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Heimkehr mit Hindernissen: 20 Jahre Wiederansiedlung der Przewalski-Pferde

18.09.2012
Urwildpferde galten seit einer letzten Sichtung im Jahr 1969 als in freier Wildbahn ausgestorben und haben nur in zoologischen Gärten überlebt.
Seit dem Start eines Wiederansiedlungsprojekts im Jahr 1992 konnte in der Mongolei trotz einiger Rückschläge wieder eine freilebende Population aufgebaut werden. Prof. Chris Walzer und sein Team vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna begleiten dieses Projekt seit vielen Jahren. Der Erfolg des Projekts hat mittlerweile zu einer Rückstufung des IUCN-Gefährdung von „in Freiheit ausgestorben“ auf zunächst „kritisch gefährdet“ und seit 2011 auf nur mehr „gefährdet“ geführt.

Ende der 1960-er Jahre galten Urwildpferde, die sogenannten Przewalski-Pferde (sprich: „Pschewalski“), in freier Wildbahn als ausgestorben. „Als Gründe für ihr Aussterben gelten heute eine Kombination aus Konkurrenz um Weideland mit den Weidetieren der örtlichen Viehbauern und eine zu starke Bejagung“, erklärt Chris Walzer, Wildtierarzt am Institut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna). Walzer und sein Team begleiten mit ihrer Forschungsarbeit seit vielen Jahren ein Projekt, das sich seit dem Jahr 1992 der Wiederansiedlung der Urwildpferde in der mongolischen Wüste Gobi widmet.
Nur 13 Tiere standen am Anfang

Heuer, im Jahr 2012, sind es 20 Jahre, seit die ersten Przewalski-Pferde in der Wüste Gobi ausgewildert wurden. Sie stammten von ursprünglich 13 Tieren ab, die aus der Mongolei nach Europa gekommen waren und in menschlicher Obhut für Nachwuchs gesorgt hatten. Visionären Pferdefans, Naturschützern und Züchtern ist es zu verdanken dass die Nachkommen dieser nach Europa gebrachten Takhis, wie die in der Mongolei als heilig geltenden Tiere genannt werden, heute wieder eine neue Heimat in ihrer alten Heimat gefunden haben. Seit 1999 engagiert sich die in der Schweiz ansässigen International Takhi Group für die Wiederansiedlung der Tiere in der mongolischen Wüste Gobi.

Przewalski-Pferde werden in ihrer neuen Heimat, der Wüste Gobi, freigelassen (2004).

Foto: Vetmeduni Vienna/Petra Kaczensky

Sie betreut im Auftrag des mongolischen Staats den Nationalpark Gobi B und begleitet dessen Camp und seine Ranger (Wildhüter). Diese Wildhüter und Forschende der Vetmeduni Vienna wachen heute über die langsam wieder anwachsenden Urwildpferdherden, wie Walzer ausführt: „Heute kontrollieren die Ranger die Herden ein- bis zweimal die Woche. In der Vergangenheit haben wir 15 Tiere mit Satellitenhalsbändern überwacht, um eine bessere Vorstellung von den Streifgebieten und Wanderbewegungen zu bekommen und auch den Wildhütern das Suchen zu erleichtern.“

Konkurrenz um Lebensraum

In der Wüste Gobi sind die Takhis jedoch nicht in eine menschenleere Wildnis zurückgekehrt, sondern in eine seit Jahrhunderten auch von Menschen genutzten Kulturlandschaft. Und die Zahl der traditionell halbnomadisch lebenden Menschen und der von ihnen gehaltenen Weidetiere hat seit dem Verschwinden der Urwildpferde zugenommen.

„Eine der vielen Herausforderungen ist es beispielsweise, Kreuzungen von Urwildpferden mit Hauspferden der lokalen Bevölkerung zu vermeiden, denn das Urwildpferd ist nicht etwa die wilde Version der Hauspferdes, sondern tatsächlich eine andere Art. Trotzdem können sich die Tiere verpaaren und fruchtbare Nachkommen zeugen. Würde man dies zulassen würde der einmalige Genpool der wenigen Takhis in dem der Hauspferde verloren gehen.“, erklärt Petra Kaczensky vom Institut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna. Zudem ist die Gobi reich an Bodenschätzen, deren Ausbeute in vielen Gebieten großräumige Landschaftsveränderungen nach sich zieht. Im Verbreitungsgebiet der Takhis sind es im Moment vor allem illegale Goldgräber, die mancherorts die Weiden mechanisch zerstören.

Hohe Sterberate zu Beginn

Bis 2009 hatte sich die Population der Urwildpferde in der Gobi auf die beeindruckende Zahl von 138 Tieren erholt. Ein entscheidender Erfolgsfaktor war, die Hauptursache für die zu Beginn hohe Sterberate bei den Tieren zu finden: „Nach Untersuchungen der verendeten Tiere stellte sich heraus, dass viele Tiere an Piroplasmose, einer von Zecken übertragenen Infektionskrankheit starben“, erklärt Wildtierarzt Walzer. „Diese Erkrankung konnten wir mit einer vorbeugenden Behandlung jedoch unter Kontrolle bringen.“
Rückschlag durch extremen Winter

Das Projekt blieb auch vor weiteren Rückschlägen nicht verschont. Der extrem trockene Sommer des Jahres 2009, auf den ein ungewöhnlich langer und kalter Winter folgte, raffte mehr als die Hälfte der bis dahin mühsam aufgebauten Urwildpferd-Population in der Gobi dahin. Der Katastrophenwinter 2009/2010 ist ein Paradebeispiel dafür, wie anfällig kleinen und räumlich begrenzten Wildtierpopulationen in einem Lebensraum mit großen Umweltschwankungen sind. Er unterstrich einmal mehr, wie wichtig es ist, großräumig, langfristig und vernetzt zu denken. Denn gäbe es nicht ein zweites Wiedereinbürgerungsprojekt in der Waldsteppe der Zentralmongolei, wäre es jetzt wieder schlecht um den Status der Urwildpferde in ihrer neuen alten Heimat bestellt. Auch die Przewalski-Pferde im 1000 Kilometer entfernten Hustain Nuuru litten unter dem Katastrophenwinter, aber längst nicht so stark. Ein üppiges Frühjahr nach dem strengen Winter, ein regenreicher Sommer 2010 und ein darauf folgender milder Winter 2010/2011 sorgten dafür, dass die Zahl der Tiere auch in der Gobi wieder anwächst. „Für 2012 erwarten wir überdurchschnittlich viele Fohlen“, freut sich Thomas Pfisterer, Präsident der International Takhi Group.
Wachsende Infrastruktur zerschneidet Lebensraum

Ein naher Verwandter des Przewalski Pferdes, der Asiatische Wildesel folgt einer anderen Strategie mit den oft unvorhersehbaren Lebensbedingungen in der kargen Gobi umzugehen. Während die Przewalski-Pferde standorttreu die fruchtbarsten Gebiete der Gobi nutzten, ist der Wildesel ein echter Nomade – heute hier und Morgen dort – immer da, wo die Bedingungen gerade gut sind. So waren diese Tiere auch im Katastrophenwinter 2009/2010 in weniger schneereiche Gebiete ausgewichen und mussten im Gegensatz zu den Urwildpferden kaum Verluste hinnehmen. „Dies Strategie hat den Wildeseln bisher das Überleben in den kargen Halbwüsten und Wüstengebieten der Gobi ermöglicht –um erfolgreich zu sein, brauchen sie sehr viel Platz. Doch der Abbau von Rohstoffen und die damit einhergehende Infrastrukturentwicklung drohen jetzt den Lebensraum Gobi zu zerschneiden. „Ohne großflächige Landschaftsplanung unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von wandernden Arten wie Wildesel, Kropfgazelle und Mongolischer Gazelle läuft die Mongolei Gefahr, diese charismatischen Huftiere zu verlieren“, so Kaczensky.
Ökosystem und lokale Wirtschaft wichtig

Doch Wildesel und Gazelle haben längst nicht den Symbolcharakter wie das Takhi, das heilige Pferd der Mongolen. Hatte sich das Wiederansiedlungsprojekt zunächst rein auf die Przewalski-Pferde konzentriert wurde bald deutlich, dass man auch die weitereichenden ökologischen Beziehung im neuen Lebensraum der Tiere und die wirtschaftlichen Bedingungen der dort lebenden Menschen berücksichtigen musste. „Das Urwildpferd ist ein ideales Vehikel um den Schutz des gesamten Ökosystems der Dzungarischen Gobi populär zu machen“, erklärt Pfisterer. Schlecht planbare Finanzierung, rechtliche Schwierigkeiten und wachsende Armut der Bevölkerung würden jedoch weiterhin für Konflikte um die Nutzung der Ressourcen vor Ort sorgen. „Nur in offener Zusammenarbeit mit den örtlichen Weidetierhaltern, Behörden, Gouverneuren und Ministerien der Mongolei können wir letztlich erfolgreich sein“, so Pfisterer.
Internationale Zusammenarbeit

Otto Doblhoff-Dier, Vizerektor für Forschung und internationale Beziehungen der Vetmeduni Vienna, freut sich über den Erfolg des Urwildpferd-Projekts und betont die Bedeutung internationaler Kooperation: „Seit der Auswilderung der ersten Tiere 1992, die in Zusammenarbeit mit der mongolischen Regierung stattfand, haben Institutionen aus Europa, Asien und Australien weitere Tiere zur Verfügung gestellt. Dazu gehören beispielsweise auch der Tiergarten Schönbrunn in Wien und der Zoo Salzburg.“ Die Forschenden der Vetmeduni Vienna leisteten weitere wesentliche Beiträge für den Erfolg des Projekts. „Mit dem Beginn der regelmäßigen tierärztlichen Untersuchungen von Chris Walzers Team konnte eine der wesentlichen Ursachen für die zunächst hohe Sterblichkeit der ausgewilderten Tiere gefunden werden“, so Doblhoff-Dier. „Zudem war über das Verhalten der Urwildpferde in freier Wildbahn zunächst nahezu nichts bekannt. Erst durch die laufende Beobachtung der Tiere verstehen wir nach und nach auch ihr Verhalten und damit ihre Bedürfnisse.“
Weitere Informationen
Webseite der Gobi-Forschungsaktivitäten des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna:
http://www.vetmeduni.ac.at/fiwi/forschung/projects/gobiprojekt/

Website der International Takhi Group:
http://www.savethewildhorse.org/ueber-uns.html
Website der 1. International Wild Equid Conference:
http://www.vetmeduni.ac.at/en/equid-conference-2012/
Rückfragehinweise
Univ.Prof. Dr. Chris Walzer
Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 4890915-180
chris.walzer@vetmeduni.ac.at
Dr. Petra Kaczensky
Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 4890915-181
petra.kaczensky@vetmeduni.ac.at

Aussender
Mag. Klaus Wassermann
Public Relations/Wissenschaftskommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 25077-1153
klaus.wassermann@vetmeduni.ac.at

Klaus Wassermann | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

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