Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Mauerblümchen“ macht sich breit - Ausbreitung des invasiven Weidenröschens untersucht

21.07.2016

Senckenberg-Wissenschaftler haben die Verbreitung der invasiven Pflanze „Kurzfrüchtiges Weidenröschen“ in Deutschland untersucht. Der Neophyt stammt ursprünglich aus den Hochgebirgen Nordamerikas und breitet sich seit etwa 15 Jahren massiv im Rhein-Main-Gebiet aus. Genetische Untersuchungen zeigen, dass die Pflanzen in mehreren Schritten nach Deutschland gelangten – vermutlich als „blinde Passagiere“ in Militär- und Landwirtschaftsfahrzeugen. Die Studie ist kürzlich im Fachjournal „Biological Invasions“ erschienen.

Schmale Stängel, winzige Blätter und zarte Blüten: Das Kurzfrüchtige Weidenröschen (Epilobium brachycarpum) ist ein eher unauffälliger Vertreter der Pflanzenwelt und wird – trotz seiner Größe von bis zu einem Meter Höhe – leicht übersehen.


Blüte und Samen des invasiven Kurzfrüchtigen Weidenröschen.

© Senckenberg/Nierbauer


Der Neophyt ist optisch eher unauffällig.

© Senckenberg/Nierbauer

„Es gibt das Weidenröschen aber häufiger, als man denkt – auch hier im Rhein-Main-Gebiet“, erklärt Kai Uwe Nierbauer aus der Abteilung Botanik und molekulare Evolutionsforschung am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fährt fort: „Wir haben die Verbreitung dieser invasiven Pflanze in Deutschland nun in einer großangelegten Studie untersucht.“

Das unscheinbare Nachtkerzengewächs ist ursprünglich an der nordamerikanischen Westküste beheimatet. Vor 35 Jahren wurde es erstmalig in Europa, in der Nähe von Madrid, entdeckt. In Deutschland wurde die filigrane Pflanze vor 20 Jahren in Rheinland-Pfalz gefunden; im Rhein-Main-Gebiet breitet sie sich seit etwa 15 Jahren aus.

„Wir denken, dass die Samen des Weidenröschens als blinde Passagiere aus Nordamerika zu uns kamen“, erläutert Nierbauer. Häufig finden sich die Pflanzen auf brachliegenden Flächen, wie beispielsweise auf dem „Alten Flugplatz“ in Frankfurt-Bonames. Hier wird vermutet, dass die Samen über die Schuhsohlen nordamerikanischer Soldaten auf das ehemalige Militärgelände gelangten. „Im Frankfurter Raum findet sich der Neophyt meistens auf Bahnhöfen zwischen Gleisschotter. Es ist aber auch in Kiesgruben, Steinbrüchen, Erddeponien und auf geschotterten Parkplätzen zu finden“, ergänzt der Frankfurter Botaniker.

In Deutschland findet man die eingewanderte Pflanze in der Oberrheinebene von Frankfurt bis Rastatt, der Wetterau, dem Taunus und dem Pfälzer Wald. Vor 10 Jahren wurde zudem ein Vorkommen in Bayern, zwischen Bamberg und Nürnberg entdeckt. „Eine einzelne Population gibt es auch in Treis-Karden an der Mosel. Hier weisen aber alle Pflanzen schwere Frostschäden auf – wir gehen davon aus, dass sich dieses Vorkommen nicht in Deutschland halten wird“, fügt Nierbauer hinzu.

Dass die Pflanzenpopulationen so unterschiedlich auf die deutschen Klimaverhältnisse reagieren, konnten die Frankfurter Botaniker anhand genetischer Untersuchungen erklären: Sie verglichen die Pflanzen-DNA von 23 Orten in Deutschland und Nord-Frankreich mit Vergleichsmaterial aus den USA und kamen zu dem Schluss, dass die frostanfällige Weidenröschen-Population an der Mosel ihren Ursprung in der „Tieflandsippe“ hatte, also Pflanzen, die sich in nur wenigen Höhenmetern ansiedeln. „Alle anderen Vorkommen stammen dagegen aus Höhen von über 1500 Metern – diese Pflanzen sind genetisch demnach schon an größere Kälten angepasst“, begründet Nierbauer.

Auch über die Besiedlungsphasen konnten die genetischen Untersuchungen Auskunft geben: Die deutschen Populationen unterscheiden sich zwar genetisch voneinander stark, innerhalb eines Vorkommens gibt es aber wenig genetische Vielfalt – „ein deutliches Zeichen für mehrere, zeitlich getrennte Verbreitungswellen“, vervollständigt Nierbauer.

Das Kurzfrüchtige Weidenröschen verdrängt zwar keine anderen Pflanzen, aber es schließt Flächen, die ansonsten frei bleiben würden. In der Grube Messel wird dabei beispielsweise das Beuterevier des Flussregenpfeifers eingeschränkt. Dieser kleine Vogel benötigt freie Flächen um seine Nahrung zu finden.
Natürliche Feinde hat die Pflanze bisher keine – gefressen werden die Blätter und Stängel nur von Kaninchen; die Samen der Pflanzen werden dabei aber nicht nachhaltig geschädigt.
Nierbauer resümiert: „Wir gehen daher davon aus, dass sich das Kurzfrüchtige Weideröschen auch weiterhin in Deutschland ausbreiten wird. Die Auswirkungen müssen wir beobachten.“

Kontakt
Dipl. Biol. Kai Uwe Nierbauer,
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt
Abteilung Botanik und molekulare Evolutionsforschung
Tel. 069- 97075-1153
kai-uwe.nierbauer@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
Kai Uwe Nierbauer, Juraj Paule und Georg Zizka (2016). Invasive Tall Annual Willowherb (Epilobium brachycarpum C.Presl) in Central Europe Originates from High Mountain Areas of Western North America. Biological Invasions, doi: 10.1007/s10530-016-1216-0.

Pressemitteilung und Bildmaterial finden Sie auch unter www.senckenberg.de/presse

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de

2016 ist Leibniz-Jahr. Anlässlich des 370. Geburtstags und des 300. Todestags des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (*1.7.1646 in Leipzig, † 14.11.1716 in Hannover) veranstaltet die Leibniz-Gemeinschaft ein großes Themenjahr. Unter dem Titel „die beste der möglichen Welten“ – einem Leibniz-Zitat – rückt sie die Vielfalt und die Aktualität der Themen in den Blick, denen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der bundesweit 88 Leibniz-Einrichtungen widmen. www.bestewelten.de 

Judith Jördens | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum
19.07.2018 | Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

nachricht Infrarotsensor als neue Methode für die Wirkstoffentwicklung
19.07.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics