Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Molekulare Uhren entschlüsseln den Ursprung der einzigartigen Tierwelt Madagaskars

20.03.2012
Lemuren und Tenreks, Minichamäleons und Riesenschlangen, Giftfrösche und Buntbarsche: Die Tierwelt Madagaskars ist einzigartig, sehr vielfältig und hoch bedroht.

Die viertgrößte Insel der Welt gleicht einem faszinierenden Freiluftmuseum: Nirgendwo sonst auf der Erde findet man so viele Endemiten, das heißt Arten, die nur hier und nirgendwo sonst vorkommen. Den Grund dafür können Wissenschaftler jetzt besser verstehen.


Ein Baumfrosch aus Nordmadagaskar (Boophis sambirano). Diese Art gehört zu einer großen Gruppe von Fröschen, deren Vorfahren vor 60 - 70 Millionen Jahren aus Asien nach Madagaskar kamen. Foto: Miguel Vences, TU Braunschweig


Die sicherlich bekanntesten Tiere Madagaskars sind die Lemuren, deren Vorfahren vor etwa 70 Millionen Jahren nach Madagaskar kamen und seitdem in völliger Isolation auf der Insel lebten. Das Bild zeigt einen Sifaka, Propithecus cocquereli. Foto: Miguel Vences, TU Braunschweig

Wie aber sind diese exotischen Tiere überhaupt nach Madagaskar gekommen? Dies war lange eine völlig ungeklärte Frage, denn Madagaskar ist bereits seit der Kreidezeit, also seit etwa 90 Millionen Jahren, von allen anderen Kontinenten getrennt. Und Fossilien aus der Kreidezeit zeichnen das Bild einer Urwelt, die nichts mit den heutigen Madagassischen Tieren zu tun hatte: Dinosaurier und Beuteltiere, Lungenfische und Knochenhechte, pflanzenfressende Krokodile und Riesenkröten besiedelten damals die Insel.

Viele Arten wanderten vor 60 bis 70 Millionen Jahren ein

Forscher der Technischen Universität Braunschweig beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Ursprung der Fauna Madagaskars. Noch vor kurzem galt dieser als eines der größten Rätsel der Biogeographie. Dieses Rätsel kann nun als gelöst gelten. In gleich zwei parallel erscheinenden Studien im angesehenen Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) berichten Forscherteams unter Beteiligung der TU Braunschweig über genetische und statistische Ergebnisse zur Besiedlungsgeschichte Madagaskars.

Insbesondere die molekulargenetischen Daten aus Braunschweig gaben dabei den Ausschlag: Mittels so genannter molekularer Uhren konnte der Ursprung der madagassischen Wirbeltiere durchgehend auf relativ junge Zeiträume datiert werden. "Die Vorfahren der meisten dieser Tiere erreichten Madagaskar vor etwa 60-70 Millionen Jahren, und müssen nach unseren Erkenntnissen über den Ozean verdriftet worden sein.", so Prof. Dr. Miguel Vences, in dessen Arbeitsgruppe die Studien durchgeführt wurden. "Zum größten Teil stammten diese Tiere aus Afrika, und wie frühe Versionen von Robinson Crusoe wurden sie von grossen Wirbelstürmen auf schwimmenden Baumstämmen an die Küsten der Insel gespült“.

Vor 2000 Jahren: Mit dem Menschen kam die gefährlichste Spezies

Die Verdriftungs-Theorie wird auch durch andere Daten gestützt: Denn Besiedlungen durch Vorfahren aus Asien erfolgten hauptsächlich zu jener Zeit, als zwischen Madagaskar und Asien noch eine relativ geringe Meerenge bestand. Und Besiedlungen aus Afrika wurden sehr selten, nachdem die vorherrschenden Winde begannen, in die „falsche“ Richtung zu wehen und somit Tiere eher von Madagaskar nach Afrika als von Afrika nach Madagaskar zu treiben. "Seit 15 Millionen Jahren kamen kaum noch neue Tiergruppen über das Meer nach Madagaskar, so dass die Tierwelt Madagaskars in fast völliger Isolation ihre heutigen Spezialisierungen entwickeln konnte", so Vences. Entscheidend für die Artenvielfalt war dabei der tropische Regenwald: Nur solche Tiergruppen, die sich an diesen Lebensraum anpassen konnten, fächerten sich in eine große Artenfülle auf.

Ein Wermutstropfen bleibt: Der Mensch dagegen kam erst vor etwa 2000 Jahren nach Madagaskar. In dieser kurzen Zeit schaffte er es, Riesenschildkröten, Riesenlemuren und Riesenvögel auszurotten, und viele andere Tiere in Madagaskar sind durch menschliche Aktivitäten kritisch gefährdet. Dr. Angelica Crottini, eine der Mitarbeiterinnen des Braunschweiger Teams, betont: "Nur durch eine Intensivierung der Naturschutzbemühungen kann diese einzigartige Fauna gerettet werden".

Crottini, A., O. Madsen, C. Poux, A. Strauß, D.R. Vieites, M. Vences (2012): Vertebrate time-tree elucidates the biogeographic pattern of a major biotic change around the K–T boundary in Madagascar. – Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, in press.

doi/10.1073/pnas.1112487109

Samonds, K.A., L.R. Godfrey, J.R. Ali, S.M. Goodman, M. Vences, M.R. Sutherland, M.T. Irwin, D.W. Krause (2012) Spatial and temporal arrival patterns of Madagascar’s vertebrate fauna explained by distance, ocean currents, and ancestor type. – Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, in press.

doi/10.1073/pnas.1113993109

Kontakt: Prof. Dr. Miguel Vences
Zoologisches Institut der Technischen Universität Braunschweig
Mendelssohnstr. 4, 38106 Braunschweig
Tel.: +49 (0)531 391 3237
E-Mail: m.vences@tu-braunschweig.de
www.mvences.de/
Abbildungen: Dieser Pressemitteilung liegen eine Serie von 12 Fotos von Vertretern der einzigartigen madagassischen Tierwelt mit entsprechenden Bildlegnden zum freien Abdruck bei. Hochaufgelöste Versionen dieser Abbildungen können unter unter folgendem Link heruntergeladen werden:

http://www.mvences.de/Vences_press_release_2012_photos.zip

Dr. Elisabeth Hoffmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-braunschweig.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Speicherdauer von Qubits für Quantencomputer weiter verbessert

09.12.2016 | Physik Astronomie