Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Klimafolgen in der Schweiz: Anpassung und Klimaschutz müssen Hand in Hand gehen

14.03.2014

Die Südschweiz zeichnet sich als Hotspot von Auswirkungen des Klimawandels ab. Und: Der Borkenkäfer setzt Fichten in der ganzen Schweiz zunehmend unter Druck, denn wegen der steigenden Temperaturen könnte eine zusätzliche Schädlingsgeneration pro Jahr schlüpfen. Dies sind zwei von vielen Aussagen aus dem soeben veröffentlichen Bericht «CH2014-Impacts», der sich mit den quantitativen Folgen des Klimawandels für die Schweiz befasst. Entstanden ist er unter der Leitung des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern.

Mehr als 20 Forschungsgruppen aus der ganzen Schweiz haben in den vergangenen zwei Jahren am Klimafolgen-Bericht mitgearbeitet. Initiiert und koordiniert wurde das bisher einmalige Projekt vom Oeschger-Zentrum der Universität Bern, finanziell unterstützt haben es das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und MeteoSchweiz.


Kühen droht künftig Hitzestress. Bei den Folgen des Klimawandels gibt es aber grosse regionale Unterschiede, von den negativen Folgen des Temperaturanstiegs ist insbesondere das Tessin betroffen.

Bild: G. Brändle, Agroscope


Der Buchdrucker, eine Borkenkäferart, setzt Fichten in der ganzen Schweiz zunehmend unter Druck. Der steigenden Temperaturen wegen könnte eine zusätzliche Schädlingsgeneration pro Jahr schlüpfen.

Bild: Beat Wermelinger

In ihren Untersuchungen zu sieben Themenbereichen – von Gletscher und Wasserhaushalt über Wald, Biodiversität und Landwirtschaft bis zu Gesundheit und Energie – gingen die Forschenden von den so genannten «CH2011-Szenarien» zur künftigen Entwicklung von Temperatur und Niederschlag in der Schweiz aus. Aus diesen Klimaszenarien leiteten sie konkrete Klimafolgen ab.

Dabei konnten die zahlreichen Forschungsgruppen durch die einheitliche Basis ihre Modelle mit den gleichen Daten füttern und so die Resultate vergleichbar machen. «Dieser Ansatz liefert wertvolle Grundlagen für die Entwicklung von Anpassungsstrategien», sagt Christoph Raible vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern, der das Projekt koordinierte.

Die Ergebnisse des «CH2014-Impacts»-Projekts bestätigen bestehendes Wissen über die Klimafolgen und liefern neue Erkenntnisse. So werden zum Beispiel bisherige Beurteilungen zu den Veränderungen der Schweizer Gletscher klar bekräftigt: Falls keine einschneidenden klimapolitischen Massnahmen ergriffen werden, verschwinden bis Ende dieses Jahrhunderts rund 90 Prozent der Schweizer Gletscher. Schon 2035 wird fast die Hälfte des heute verbleibenden Gletschereises abgeschmolzen sein.

Gewinner und Verlierer im Wald

Für den Wald zeigt «CH2014 Impacts» differenzierte Entwicklungen: In tiefen Lagen von schon heute sehr trockenen inneralpinen Tälern – wie etwa das Saastal im Wallis – reagiert der Wald sehr sensibel. Bereits eine kleine zusätzliche Erwärmung zeigt Folgen. Der Baumbestand wird durch schwächeres Wachstum bedroht und gerät unter erhöhten Borkenkäferdruck. Darunter leidet die Schutzwirkung gegen Lawinen und Steinschlag.

Anders sieht es an der alpinen Baumgrenze aus, wo das Baumwachstum zunimmt. Das hat positive Folgen sowohl für die Schutzwirkung wie für die Holzproduktion und die Kohlenstoffspeicherung. Starke Veränderungen zeigen die Wälder in vielen Fällen erst gegen Ende dieses Jahrhunderts. Doch die Waldpflege müsse sich gemäss den Forschenden bereits heute auf die zu erwartenden längerfristigen Entwicklungen einstellen.

Grosse regionale Unterschiede

Der «CH2014-Impacts»-Bericht zeigt deutlich die grossen regionalen Unterschiede in den Auswirkungen des Klimawandels auf. So wird insbesondere das Tessin mit negativen Folgen des Temperaturanstiegs konfrontiert. Die Hitzephasen mit so genannten Tropennächten könnten sich auf eine Länge von bis zu zwei Monaten ausdehnen.

Darunter hätten nicht nur die Menschen zu leiden. Den Kühen zum Beispiel droht Hitzestress, und dem Wald macht die Trockenheit zu schaffen. Die sensible Südschweiz, so ein weiteres Resultat aus dem Bericht, muss mit markanten Auswirkungen des Klimawandels rechnen – «Sogar wenn global wirksame Klimaschutzmassnahmen ergriffen werden», sagt Raible.
Im Mittelland hingegen sind auch positive Folgen zu erwarten, sofern es durch wirksame Klimapolitik gelingt, die Auswirkungen auf ein verkraftbares Mass zu beschränken. Zum Beispiel im Weinbau, wo wärmere Bedingungen den Anbau von zusätzlichen Traubensorten erlauben. Ohne Klimaschutzmassnahmen werden voraussichtlich problematische Folgen dominieren.

So muss etwa mit stärkeren Schwankungen bei den Abflussmengen von Flüssen gerechnet werden, und die Temperatur des Grundwassers dürfte ansteigen – mit möglicherweise negativen Konsequenzen für die Trinkwasserqualität. Zu starken Umwälzungen kommt es bei der Artenzusammensetzung von Vogel- und Pflanzenvorkommen. Zunehmend ungeeignete Klimabedingungen gefährden bis Ende Jahrhundert beispielsweise das Überleben von Fichte und Buche, der heute im Mittelland am meisten verbreiteten Baumarten.

Verminderung der Treibhausgasemissionen vordringlich

Ob mit oder ohne Klimaschutz, so ein Fazit von «CH2014 Impacts», kommt die Schweiz nicht um Anpassungen herum. Dazu zählt auch verbessertes Management zum Beispiel in der Landwirtschaft – unter anderem bei Sortenwahl und Schädlingsbekämpfung – oder in der Wasserversorgung. Durch die sich verändernden Abflussmengen in den Flüssen muss künftig haushälterischer mit Wasser umgegangen werden. Aber auch die Forstwirtschaft stellt der Klimawandel vor neue Herausforderungen. Die sich wandelnden Bedingungen machen eine Anpassung der Waldpflege und die Förderung der Biodiversität nötig.

Anpassungsmassnahmen und verbessertes Management reichen aber nicht aus, um dem Klimawandel zu begegnen. Nach wie vor bleibt eine Verminderung der Treibhausgasemissionen vordringlich. Mit anderen Worten: Anpassung und Klimaschutz müssen Hand in Hand gehen. «Wenn es gelingt, den Klimawandel zu begrenzen, lässt sich die Anpassung an seine Folgen erfolgreicher und kostengünstiger bewerkstelligen», fasst Raible zusammen.

Der Bericht «CH2014-Impacts« kann kostenlos auf www.ch2014-impacts.ch heruntergeladen werden. Neben dem vollständigen Bericht («CH2014-Impacts - Toward Quantitative Scenarios of Climate Change Impacts in Switzerland») existieren Zusammenfassungen auf Deutsch, Französisch und Italienisch.

Weitere Informationen:

http://www.kommunikation.unibe.ch/content/medien/medienmitteilungen/news/2014/ch...

Nathalie Matter | Universität Bern

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flüssiger Wasserstoff im freien Fall

05.12.2016 | Maschinenbau

Forscher sehen Biomolekülen bei der Arbeit zu

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungsnachrichten