Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Natura 2000“ könnte noch wesentlich besser zum Naturschutz beitragen

03.09.2014

Europas Schutzgebiete wirken sich insgesamt positiv auf den Erhalt der biologischen Vielfalt aus, sind aber nicht für alle Arten effektiv. Nachbesserungsbedarf bestehe vor allem für Arten, denen es schwerer fällt, sich auszubreiten, schreibt ein internationales Forscherteam unter Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) im Abschlussbericht des EU-Projektes SCALES. So sei es für viele Vogelarten kein Problem, zwischen den Schutzgebieten zu wandern, für viele Amphibienarten können dagegen Straßen kaum zu überwindende Barrieren sein. Die Wissenschaftler empfehlen daher, auch in den Bereichen zwischen den Schutzgebieten Mindeststandards für den Naturschutz einzuhalten.

Faktoren, die die biologische Vielfalt beeinflussen, wirken auf unterschiedlichen Ebenen. Ein großes EU-Projekt hat daher die Skalierung solcher Faktoren untersucht und besonders das europäische Naturschutznetzwerk „Natura 2000“ genauer unter die Lupe genommen. Mit über 26.000 Gebieten an Land und rund 17,5 Prozent der Landfläche der EU ist „Natura 2000" inzwischen das größte Naturschutz-Netzwerk der Welt.


Anteil der Weideflächen an der Gesamtfläche der administrativen Einheiten (NUTS) auf vier verschiedenen Verwaltungsebenen (NUTS 0 bis NUTS 3).

SCALE-Tool / Corine Land Cover (CLC 2000)


Wiesen und Weiden in Dartmoor, England.

André Künzelmann / UFZ

Allerdings mangelt es vor allem an funktionierenden Verbindungen zwischen den einzelnen Schutzgebieten, damit seltene Arten zwischen den einzelnen Schutzgebieten wandern können und so die Populationen langfristig genetisch stabil bleiben können.

„Die Etablierung von „Natura 2000" als ein großskaliges politisch-ökologisches Netzwerk ist zwar ein großer Schritt zum Schutz der Artenvielfalt in Europa, jedoch sind weitere Schritte erforderlich. In den nächsten Jahren sollte ein Schwerpunkt auf der räumlichen Anordnung der Schutzgebiete und der ungeschützten Flächen dazwischen liegen, um diese so zu managen, dass sie die notwendige Ausbreitung der Organismen ermöglichen“, fasst Prof. Klaus Henle vom UFZ die Ergebnisse zusammen.

Aus Sicht der Wissenschaftler könnten von diesen Vorschlägen sowohl der Naturschutz als auch die Wirtschaft profitieren: Für bedrohte Tier- und Pflanzenarten sind natürliche Strukturen wie Hecken oder Feldraine wichtig, um Agrarlandschaften durchwandern zu können. Diese Strukturen helfen aber gleichzeitig auch gegen die Erosion des Bodens oder sind Lebensräume für Insekten, die als Bestäuber dafür sorgen, den Ertrag auf den Landwirtschaftsflächen zu erhöhen.

Die Untersuchungen brachten neue Erkenntnisse, die für die Naturschutzverantwortlichen von großem Nutzen sein können wie beispielsweise: Größere Schutzgebiete brauchen mehr Verbindungskorridore als kleinere. Es ist effektiver, kleinere Schutzgebiete mit einem großen Schutzgebiet zu verbinden als kleinere Schutzgebiete untereinander. Langfristig besonders von Bedeutung werden Verbindungen sein, die es Arten ermöglichen, über größere Entfernungen zu wandern und so der Verschiebung von Lebensräumen durch den Klimawandel folgen zu können.

Im Rahmen des Projektes entstand eine Datenbank mit Informationen darüber, wie sich einzelne Arten ausbreiten. Diese Informationen könnten später helfen, den Schutz einzelner Arten besser zu managen. „Tierarten, die großräumig agieren wie der Weißstorch oder der Wolf sollten mindestens länderübergreifend, am besten sogar international gemanagt werden.

Tierarten, die weniger weit wandern, wie zum Beispiel der Feldhase oder der Laubfrosch, können dagegen auf Ebene der Bundesländer besser geschützt werden“, erklärt Dr. Reinhard Klenke vom UFZ. Aus Sicht der Forscher ist es wichtig, beim Management von Arten auch auf die räumlichen Strukturen einzugehen. So unterscheiden sich die Bedürfnisse der Agrarförderung im ehemaligen Westen und Osten Deutschlands aufgrund der unterschiedlichen Feldgrößen. Gleiches gelte auch für den Naturschutz.

Um außerdem die finanziellen Barrieren zu überwinden, die die unterschiedliche Verteilung von Kompetenzen zwischen den verschiedenen Gebietskörperschaften hervorgebracht hat, haben die Wissenschaftler bestehende Ansätze (Portugal, Frankreich) und neue Vorschläge (Deutschland, Polen) für einen ökologischen kommunalen Finanzausgleich untersucht.

Hintergrund dieser Idee ist, dass viele Kommunen durch Naturschutz zwar Leistungen für übergeordnete Ebenen und andere Kommunen in der Nachbarschaft erbringen – zum Beispiel als Erholungsgebiet für eine Großstadt – dies aber im momentanen Finanzausgleichssystem selten honoriert wird. „Anhand von Portugal konnten wir zeigen, dass die Berücksichtigung von Natura 2000 und anderen Schutzgebieten im kommunalen Finanzausgleich gerade in ländlichen Gemeinden mit hohen Schutzgebietsanteilen beträchtlich zum kommunalen Haushalt beitragen kann:

So gingen im Jahr 2008, ein Jahr nach der Einführung des Ökofinanzausgleichs in Portugal, bis zu 34 Prozent der kommunalen Einnahmen auf Naturschutzgebiete zurück“, berichtet Dr. Irene Ring vom UFZ. Vorschläge, wie diese Idee auch in Deutschland zum Schutz der Natur helfen könnte, sind für den kommunalen Finanzausgleich im Freistaat Sachsen und für den Länderfinanzausgleich bereits durchgerechnet worden.

Das EU-Projekt SCALES (Securing the Conservation of biodiversity across Administrative Levels and spatial, temporal, and Ecological Scales) zählte mit knapp zehn Millionen Euro Gesamtbudget und fünf Jahren Laufzeit zu den größten Forschungsprojekten Europas auf dem Gebiet der biologischen Vielfalt. Regionale Fallstudien wurden dabei in Großbritannien, Finnland, Polen, Frankreich und Griechenland erstellt.

Am SCALES-Projekt waren insgesamt 31 Institutionen aus verschiedenen europäischen Ländern sowie Australien und Taiwan beteiligt. Koordiniert wurde das Projekt vom UFZ in Leipzig. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen, die im Rahmen des Projektes veröffentlicht wurden, erschien nun auch im Pensoft-Verlag ein Buch: „Scaling in Ecology and Biodiversity Conservation“. Tilo Arnhold

Publikationen:
Henle K, Potts S, Kunin W, Matsinos Y, Simila J, Pantis J, Grobelnik V, Penev L, Settele J (2014): Scaling in Ecology and Biodiversity Conservation. Pensoft, Advanced Books: e1169. doi: 10.3897/ab.e1169
http://dx.doi.org/10.3897/ab.e1169
http://ab.pensoft.net/articles.php?id=1169

Schröter-Schlaack, C., Ring, I., Koellner, T., Santos, R., Antunes, P., Clemente, P., Mathevet, R., Borie, M., Grodzińska-Jurczak, M. (2014): Intergovernmental fiscal transfers to support local conservation action in Europe. Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 58. Themenheft 2-3 „The economics of protected areas – a European perspective“, S. 98-114
http://www.wirtschaftsgeographie.com/archiv/download/read/06-2014.pdf

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Klaus Henle/ Dr. Reinhard Klenke/ PD Dr. Irene Ring
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0341-235-1270, -1651, -1741
http://www.ufz.de/index.php?de=1868
http://www.ufz.de/index.php?de=1923
http://www.ufz.de/index.php?de=1661
oder über
Tilo Arnhold, Susanne Hufe (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1635, -1630
http://www.ufz.de/index.php?de=640

Weiterführende Links:
EU-Projekt SCALES (Securing the Conservation of biodiversity across Administrative Levels and spatial, temporal, and Ecological Scales):
http://www.scales-project.net/
interaktives SCALETOOL:
http://scales.ckff.si/scaletool/

Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg mehr als 1.100 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert. http://www.ufz.de/

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 35.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3,8 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894). http://www.helmholtz.de/

Weitere Informationen:

http://www.ufz.de/index.php?de=33165

Tilo Arnhold | UFZ News

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Online-Karten: Schweinswale und Seevögel in Nord- und Ostsee
15.12.2017 | Bundesamt für Naturschutz

nachricht Wie Brände die Tundra langfristig verändern
12.12.2017 | Gesellschaft für Ökologie e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik