Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fische als Trojanische Pferde

17.05.2017

Seit einiger Zeit verbreiten sich einzellige Meeresbodenbewohner aus dem Indopazifik auch im Mittelmeer – und dies anscheinend unabhängig von herkömmlichen Wegen wie dem Schiffsverkehr. Ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Beteiligung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat jetzt einen möglichen Invasionsweg gefunden: im Darm von Fischen, die ebenfalls aus dem Indopazifik ins Mittelmeer gelangt sind. Ihre Ergebnisse haben die Forscher jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Limnology and Oceanography Letters veröffentlicht.

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat eine neue Verbreitungsform von nicht-heimischen Arten in fremde Ökosysteme entdeckt. Das Team bestehend aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Israel, Deutschland und den USA hat das Vorkommen einzelliger Meeresorganismen, den sogenannten Foraminiferen, im Mittelmeer untersucht.


Ein Kaninchenfisch der Art Siganus rivulatus vor der Küste Israels im Mittelmeer.

Foto: Erez Yeruham, IOLR

Foraminiferen können mikroskopisch klein oder einige Zentimeter groß sein und besiedeln unter anderem den Meeresboden. Pflanzenfressende Fische verschlucken sie zum Teil versehentlich während ihrer Nahrungsaufnahme.

Es scheint, dass diese Kleinstlebewesen die Passage durch den Magen-Darm-Trakt der Fische oft überleben und somit während der Wanderung der Fische von einem Ort zum Nächsten transportiert werden können. Das beschreiben die Forschenden jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Limnology and Oceanography Letters.

„Invasive Arten stellen mittlerweile ein weltweites Problem dar, welches besonders – aber anscheinend nicht ausschließlich – von der ausgeprägten Mobilität der Menschen in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt wurde“, erklärt die hauptverantwortliche Wissenschaftlerin der Studie, Tamar Guy-Haim vom GEOMAR und von Israel Oceanographic and Limnological Research (IOLR) .

Sie hat die Studie wurde zusammen mit Orit Hyams-Kaphazan (Geological Survey of Israel, GSI), Erez Yeruham (IOLR), Ahuva Almogi-Labin (GSI) und James Carlton (Williams College - Mystic Seaport, USA) durchgeführt.

Durch die Kombination aus Feldarbeit in den Jahren 2015/16 und Archiv-Recherche wurden die Meeresforscher auf einen interessanten Zusammenhang aufmerksam. Kaninchenfische und bestimmte Foraminiferenarten aus dem Indo-Pazifik breiteten sich nachweislich parallel in fremden Lebensräumen aus. „Auch das Mittelmeer ist von dieser Doppelinvasion betroffen. Wir wollten wissen, warum“, sagt Guy-Haim.

In Magen- und Kotproben von frisch gefangenen Kaninchenfischen aus dem Mittelmeer sowie aus präparierten Exemplaren inMuseen konnte das Team die kleinen Einzeller schließlich nachweisen – teilweise lebendig. „Die sogenannte Ichthyochory, der Transport lebender Organismen durch den Magen-Darm-Trakt von Fischen, ist aus Süßgewässern bekannt. Das Phänomen wurde aber noch nicht in Verbindung gebracht mit der zum Teil erstaunlich schnellen Verschleppung von Tieren und Pflanzen im Meer, vor allem nicht von am Meeresboden lebender Arten. Doch offenbar fungieren Fische im Mittelmeer tatsächlich als trojanische Pferde“, erläutert Tamar Guy-Haim.

Bisher galten vor allem der Tourismus, die Aquakultur und die Handelsschifffahrt als Wegbereiter für den Transport von Arten von einem Lebensraum zum anderen. Speziell das Mittelmeer hat aber auch durch die Eröffnung des Suezkanals 1869 viele neue Arten aus dem Roten Meer und dem Indischen Ozean hinzugewonnen. Ein Gewinn für den heimischen Artenreichtum ist das nicht immer, da angestammte Organismen häufig durch die Zuwanderer verdrängt werden.

„Fremde Arten können Einheimischen gegenüber einige Vorteile haben. Sie haben potentiell keine Fressfeinde, da sie diesen unbekannt sind. Sie bringen eventuell Krankheitserreger mit, die ansässige Spezies befallen und deren Zahl verringern. Auch der Klimawandel kann zu Veränderungen im heimischen Lebensraum führen, mit denen der Neuankömmling eventuell besser zurechtkommt“, so die Forscherin weiter.

Nach der neuen Studie muss die Forschung einen neuen Transportweg für invasive Arten in Untersuchungen berücksichtigen. Die unterschiedlichen Transportwege von invasiven Arten zu identifizieren, hilft langfristig dabei, Vorhersagen über mögliche Ausbreitungsradien zu treffen und diese möglichst einzudämmen oder gänzlich zu unterbinden.

Originalarbeit:
Guy‐Haim, T., O. Hyams‐Kaphzan, E. Yeruham, A. Almogi‐Labin, J. T. Carlton (2017):
A novel marine bioinvasion vector: Ichthyochory, live passage through fish. Limnology and Oceanography Letters, http://dx.doi.org/10.1002/lol2.10039

Weitere Informationen:

http://www.geomar.de Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Dr. Andreas Villwock | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren
16.11.2018 | Universität Bayreuth

nachricht Günstiger Katalysator für das CO2-Recycling
16.11.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Kalikokrebse: Erste Fachtagung zu hochinvasiver Tierart

16.11.2018 | Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mikroplastik in Kosmetik

16.11.2018 | Studien Analysen

Neue Materialien – Wie Polymerpelze selbstorganisiert wachsen

16.11.2018 | Materialwissenschaften

Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren

16.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics