Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Moleküle nach dem Vorbild der Natur bauen

16.03.2011
Forscher aus Magdeburg, Mülheim und Uppsala haben Vorgänge in Enzymen untersucht, um die biologische Wasserstoffproduktion im Detail besser zu verstehen

Wasserstoff ist ein Energieträger der Zukunft und wird bereits als alternative Energiequelle, z.B. beim Betrieb von Kraftfahrzeugen, getestet. Manche Mikroorganismen, also Bakterien und Algen, können Wasserstoff bei Raumtemperatur erzeugen. Forscher verstehen immer besser, wie Bakterien Wasserstoff erzeugen und welche Rolle die Enzyme dabei spielen.

Wissenschaftler möchten die zugrunde liegen Prozesse nachvollziehen, um künftig mit künstlichen Systemen Wasserstoff produzieren zu können. In einem Kooperationsprojekt haben sich Forscher aus Magdeburg, Mühlheim und Uppsala der bakteriellen Wasserstofferzeugung gewidmet. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Angewandte Chemie.

Das Enzym, das den Wasserstoff herstellt, heißt Hydrogenase. Forscher wollen die Vorgänge in diesem Enzym verstehen und weitere Anhaltspunkte finden, auf welche Weise die Natur Wasserstoff produziert. Die Eisenatome in der Hydrogenase ermöglichen die biochemischen Vorgänge. Obwohl es schon eine Struktur und zahlreiche spektroskopische Untersuchungen von diesem Enzym gibt, konnte immer noch nicht exakt geklärt werden, wie das aktive Zentrum des Enzyms genau aussieht. Erst wenn die Chemiker die Elektronenstruktur in den Metallzentren kennen, ist es ihnen auch möglich, die Enzyme gezielt zu verändern oder nachzubauen.

Schwedisches Design für Moleküle

Chemiker von der Universität Uppsala in Schweden haben jetzt ein Molekül im Labor hergestellt, das dem Vorbild des Enzyms genau nachempfunden ist. Diese Nachbauten der Natur sollen zukünftig als künstliche Systeme zur biotechnologischen Wasserstoffproduktion dienen. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für bioanorganische Chemie in Mülheim haben am schwedischen Molekül aufwändige Messungen mit Elektronenspinresonanz (EPR) vorgenommen, um es genau zu untersuchen.

Von der Natur lernen

Die Analyse und Interpretation der Messergebnisse wurde erst möglich durch Computerberechnungen vom Max-Planck-Institut in Magdeburg. Dr. Matthias Stein modellierte die zu erwartenden Ergebnisse am Rechner. Werte, die bei den spektroskopischen Aufnahmen am ursprünglichen Enzym ermittelt wurden, wurden mit den berechneten Werten des Modells verglichen. Mit Hilfe der rechnerischen Simulation konnte erstmals die elektronische Struktur eines solchen [FeFe]-Modellkomplexes detailliert analysiert werden. Durch das Design der schwedischen Modellverbindung in Anlehnung an das Bakterium konnte erstmals eindeutig gezeigt werden, dass im Bakterium ein Stickstoffatom im aktiven Zentrum vorliegt. Dies hat wahrscheinlich eine große Bedeutung als Zwischenstufe im enzymatischen Mechanismus der Wasserstofferzeugung.

Aufs Detail schauen und das große Ganze im Blick

Matthias Stein, 39, forscht am Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg und baut dort eine Nachwuchsgruppe auf. Er simuliert Wechselwirkungen in oder zwischen Molekülen auf verschiedenen Zeitskalen. Matthias Stein sieht seine Arbeit an der Schnittstelle zwischen Biologie, Chemie, Physik und mathematischen Modellierungen. Er möchte zelluläre Vorgänge und Veränderungen wie durch eine Lupe betrachten und auf atomarer Ebene verstehen.

Matthias Stein fasziniert es, “Experimente auf dem PC durchzuführen und verschiedene Modelle rechnerisch durchzuspielen.” Zu den Methoden, die er und seine Kollegen dabei einsetzen, zählen die Quantenmechanik, die molekulare und Brown‘sche Dynamik sowie die Bioinformatik und die Modellierung von Proteinstrukturen. Damit bringt er Werkzeuge in die Forschungsarbeit des Max-Planck-Institutes ein, die so vorher in Magdeburg nicht angewendet wurden. Am Rechner können somit nun Szenarien und Moleküle simuliert werden, die nicht oder nur schwer experimentell zugänglich sind. Um es den Wissenschaftlern zu ermöglichen, ihre aufwändigen Berechnungen durchzuführen, wird derzeit am Max-Planck-Institut Magdeburg ein leistungsfähiger Rechnercluster mit einer großen Rechenkapazität installiert.

Die Gruppe kooperiert eng mit den experimentell arbeitenden Fachgruppen des Max-Planck-Institutes unter anderem auf dem Gebiet der chemischen Prozesstechnik und der Biotechnologie, denn “die theoretischen Berechnungen müssen auch im Experiment bestätigt werden&rdquo, so Matthias Stein. Zukünftige Anknüpfungspunkte in seiner Arbeit sieht Matthias Stein auch in den Forschungsgebieten der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Über Dr. rer. nat. Matthias Stein

Matthias Stein wurde 1971 in Berlin geboren. Von 1990 bis 1995 studierte er Chemie an der TU Berlin und der University of Manchester (UK). Dort erwarb er auch den Master of Science in Theoretischer Chemie. Er promovierte 2001 in Biophysikalischer Chemie unter anderem über den Reaktionsmechanismus der Hydrogenase. Es folgte ein Gastaufenthalt an der Königlich Technischen Hochschule Stockholm, Schweden, von 2003 bis 2005. In einem Biotechunternehmen arbeitete er zunächst als Gruppenleiter, dann als Gründer und Geschäftsführer in der computergestützten Entwicklung von Pharmazeutika. Von 2005 bis 2010 war er an dem von der Klaus Tschira Stiftung geförderten Forschungsinstitut EML Research gGmbH, jetzt Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS).

Seit Juli 2010 leitet Matthias Stein die Nachwuchsgruppe Molecular Simulations and Design am Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg. Matthias Stein hat mehrere wissenschaftliche Auszeichnungen erhalten und ist Mitglied in verschiedenen wissenschaftlichen Vereinigungen, u.a. in der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Originalveröffentlichung

Özlen F. Erdem, Lennart Schwartz, Matthias Stein, Alexey Silakov, Sandeep Kaur-Ghumaan, Ping Huang, Sascha Ott, Edward J. Reijerse, Wolfgang Lubitz:
Ein Modell des aktiven Zentrums der [FeFe]-Hydrogenasen mit biologisch relevanter Azadithiolat-Brücke: eine spektroskopische und theoretische Untersuchung

Angewandte Chemie, 7. Februar 2011, (DOI: 10.1002/ange.201006244), 123, 1475-1479.

Ihr Kontakt zum Max-Planck-Institut Magdeburg
Dr. Matthias Stein, M.Sc.
Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme
Sandtorstraße 1
D-39106 Magdeburg
Tel: +49-391-6110-436
Fax: +49-391-6110-403
E-mail: matthias.stein@mpi-magdeburg.mpg.de
Gabriele Krätzer M.A.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme
Sandtorstraße 1
D-39106 Magdeburg
Tel: +49-391-6110-144
Fax: +49-391-6110-518
E-mail: kraetzer@mpi-magdeburg.mpg.de

Gabriele Krätzer | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpi-magdeburg.mpg.de
http://www.de.mpi-magdeburg.mpg.de/Public_Relations/Pressemitteilungen/Pressemitteilung_Hydrogenase_MSD_160311.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie Krebszellen Winterschlaf halten
16.07.2018 | Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

nachricht Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit
16.07.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Im Focus: First evidence on the source of extragalactic particles

For the first time ever, scientists have determined the cosmic origin of highest-energy neutrinos. A research group led by IceCube scientist Elisa Resconi, spokesperson of the Collaborative Research Center SFB1258 at the Technical University of Munich (TUM), provides an important piece of evidence that the particles detected by the IceCube neutrino telescope at the South Pole originate from a galaxy four billion light-years away from Earth.

To rule out other origins with certainty, the team led by neutrino physicist Elisa Resconi from the Technical University of Munich and multi-wavelength...

Im Focus: Magnetische Wirbel: Erstmals zwei magnetische Skyrmionenphasen in einem Material entdeckt

Erstmals entdeckte ein Forscherteam in einem Material zwei unabhängige Phasen mit magnetischen Wirbeln, sogenannten Skyrmionen. Die Physiker der Technischen Universitäten München und Dresden sowie von der Universität zu Köln können damit die Eigenschaften dieser für Grundlagenforschung und Anwendungen gleichermaßen interessanten Magnetstrukturen noch eingehender erforschen.

Strudel kennt jeder aus der Badewanne: Wenn das Wasser abgelassen wird, bilden sie sich kreisförmig um den Abfluss. Solche Wirbel sind im Allgemeinen sehr...

Im Focus: Neue Steuerung der Zellteilung entdeckt

Wenn eine Zelle sich teilt, werden sämtliche ihrer Bestandteile gleichmässig auf die Tochterzellen verteilt. UZH-Forschende haben nun ein Enzym identifiziert, das sicherstellt, dass auch Zellbestandteile ohne Membran korrekt aufgeteilt werden. Ihre Entdeckung eröffnet neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krebs, neurodegenerative Krankheiten, Alterungsprozessen und Virusinfektionen.

Man kennt es aus der Küche: Werden Aceto balsamico und Olivenöl miteinander vermischt, trennen sich die beiden Flüssigkeiten. Runde Essigtropfen formen sich,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

Conference on Laser Polishing – LaP: Feintuning für Oberflächen

12.07.2018 | Veranstaltungen

Materialien für eine Nachhaltige Wasserwirtschaft – MachWas-Konferenz in Frankfurt am Main

11.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vertikales Begrünungssystem Biolit Vertical Green<sup>®</sup> auf Landesgartenschau Würzburg

16.07.2018 | Architektur Bauwesen

Feinstaub macht Bäume anfälliger gegen Trockenheit

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Krebszellen Winterschlaf halten

16.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics