstechnologie. Beispielsweise sind diese Materialien allgegenwärtig in Speichermedien wie...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Automatisiertes Fahren

17.06.2019 | Veranstaltungen

Doc Data – warum Daten Leben retten können

14.06.2019 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - August 2019

13.06.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Weizensorten bewähren sich auch unter widrigen Anbaubedingungen

17.06.2019 | Agrar- Forstwissenschaften

Inventur in der Synapse

17.06.2019 | Biowissenschaften Chemie

Zellbiologie - Qualitätskontrolle für Mitochondrien

17.06.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics