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Lokale Umweltpolitik ökonomisch neu denken und ausrichten

09.09.2010
Neuer TEEB-Report zeigt die Bedeutung ökonomischer Ansätze für die lokale und regionale Umweltpolitik. Wichtige Ansätze hierfür sind u.a. ein ökologischer Finanzausgleich, die Reform der Agrardirektzahlungen und eine Stärkung kooperativer Ansätze.

Curitiba/Neu-Delhi/Kapstadt/Gent/Leipzig. Die Initiative zur Ökonomie der Ökosysteme und der Biodiversität legt parallel auf vier Konferenzen weltweit ihren neuen Bericht vor. Der Bericht betont die hohe Bedeutung lokaler und regionaler Management-Entscheidungen, um den Umgang mit den natürlichen Ressourcen nachhaltiger zu gestalten.

Das gilt vor allem für Entwicklungsländer. Aber auch in Europa muss man sich über die Stärkung neuer Ansätze Gedanken machen, so die Umweltökonomen im neuen TEEB-Report.

Ein möglicher Ansatz ist es, Naturschutz und Ökosystemdienstleistungen als Leistungen des ländlichen Raumes stärker zu betonen und etwa in den kommunalen Finanzausgleich aufzunehmen.

Eine zentrale Aufgabe ist ferner die Reform der Agrardirektzahlungen durch die EU und die Bundesländer. Zahlungen sollten stärker an die Leistungen, die die Landwirtschaft für die Allgemeinheit erbringt, gebunden werden. Nicht zuletzt ist die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft ein zentraler Eckpfeiler – so sollte die Politik die konsequente Umsetzung der Aarhus-Konvention zur Umweltinformation als Chance für eine bessere Umweltpolitik begreifen. Das alles dient nicht nur der Umwelt, sondern ist auch ökonomisch sinnvoll, wie die Studie an zahlreichen Fallbeispielen zeigt.

Mehr als 140 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik aus 40 Ländern haben am über 200 Seiten dicken TEEB-Bericht für lokale und regionale Entscheider mitgearbeitet. „Die Ökonomie der Ökosysteme und der Biodiversität“ (The Economics of Ecosystems and Biodiversity - TEEB) wurde 2007 ins Leben gerufen. TEEB ist eine unabhängige Studie, die vom Ökonomen Pavan Sukhdev geleitet und vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) organisiert wird. Die wissenschaftliche Koordination erfolgt durch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Finanziert wird die Studie von der Europäischen Kommission, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen und Schweden.

Der jüngste Bericht für regionale und lokale Entscheidungsträger wurde parallel auf Veranstaltungen in Curitiba (Brasilien), Neu Delhi (Indien), Kapstadt (Südafrika) und Gent (Belgien) vorgestellt. Er ist einer von vier miteinander verbundenen Berichten. Dazu gehören neben dem jetzt veröffentlichten „TEEB-Bericht für lokale und regionale Entscheidungsträger“ ein Bericht zu den ökologischen und ökonomischen Grundlagen und die Berichte für die nationale und internationale Politik sowie für die Wirtschaft, die beide bereits erschienen sind. Der Endbericht wird im Oktober auf der 10. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt im japanischen Nagoya vorgestellt.

Die Bedeutung von lokalen Entscheidungen für die Biodiversität weltweit.
Mit ihrem Report „TEEB for Local and Regional Policy“ wenden sich die Experten nun an Entscheidungsträger in Landesbehörden und Kommunen sowie an Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen und Verbänden. Damit berücksichtigen sie, dass weitreichende Schutzmaßnahmen für die Biologische Vielfalt und damit für unsere Lebensgrundlagen zwar auf hoher politischer Ebene beschlossen werden können, die Umsetzung aber regional und lokal erfolgen muss. Der nun veröffentlichte, letzte spezielle TEEB-Bericht zeigt, dass gerade auf lokaler Ebene die wichtigsten Entscheidungen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung getroffen werden. Dabei spielen die ökonomischen Aspekte eine zentrale Rolle. Dies gilt sowohl in Industrieländern, z.B. wenn es um Entscheidungen bei neuen Infrastukturmaßnahmen oder der Landnutzung geht, aber auch in Entwicklungsländern, wo das tägliche Leben oft von den Gütern und Dienstleistungen der Natur direkt abhängt. „Wenn wir uns auf die verschiedenen Leistungen der Natur konzentrieren, dann können wir erkennen, wie wir direkt und indirekt von einer natürlichen Umwelt abhängig sind. Diese Einsicht sollte auch bei Lokalpolitikern und Behörden reifen“, hofft Pavan Sukhdev, Leiter der TEEB-Studie. „Wir bitten daher die öffentliche Hand dringend, diesen Bericht zu lesen, um die Leistungen der Natur und die ökonomische Dimension dieses natürlichen Kapitals zu verstehen.“

Dabei ist den Autoren wichtig, zu betonen, dass die Verantwortung nicht allein bei der öffentlichen Hand liegt: „Die Kompetenz von Partnern in der Zivilgesellschaft wie Verbänden des Naturschutzes und aus der Landwirtschaft kann Behörden entlasten und sinnvoll ergänzen. Dafür muss aber eine entsprechende Umweltinformation seitens der Behörden und eine Einbindung von Verbänden und anderen Akteuren durch partizipative Ansätze sichergestellt sein. Auch das Verbandsklagerecht sollte als Chance verstanden werden“, erklärt Dr. Heidi Wittmer vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), die den neuen TEEB-Bericht zusammen mit ihrer Kollegin Prof. Haripriya Gundimeda vom Indian Institute of Technology Bombay (IITB) koordiniert hat. „Um die ökonomische Bedeutung der Natur als unsere Lebensgrundlage sichtbar zu machen, bedarf es der Aktivierung von Bürgern und Verbänden im Sinne der Aarhus-Konvention.“

Das Potenzial der Ökosysteme für eine nachhaltige Regionalentwicklung deutlich machen:

Das Potenzial, das die Ökosysteme bieten, wird oft noch nicht ausreichend verstanden, denn Entwicklungsstrategien basieren meist auf ökonomischem Wachstum (ohne die Rolle der Natur dafür zu berücksichtigen), die Dienstleistungen der Natur sind nicht immer offensichtlich, unterschiedliche Bevölkerungsgruppen profitieren oder leiden unter dem Raubbau an der Natur und die Effekte zeigen sich oft erst mit großer zeitlicher Verzögerung. Gleichzeitig können intakte Ökosysteme nicht nur Probleme auf lokaler Ebene lösen, sondern auch helfen, die Auswirkungen des Klimawandels zu mildern. Zum Beispiel können Moore auf vergleichsweise geringer Fläche den meisten Kohlenstoff speichern. Sie bedecken nur drei Prozent der Landfläche der Erde, speichern aber knapp ein Viertel des im Boden gebundenen Kohlenstoffs. Die momentane Landnutzung weltweit sorgt dafür, dass jedes Jahr 1,5 Gigatonnen weniger gespeichert werden und auch dadurch die Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Atmosphäre ansteigt. Die Weltbank schätzt, dass die Entwicklungsländer von 2010 bis 2050 zwischen 70 und 100 Milliarden US-Dollar aufbringen müssen für Anpassungsmaßnahmen an ein zwei Grad wärmeres Klima. Die Sicherung der Trinkwasserversorgung und der Hochwasserschutz bergen dabei das größte Potenzial, Kosten zu sparen. Zu beidem können funktionierende Ökosysteme einen wichtigen Beitrag leisten. Das hat die TEEB-Studie anhand von Beispielen aus aller Welt gezeigt.

Lokale, nationale und europäische Ebene in Ihrer Verantwortung stärker verbinden – das Beispiel Agrarpolitik:

Der neue TEEB-Bericht erläutert für die lokale Ebene die Möglichkeiten, die eine bessere Sichtbarkeit des ökonomischen Wertes von Ökosystemen bieten. Er stellt hierfür mögliche Werkzeuge vor und diskutiert verschiedene Anwendungsgebiete, sei es beim Management von Städten, ländlichen Regionen oder Schutzgebieten, aber auch bei Instrumenten der Raumplanung. Ebenso werden neue Instrumente wie etwa Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen vorgestellt, wie sie aktuell für den Erhalt der tropischen Wälder im Gespräch sind und in vielen Fällen vor Ort schon angewandt werden. Wichtig ist daher die nutzerfreundliche Komponente: Der Report wird ab September im Internet mit einem Angebot von über 100 Fallstudien aus der ganzen Welt unterstützt. Für solche lokalen Aktivitäten ist aber der nationale und länderbezogene Rahmen von entscheidender Bedeutung, denn dort werden die institutionellen Rahmenbedingungen für lokale Entscheidungen festgelegt. Die Agrarpolitik ist hier ein zentrales Beispiel: Entscheidungen fallen zwar auf der Ebene des einzelnen landwirtschaftlichen Betriebes - die ökonomischen Anreize dafür werden aber durch die politischen Entscheidungen zur Förderung getroffen - auf Länder- und auf EU-Ebene. Hier bietet die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik im Jahr 2013 eine herausragende Chance, den Landwirten bessere Anreize zum Erhalt der natürlichen Ressourcen zu bieten - wie dies auch bereits vom Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) nachdrücklich gefordert wird. Eine aktuelle Studie der Michael-Otto-Stiftung zeigt ferner auf, dass die erforderlichen Mittel von 1,5 Mrd. Euro durch eine Umgestaltung der Agrarsubventionen verfügbar gemacht werden können. Damit würde einer zentralen Forderung der TEEB-Studie Rechnung getragen: Den Verlust von Ökosystemleistungen für die Gesellschaft stärker bei der Ausrichtung von Subventionen zu berücksichtigen. „Die Reform der Agrarpolitik ist ein zentraler Gradmesser der Umweltpolitik für die nächsten Jahre. Gelingt hier keine deutliche Weiterentwicklung hin zu einer nachhaltigen Landbewirtschaftung bei gleichzeitiger ökonomischer Sicherung der landwirtschaftlichen Betriebe, dann erscheint auch ein weiteres Umsteuern in zentralen Umweltthemen wie dem Klima- und Hochwasserschutz zunehmend unwahrscheinlich,“ so Carsten Neßhöver vom UFZ, Mitkoordinator der TEEB-Studie.

Bewährte Instrumente der Politik ökologisch neu ausrichten, um ökonomisch zu profitieren – Weiterentwicklung des Finanzausgleichs: Der Report für die lokale Politik und Behörden zeigt, wie abhängig die Städte von der Natur sind und wie Ökosystemdienstleistungen preiswerte Lösungen für kommunale öffentliche Dienstleistungen bieten können. Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass im Jahr 2050 bis zu 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden – mit großen Auswirkungen auf die Umwelt. "Länderregierungen, Städte und Kommunen können alle einen großen Beitrag auf dem Weg zu einer Ressourcen schonenden 'Green Economy' leisten. Denn der Umgang mit Ressourcen in Städten ist momentan für 70 Prozent des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit verantwortlich", unterstreicht Achim Steiner, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms UNEP. "Einige Kommunen haben sich dieser Herausforderung bereits gestellt - wie die Fallstudien im Bericht mit positiven Beispielen zeigen. Weitere sollten diesem Vorbild folgen." Eine Möglichkeit hierfür bietet der ökologische Finanzausgleich. Länder wie Portugal und Brasilien praktizieren bereits solche Ansätze, bei denen die ökologischen Leistungen des ländlichen Raumes - etwa durch Wasserbereitstellung, Naturschutz und Erholungsraum - im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs zwischen Städten und Gemeinden berücksichtigt werden. Dies würde auch den Druck auf ländliche Gemeinden mindern, denn durch immer neue Gewerbeflächen in sensitiven Ökosystemen gefährden diese momentan oft dauerhaft ihr Naturkapital.

Der Report erscheint im Vorfeld der 10. Konferenz der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt (CBD COP10), die vom 18. bis 29. Oktober im japanischen Nagoya stattfinden wird. Dort entscheiden die Vertragsstaaten der Konvention über die Strategie für die nächsten Jahrzehnte. Bereits im Vorfeld wird deutlich, dass ökonomischen Ansätzen zur Unterstützung der bestehenden Naturschutzmaßnahmen eine zentrale Rolle zukommt. Die TEEB-Berichte bieten hierfür eine wichtige Grundlage.

Tilo Arnhold

Publikation:
TEEB - The Economics of Ecosystems and Biodiversity for Local and Regional Policy Makers (2010).

http://www.teebweb.org

Weitere fachliche Informationen:
Ansprechpartner für TEEB am UFZ:
Dr. Heidi Wittmer,
Koordinatorin „TEEB for Local and Regional Policy“, Department Umweltpolitik,
Tel. 0341-235-1629
http://www.ufz.de/index.php?de=1672
Augustin Berghöfer,
Department Ökonomie, Tel. 0341-235-1636
http://www.ufz.de/index.php?de=13686
Dr. Carsten Neßhöver,
Department Naturschutzforschung, Tel. 0341-235-1649
http://www.ufz.de/index.php?de=4973
Dr. Irene Ring,
Department Ökonomie, Tel. 0341-235-1741
http://www.ufz.de/index.php?de=1661
oder über
Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: +49-341-235-1635
E-mail: presse@ufz.de
Ansprechpartner für TEEB bei der UNEP (auf Englisch):
Georgina Langdale (TEEB Media and Communications, UNEP, Bonn)
Telefon: + 49-228-815-0572
Mobil: +49-170-7617138
or
Nick Nuttall (Spokesperson/Head of Media UNEP)
Tel: +254 733 632755
Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 900 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit fast 28.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 16 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,8 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

Tilo Arnhold | idw
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/index.php?de=19933
http://www.teebweb.org/
http://www.ufz.de/teeb

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