Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kein europäisches Meer ohne Müll?

02.05.2014

Neue Studie zeigt, dass alle untersuchten Meeresregionen Europas verschmutzt sind

Ein internationales Forscherteam hat erstmals großflächig die europäischen Meere auf Müll untersucht und ist dabei in jeder Region fündig geworden: von küstennahen Gebieten bis hinab in die Tiefsee. Die Ergebnisse dieses Zensus erscheinen am 1. Mai im Online-Fachblatt PLOS ONE. Wie sich dieser Müll auf die Meeresbewohner und schließlich auch auf uns Menschen auswirken wird, ist jedoch bislang weitestgehend unbekannt.


Plastiktüte - Framstraße, 2500 Meter Tiefe

Foto: Melanie Bergmann, Alfred-Wegener-Institut

„Wir waren sehr überrascht zu sehen, wie weit sich unser Müll in den Meeren schon verbreitet hat. Selbst in entlegenen Gebieten wie der Arktis oder des mittelatlantischen Rückens, haben wir Müll gefunden. Dass inzwischen bei fast jedem Kamera- oder Schleppnetz-Einsatz in der Tiefsee Müll zu sehen ist, stimmt schon traurig. Der Müll hat scheinbar schon lange vor uns diesen unbekannten Teil der Erde erreicht“, sagt Dr. Melanie Bergmann.

Die Meeresbiologin vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, hat an der aktuellen Studie mitgearbeitet. Angeführt von Erstautor Christopher Pham von der Universität der Azoren hat sie mit Wissenschaftlern aus 15 verschiedenen europäischen Forschungseinrichtungen Daten darüber zusammengetragen, wie viel Müll sich in den europäischen Meeren befindet. Dazu hat das Konsortium mit Hilfe von Grundschleppnetzen, Videoaufzeichnungen und Fotos das Müllvorkommen in 32 verschiedenen Meeresgebieten im Nordost-Atlantik, im Arktischen Ozean und im Mittelmeer erforscht.

Insgesamt haben die Wissenschaftler für die Studie 588 Videoaufnahmen und Schleppnetzproben auf Müll hin untersucht. Einige stammten aus flachen Gewässern in Küstennähe, andere aus einer Tiefe von über 4500 Metern. Es ist das erste Mal, dass Forscher in einer Studie zum Thema Müll im Meer eine solch große Bandbreite verschiedener Lebensräume abgedeckt haben.

Müll fanden die Wissenschaftler dabei überall: in Küstennähe, am Kontinentalsockel, an Unterwassergebirgen bis hinab in die Tiefsee. Die größten Mengen entdeckten die Forscher in der Nähe dicht besiedelter Ballungsräume – und in Tiefseegräben. Diese Schluchten verbinden zum Teil die flachen Küstengewässer mit der Tiefsee. Durch sie treibt der Müll von den Küsten in entlegene tiefere Wasserschichten.

Zu den Fundstücken gehören herrenlose Fischereigeräte und -netze, Glasflaschen, Metall. „Die häufigste Müllsorte, die wir gefunden haben, war jedoch Plastik“, sagt Erstautor Christopher Pham. In knapp der Hälfte aller Videoaufnahmen und in fast allen Schleppnetzproben entdeckten die Wissenschaftler Kunststoff. Wo sich größere Plastikstücke ansammeln, vermuten die Forscher auch vermehrt Mikroplastikpartikel. Denn mit den Jahren zerfällt der Kunststoff in immer kleinere Teile – mit bislang unabsehbaren Folgen für die Umwelt. „Mit diesen millimeterkleinen Teilchen fangen die ökologischen Probleme wahrscheinlich erst richtig an. Denn das Mikroplastik bietet nicht nur eine willkommene Oberfläche für verschiedene fettliebende Giftstoffe, es kann sich auch innerhalb der Nahrungskette anreichern“, erklärt Dr. Melanie Bergmann. In einigen Nordsee-Fischen und Langusten sei beispielsweise bereits Mikroplastik nachgewiesen worden. Diese Anzeichen seien vermutlich aber nur die Spitze des Eisberges.

Der Plastikabfall ist schon bis in die Hohen Breiten der Arktis vorgedrungen. Zu dieser Erkenntnis gelangte Dr. Melanie Bergmann, als sie knapp 3000 Fotoaufnahmen auswertete, die ein ferngesteuertes Kamera-System am Tiefseeobservatorium des Alfred-Wegener-Instituts, dem HAUSGARTEN, in der östlichen Framstraße gemacht hatte. Wie in den anderen europäischen Gewässern hat die AWI-Meeresbiologin auf dem Seeweg zwischen Grönland und Spitzbergen hauptsächlich Plastikmüll gefunden, beispielsweise Plastiktüten (siehe Pressemitteilung vom 22. Oktober 2012). Selbst im Molloy Tief, der tiefsten HAUSGARTEN-Station und dem mit 5500 Metern tiefsten Punkt des Arktischen Ozeans hatten Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts schon im Jahr 1999 Plastikmüll gesichtet.

Noch können die Wissenschaftler nicht mit Sicherheit sagen, wie sich der Müll über die Meere verteilt. Meeresströmungen, topographische Gegebenheiten aber auch der zunehmende Schiffsverkehr tragen wohl dazu bei, dass der Müll aus unseren Siedlungen und Städten in weit entfernte Meeresregionen gelangt. Dank seiner Langlebigkeit und seines geringen Gewichtes kann besonders Plastik von den Meeresströmungen über weite Strecken transportiert werden. In der Arktis führt wahrscheinlich der Rückgang des Meereises dazu, dass mehr Müll in den Hohen Norden gelangt.

Wie viel Müll versteckt sich also auf dem Grund der Weltmeere und wie wirkt er sich auf das Leben im Ozean aus? Wissenschaftler wissen, dass Meeresbewohner Müll mit Futter verwechseln oder sich in herrenlosen Netzen verfangen, doch bisher können sie nur vermuten, wie sich der Müll im Meer auf das ganze Ökosystem und schließlich auf uns Menschen auswirken wird.

Projekte wie diese aktuelle europäische Studie sind damit unerlässlich, um das Problem ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. „Solche Studien sind sehr relevant für politische Entscheidungsträger. Schließlich hat sich die Europäische Union mit ihrer Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie einiges vorgenommen: Sie muss bewerten, wie es aktuell um die europäischen Meere steht und definieren, was überhaupt ein ‚guter Zustand‘ der Meere ist. Die Belastung der Meere durch Müll wird in dieser Richtlinie ausdrücklich erwähnt“, erklärt Dr. Melanie Bergmann.

Die AWI-Meeresbiologin wird deshalb auch in Zukunft an einem europäischen Forschungsprojekt zum Thema Müll mitarbeiten. Darin will sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern Instrumente zur Müllsichtung am Meeresboden optimieren. Darüber hinaus werden die Tiefseeforscher des Alfred-Wegener-Instituts in diesem Sommer Sedimentproben im HAUSGARTEN nehmen, um herauszufinden, ob Mikroplastikpartikel auch schon in dieses Gebiet vorgedrungen sind.

Die aktuelle Studie entstand unter der Leitung der Universität der Azoren und ist ein Ergebnis des EU-geförderten Forschungsprojektes HERMIONE (Hotspot Ecosystem Research and Man’s Impact on European Seas), einem Projekt, in dem europäische Forschungsinstitutionen untersuchen, wie sich das menschliche Handeln auf die Ökosysteme der Tiefsee auswirkt. Aus Deutschland beteiligte sich neben dem Alfred-Wegener-Institut auch die Jacobs University Bremen.

Hinweise für Redaktionen:
Das Paper erscheint am 1. Mai 2014 mit dem Originaltitel Marine litter distribution and density in European Seas, from the shelves to deep basins im online Fachmagazin PLOS ONE. Unter folgendem Link können Sie das Paper lesen: http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0095839

Ihre Ansprechpartnerin in der AWI-Pressestelle ist Kristina Bär (E-Mail: kbaer(at)awi.de).

Für spezifische Fragen zu der Studie wenden Sie sich bitte an Erstautor Christopher Kim Pham, Department of Oceanography and Fisheries, University of the Azores, HORTA, Portugal. (Tel.: +351 965109543; E-mail: phamchristopher@uac.pt).

Folgen Sie dem Alfred-Wegener-Institut auf Twitter und Facebook. So erhalten Sie alle aktuellen Nachrichten sowie Informationen zu kleinen Alltagsgeschichten aus dem Institutsleben.

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der 18 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Ralf Röchert | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.awi.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht "Brauchen wir das?" Auf dem Weg zu einer umweltgerechten Bedarfsprüfung von Infrastrukturprojekten
09.08.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

nachricht Wenn die Tigermücke zum Problem wird
07.08.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Im Focus: Wissenschaftler beleuchten den „anderen Hochtemperatur-Supraleiter“

Eine von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) geleitete Studie zeigt, dass Supraleitung und Ladungsdichtewellen in Verbindungen der wenig untersuchten Familie der Bismutate koexistieren können.

Diese Beobachtung eröffnet neue Perspektiven für ein vertieftes Verständnis des Phänomens der Hochtemperatur-Supraleitung, ein Thema, welches die Forschung der...

Im Focus: Tests der Quantenmechanik mit massiven Teilchen

Quantenmechanische Teilchen können sich wie Wellen verhalten und mehrere Wege gleichzeitig nehmen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dieses Prinzip basiert auf Borns Regel, einem Grundpfeiler der Quantenmechanik; eine mögliche Abweichung hätte weitreichende Folgen und könnte ein Indikator für neue Phänomene in der Physik sein. WissenschafterInnen der Universität Wien und Tel Aviv haben nun diese Regel explizit mit Materiewellen überprüft, indem sie massive Teilchen an einer Kombination aus Einzel-, Doppel- und Dreifachspalten interferierten. Die Analyse bestätigt den Formalismus der etablierten Quantenmechanik und wurde im Journal "Science Advances" publiziert.

Die Quantenmechanik beschreibt sehr erfolgreich das Verhalten von Partikeln auf den kleinsten Masse- und Längenskalen. Die offensichtliche Unvereinbarkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

Anbausysteme im Wandel: Europäische Ackerbaubetriebe müssen sich anpassen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Einblicke in die Welt der Trypanosomen

16.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Maschinensteuerung an Anwender: Intelligentes System für mobile Endgeräte in der Fertigung

16.08.2017 | Informationstechnologie

Komfortable Software für die Genomanalyse

16.08.2017 | Informationstechnologie