Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gehirngebiete zur Unterscheidung von Gut und Böse

05.08.2016

Zwei Areale sind an Netzwerken beteiligt, die Situationen als positiv oder negativ bewerten

Eine Person beleidigt uns, gleichzeitig lächelt sie uns an. Wie soll unser Gehirn das interpretieren? Als Affront oder freundliche Geste? Forscherinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Universität Haifa in Israel haben nun die neuronalen Mechanismen identifizieren können, die uns eine Situation als positiv oder negativ interpretieren lassen. Gelungen ist ihnen das mit Hilfe von emotional verwirrenden Szenen aus Filmklassikern wie Quentin Tarantinos “Reservoir Dogs”.


Der sogenannte Lobus parietalis inferior (IPL) im Scheitellappen bewertet negative, der Sulcus temporalis superior (STS) im Schläfenlappen interpretiert positive Ereignisse.

MPI f. Kognitions- und Neurowissenschaften

Bekommen wir ein Kompliment, ist das für uns eindeutig positiv. Werden wir beleidigt, ist das ohne Zweifel negativ. Viele soziale Situation lassen sich jedoch keineswegs so einfach deuten: Eine Aussage kann zynisch gemeint sein; eine Person lächelt vordergründig an, führt jedoch Ungutes im Schilde; und ein Satz kann vollkommen unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem, in welchem Ton er gesagt wird.

In all diesen Fällen ist es wichtig, dass unser Gehirn sie angemessen einordnen kann, sonst laufen wir Gefahr, unbedarft an eine für uns heikle Situation heranzugehen oder unbegründet in einer eigentlich fröhlichen Atmosphäre beleidigt zu sein.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und der Universität Haifa in Israel haben nun herausgefunden, wie das Gehirn solche Schwierigkeiten meistert: “Wir haben zwei Areale im Gehirn identifizieren können, die als eine Art Fernbedienung wirken. Sie bestimmen, wie wir eine Situation einschätzen, und welches der beiden Netzwerke an- oder ausgeschaltet wird”, erklärt Studienleiterin Christiane Rohr vom Leipziger Max-Planck-Institut.

Demnach ist das eine Netzwerk aktiv, wenn wir eine Szene als erfreulich empfinden, das andere im umgekehrten Fall. Den Wechsel zwischen beiden Empfindungen übernehmen wiederum zwei Bereiche innerhalb dieser Netzwerke. Der sogenannte Sulcus temporalis superior im Schläfenlappen, der für die Interpretation positiver Ereignisse zuständig ist, und der sogenannte Lobus parietalis inferior im Scheitellappen, der aktiv wird, wenn wir sie als negative empfinden. Beide Regionen treten in Aktion, wenn wir mit einer emotional schwierig einzuschätzenden Situation konfrontiert sind.

“Die beiden Regionen scheinen miteinander zu kommunizieren um so herauszufinden, welche von ihnen aktiviert oder inaktiviert wird”, so Hadas Okon-Singer von der Universität Haifa. “Sie legen so vermutlich fest, ob in einer unklaren Situation eher positive oder negative Elemente überwiegen und beeinflussen darüber wiederum andere Hirnbereiche.”
Verstörende Filmszenen

Zu diesen Ergebnissen gelangten die Neurowissenschaftler mit Hilfe emotional verwirrender Filme: Während die Studienteilnehmer in einem funktionellen Magnetresonanztomografen lagen, sahen sie Streifen wie Tarantinos “Reservoir Dogs”, in dem eine Person eine andere foltert, während sie lacht, tanzt und fröhlich die Unterhaltung mit ihrem Opfer sucht. Im Anschluss an die Filmszenen gaben die Probanden Auskunft darüber, ob für sie darin Konflikte enthalten waren und wie sehr die positiven oder negativen Elemente überwogen - sie die Ausschnitte also eher als angenehm oder unangenehm empfanden.

In der Regel gelingt es den meisten Menschen gut, diffizile Situationen entsprechend einzuordnen, einigen jedoch nicht. Für die Betroffenen kann das zu Depressionen, Angstzuständen oder dazu führen, soziale Interaktionen zu vermeiden. Die Neurowissenschaftlerinnen Rohr und Okon-Singer hoffen daher, dass ihre Erkenntnisse helfen, die neuronalen Abweichungen der Betroffenen zu identifizieren: “Letztlich wollen wir dazu beitragen, Therapien zu entwickeln, die ihnen helfen, schwierige Situationen adäquater einordnen zu können.“

Originalpublikation:
Rohr, C.S., Villringer, A., Solms‐Baruth, C., van der Meer, E., Margulies, D.S. and Okon‐Singer, H.
The neural networks of subjectively evaluated emotional conflicts.
Human Brain Mapping, 37(6), pp. 2234-2246

Ansprechpartner:
Dr. Christiane Rohr
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
E-Mail:
crohr@cbs.mpg.de

Dr. Hadas Okon-Singer
Universität Haifa
Telefon:+972 54 2421041
E-Mail:
hadasos@psy.haifa.ac.il

Verena Müller
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon:+49 341 9940-148
E-Mail:
verenamueller@cbs.mpg.de

Weitere Informationen:

https://www.mpg.de/10680318/gehirn-situationsbewertung

Dr. Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aus-Schalter für Nebenwirkungen
22.06.2018 | Max-Planck-Institut für Biochemie

nachricht Ein Fall von „Kiss and Tell“: Chromosomales Kissing wird fassbarer
22.06.2018 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics