Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wohngruppen unter der Lupe - Gute Nachbarn konsumieren ökologisch

16.03.2001

Eine funktionierende Nachbarschaft und ein positives "Wir-Gefühl" beeinflussen nachhaltig das Konsumverhalten der Bewohner eines Wohngebietes. Das ist das Ergebnis eines umfassenden Forschungsprojektes an der TU Berlin. Dazu muss die Architektur ein Wohnumfeld schaffen, das das soziale Leben eines Quartiers fördern hilft. Wohlbefinden und Wohnzufriedenheit begünstigen ressourcenschonendes Konsumverhalten. Speziell das "Müllverhalten" wird stark durch die Nachbarschaft geprägt.


Mischformen zwischen privaten und öffentlichen Räumen fördern nachhaltige Konsummuster, wie es im Quartier Rummelsburger Bucht angestrebt wird.


Foto: TU Berlin


Die Halle in einem Quartier am Berliner Ortolanweg bietet eine geräumige klimatisierte Überganszone mit vielfältigen Möglichkeiten zur Aneignung (Pflanzen, Spielen, Bemalung etc.). Foto: TU Berlin

Die Notwendigkeit, das Konsumverhalten einzelner Wohngruppen genauer zu untersuchen, ergibt sich schon allein daraus, dass 30 bis 40 Prozent der Umweltbelastungen in Deutschland auf den privaten Konsum zurückzuführen sind. Allein durch den Kauf und Gebrauch von zehn ausgewählten Produkten wie z.B. Herde und Spülmaschinen, Pkw oder Waschmaschinen werden nahezu zwei Drittel der Materialströme in Deutschland erzeugt. Obwohl das Problembewusstsein bei der Bevölkerung stark gestiegen ist, mangelt es noch an Möglichkeiten, umweltbewusstes Konsumverhalten zu beeinflussen und zu fördern.

Welchen konkreten Einfluss die direkt erlebte Wohnumgebung auf das Konsumverhalten ihrer Bewohner hat, untersucht das interdisziplinäre Projekt "Die Bedeutung von Wohngruppen für die Bildung nachhaltiger Konsummuster" der TU Berlin. Seit Anfang 1998 bis Ende September 2001 wird das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund 900.000 DM finanzierte Projekt von Wissenschaftlern der verschiedensten Fachrichtungen unter Leitung des Sozialpsychologen Prof. Dr. Hans Joachim Harloff durchgeführt. Beteiligt sind Architekten, Ökonomen und Psychologen sowie niederländische Wissenschaftler.

Als Untersuchungsgebiete wurden zwölf Berliner und zum Vergleich zwei niederländische Wohnquartiere ausgewählt. In Berlin sind diese Wohnquartiere über das ganze Stadtgebiet verteilt und unterscheiden sich deutlich in Größe, Art, Alter und Sozialstruktur der Häuser sowie der Bewohnerschaft.

Im ersten Teilbereich des Projektes gingen die TU-Wissenschaftler zunächst der Frage nach, unter welchen Bedingungen soziale Netze in der Wohnnachbarschaft überhaupt entstehen können. Herauszufinden, wie diese sozialen Netze das Konsumverhalten der Bewohner der ausgewählten Häuser und Siedlungen beeinflussen, war dann ein nächster Schritt. Rund 80 Bewohner und Bewohnerinnen der einzelnen Quartiere wurden dazu von Psychologen der TU Berlin interviewt.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Ursachen für umweltschonendes oder umweltschädigendes Verhalten offensichtlich nicht nur bei einzelnen Personen liegen. Vielmehr hängen die gebaute Umwelt und die alltäglich erfahrene Wohnumgebung mit dem Entstehen nachhaltiger Konsummuster eng zusammen.

Die Auswertung des Datenberges von mehreren tausend Seiten ergab ein deutliches Bild davon, dass sich in sozial schwachen Gebieten, wie es beispielsweise das Quartier Pulvermühle an der Oberhavel ist, kaum soziale Netze aufbauen. Viele Bewohner fühlen sich hier von den anderen gestört oder grenzen sich ab.

Auf diese Art könne kaum ein nachbarschaftlicher Kontakt zwischen den Anwohnern entstehen. Das Wohlbefinden im Wohnumfeld sei gering und dies führe wiederum dazu, dass mit den gemeinsam nutzbaren Flächen nicht sorgsam umgegangen wird. Anders sieht es dagegen in der ebenfalls neuen Siedlung in der Rummelsburger Bucht aus. Das soziale Niveau, Bildung und Einkommen liegen hier deutlich höher. Nicht zu unterschätzen ist auch der Faktor Zeit. Denn ein Minimum an Zeit gehört dazu, um mit der Nachbarschaft in Kontakt zu treten. Arbeitslosigkeit bzw. viel verfügbare Zeit fördere dagegen wegen anderer Begleiterscheinungen - dazu kann auch der Alkoholismus gehören - nicht die erstrebenswerten Kontakte in der Nachbarschaft.

In einem funktionierenden sozialen Netz wird durch Nachbarschaftshilfe der Alltag oft leichter, da Dienste wie Babysitten, Schlüsseldienste oder Blumengießen während der Abwesenheit gegenseitig übernommen werden. In einem intakten Wohnumfeld ist die Vereinsamung der Bewohner auch deutlich geringer, so die TU-Wissenschaftler.

Wichtige Voraussetzung für den Aufbau und das Funktionieren eines sozialen Netzes sei die ähnliche Interessenlage der Bewohner. So wird sich eine Familie mit Kindern vom spielenden Nachwuchs fremder Eltern weniger gestört fühlen als Personen ohne Kinder oder mit schon erwachsenen Töchtern und Söhnen. Die TU-Wissenschaftler betonen auch, dass der Architektur eine zentrale Aufgabe bei der Entstehung der sozialen Netze zukomme. Die Ergebnisse dieses Projektes werden in Kooperation mit Wohnungsbaugesellschaften, Stadtplanern und Vertretern der kommunalen Verwaltungen diskutiert, um Interventionsmethoden entwickeln und erproben zu können. Abschließend werden Handlungsempfehlungen für Architekten, Wohnungsbauunternehmen, Konsumentenvereinigungen, Verbände und Kommunen abgegeben. Aus dem Projekt sind bzw. werden mehrere Diplomarbeiten sowie Dissertationen und eine Habilitation hervorgehen.

Datenbank
Ansprechpartner: Prof. Dr. Hans Joachim Harloff (Psychologie), Prof. ir. Kees Christiaanse (Architektur), Dr. Gabriele Wendorf (Wirtschaftswissenschaften), Prof. Dipl.-Ing. Klaus Zillich (Architektur).
Kontakt: Koordinator: Dr. Hans-Liudger Dienel, Zentrum Technik und Gesellschaft TU Berlin (ZTG), Hardenbergstr. 4-5, 10623 Berlin, Tel. 030/314-21406, E-Mail: dienel@ztg.tu-berlin, Internetseite: http://www.wohnach.tu-berlin.de
Forschungsgebiet: Psychologie, Architektur, Ökonomie
Forschungsprojekt: "Die Bedeutung von Wohngruppen für die Bildung nachhaltiger
Konsummuster"
Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung

Ramona Ehret |

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Auftakt für das Forschungsprojekt Scan4BIM&Energy
23.07.2020 | Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden

nachricht Künstliche Intelligenz im Bauwesen
22.07.2020 | Fachhochschule Bielefeld

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Projektabschluss ScanCut: Filigranere Steckverbinder dank Laserschneiden

Eine entscheidende Ergänzung zum Stanzen von Kontakten erarbeiteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT. Die Aachener haben im Rahmen des EFRE-Forschungsprojekts ScanCut zusammen mit Industriepartnern aus Nordrhein-Westfalen ein hybrides Fertigungsverfahren zum Laserschneiden von dünnwandigen Metallbändern entwickelt, wodurch auch winzige Details von Kontaktteilen umweltfreundlich, hochpräzise und effizient gefertigt werden können.

Sie sind unscheinbar und winzig, trotzdem steht und fällt der Einsatz eines modernen Fahrzeugs mit ihnen: Die Rede ist von mehreren Tausend Steckverbindern im...

Im Focus: ScanCut project completed: laser cutting enables more intricate plug connector designs

Scientists at the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT have come up with a striking new addition to contact stamping technologies in the ERDF research project ScanCut. In collaboration with industry partners from North Rhine-Westphalia, the Aachen-based team of researchers developed a hybrid manufacturing process for the laser cutting of thin-walled metal strips. This new process makes it possible to fabricate even the tiniest details of contact parts in an eco-friendly, high-precision and efficient manner.

Plug connectors are tiny and, at first glance, unremarkable – yet modern vehicles would be unable to function without them. Several thousand plug connectors...

Im Focus: Elektrogesponnene Vliese mit gerichteten Fasern für die Sehnen- und Bänderrekostruktion

Sportunfälle und der demografische Wandel sorgen für eine gesteigerte Nachfrage an neuen Möglichkeiten zur Regeneration von Bändern und Sehnen. Eine Kooperation aus italienischen und deutschen Wissenschaftler*innen forschen gemeinsam an neuen Materialien, um dieser Nachfrage gerecht zu werden.

Dem Team ist es gelungen elektrogesponnene Vliese mit hochgerichteten Fasern zu generieren, die eine geeignete Basis für Ersatzmaterialien für Sehnen und...

Im Focus: New Strategy Against Osteoporosis

An international research team has found a new approach that may be able to reduce bone loss in osteoporosis and maintain bone health.

Osteoporosis is the most common age-related bone disease which affects hundreds of millions of individuals worldwide. It is estimated that one in three women...

Im Focus: Neue Strategie gegen Osteoporose

Ein internationales Forschungsteam hat einen neuen Ansatzpunkt gefunden, über den man möglicherweise den Knochenabbau bei Osteoporose verringern und die Knochengesundheit erhalten kann.

Die Osteoporose ist die häufigste altersbedingte Knochenkrankheit. Weltweit sind hunderte Millionen Menschen davon betroffen. Es wird geschätzt, dass eine von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovationstage 2020 – digital

06.08.2020 | Veranstaltungen

Innovationen der Luftfracht: 5. Air Cargo Conference real und digital

04.08.2020 | Veranstaltungen

T-Shirts aus Holz, Möbel aus Popcorn – wie nachwachsende Rohstoffe fossile Ressourcen ersetzen können

30.07.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der Türsteher im Gehirn

06.08.2020 | Biowissenschaften Chemie

Kognitive Energiesysteme: Neues Kompetenzzentrum sucht Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft

06.08.2020 | Energie und Elektrotechnik

Projektabschluss ScanCut: Filigranere Steckverbinder dank Laserschneiden

06.08.2020 | Verfahrenstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics