Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fortschreitender Klimawandel bedroht Europas Gebirgsflora

20.04.2012
Die Bergpflanzen Europas wandern in höhere Lagen – das konnten nun WissenschafterInnen der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nach jahrzehntelanger Forschung nachweisen.
Das Höhersteigen der Arten führt oft zu einem Anstieg der Artenzahl in den Gipfelbereichen, wenn sich Pflanzen tieferer Lagen weiter oben ansiedeln. Es kann aber auch zu einem Rückgang der Artenvielfalt führen. Die Ergebnisse der Studie erscheinen aktuell im renommierten Fachjournal "Science".

Grundlage der Publikation waren detaillierte Untersuchungen auf 66 Berggipfeln zwischen Nordeuropa und dem südlichen Mittelmeergebiet in den Jahren 2001 und 2008. Das internationale ForscherInnenteam unter der Leitung von BiologInnen des Departments für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien und dem Institut für Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erhob alle Pflanzenarten in den oberen Gipfelbereichen nach einer standardisierten Aufnahmemethodik. Koordiniert wurde die Arbeit von Harald Pauli, Michael Gottfried, Stefan Dullinger und Georg Grabherr.

Pflanzenvielfalt in der Mittelmeerregion geht zurück

Eine Zunahme der Artenzahlen konnte nur auf den Bergen Nord- und Zentraleuropas festgestellt werden. Im Gegensatz dazu stagnierte oder verringerte sich die Anzahl der Arten auf so gut wie auf allen untersuchten Bergen der mediterranen Region. "Der Rückgang auf den Gipfeln im Süden Europas ist besonders beunruhigend, weil die Gebirge im Mittelmeergebiet eine einzigartige Pflanzenwelt beherbergen, die zu einem Großteil aus nur dort lebenden Arten besteht – diese Bergblumen finden sich nirgendwo sonst auf der Erde", sagt Harald Pauli vom internationalen Forschungsprogramm GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) und Erstautor der Studie.

Die Gipfelfluren weiter nördlich, etwa in den Alpen oder in Skandinavien, erfuhren hingegen eine Anreicherung der Flora. Aufgrund dieses Ergebnisses stellt sich die Frage, ob das ein Anzeichen dafür ist, dass Alpenblumen im Norden weniger gefährdet sind. "Ich fürchte nein", sagt Michael Gottfried vom GLORIA-Koordinationsteam, "weil die neu hinzukommenden Pflanzen überwiegend weit verbreitete Arten aus tieferen Lagen sind, die den Konkurrenzdruck auf die selteneren kälteliebenden Alpenblumen erhöhen."

Schnee sichert das Überleben der Pflanzen auf mediterranen Bergen

Die hohen mediterranen Gebirge sind kleinflächige kalte Lebensräume, die sich wie Inseln im viel wärmeren Umland verteilen. Regenarme Sommer sind charakteristisch für die gesamte Region um das Mittelmeer. In den Hochgebirgen fällt fast der gesamte Niederschlag in Form von Schnee im Winter und Frühjahr. Das Schmelzwasser ist deshalb für die mediterranen Hochgebirgspflanzen essentiell für die Wachstumsperiode während der trockenen Sommer.

Weniger Schnee vermindert Flora

"Die Artenverluste wurden überwiegend auf den niedrigeren Gipfeln beobachtet, wo wir einen stärkeren Wassermangel erwarten als auf den schneereicheren höheren Gipfeln", fügt Pauli hinzu. Ein Großteil der mediterranen Gebiete erfuhr in den letzten Jahrzehnten sowohl einen Temperaturanstieg als auch einen Rückgang der Niederschläge. Die Prognosen für die folgenden Dekaden lassen auf eine Fortsetzung dieses Trends schließen. Damit ist von einer weiteren drastischen Einengung der Habitate für kälteliebende Pflanzen auszugehen.

Georg Grabherr, Leiter von GLORIA, sagt abschließend: "Drastische Auswirkungen des Klimawandels auf die Pflanzenwelt der Berge sind nicht nur in Europe sondern weltweit zu erwarten, sei es durch Effekte der Erwärmung oder in Kombination mit Trockenstress. Wenn auch möglicherweise manche Gebirgspflanzen standhalten können oder neue Habitate finden, ist eine Fortsetzung des Arten-Monitoring jedenfalls unerlässlich für die Erfassung und Aufklärung der ökologischen Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt des Pflanzenlebens der Gebirge."

Das GLORIA-Netzwerk
GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) umfasst ein Netzwerk der internationalen ökologischen Klimafolgenforschung, das sich auf die Auswirkungen des Klimawandels auf Gebirgsökosysteme und ihre Artenvielfalt spezialisiert hat. Vor etwa zehn Jahren wurde das GLORIA-Netzwerk in Europa gegründet und die Beobachtungsstandorte der gegenwärtigen Studie eingerichtet. Mittlerweile kommt das standardisierte GLORIA Monitoring-Programm weltweit in über 100 Untersuchungsgebieten auf sechs Kontinenten zur Anwendung. Die mehr als 100 Forschungsteams wiederholen die Untersuchungen in Abständen von fünf bis zehn Jahren.
Publikation in "Science"
Recent plant diversity changes on Europe’s mountain summits: Harald Pauli, Michael Gottfried, Stefan Dullinger, Otari Abdaladze, Maia Akhalkatsi, José Luis Benito Alonso, Gheorghe Coldea, Jan Dick, Brigitta Erschbamer, Rosa Fernández Calzado, Dany Ghosn, Jarle I. Holten, Robert Kanka, George Kazakis, Jozef Kollár, Per Larsson, Pavel Moiseev, Dmitry Moiseev, Ulf Molau, Joaquín Molero Mesa, Laszlo Nagy, Giovanni Pelino, Mihai Puºcaº, Graziano Rossi, Angela Stanisci, Anne O. Syverhuset, Jean-Paul Theurillat, Marcello Tomaselli, Peter Unterluggauer, Luis Villar, Pascal Vittoz, Georg Grabherr. Science, April 20, 2012. DOI: 10.1126/science.1219033.

Wissenschaftliche Kontakte
Dr. Harald Pauli
Institut für Gebirgsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
c/o Fakultätszentrum für Biodiversität
Universität Wien
T +43-1-4277-543 83
M +43-699-108 744 92
harald.pauli@univie.ac.at

MMag. Dr. Michael Gottfried
Department für Naturschutzbiologie,
Vegetations- und Landschaftsökologie
Fakultätszentrum für Biodiversität
Universität Wien
1030 Vienna, Rennweg 14
T +43-1-4277-543 72
M +43-676-307 76 69
michael.gottfried@univie.ac.at

Rückfragehinweise
Mag. Veronika Schallhart
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien
1010 Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1
T +43-1-4277-175 30
M +43-664-602 77-175 30
veronika.schallhart@univie.ac.at

Dr. Marianne Baumgart
Öffentlichkeitsarbeit
Österreichische Akademie der Wissenschaften
1010, Wien, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
T +43-1-51581-1331
marianne.baumgart@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/pr

Veronika Schallhart | Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.gloria.ac.at/
http://www.univie.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Von der Weser bis zur Nordsee: PLAWES erforscht Mikroplastik-Kontaminationen in Ökosystemen
20.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Der Monsun und die Treibhausgase
18.09.2017 | Forschungszentrum Jülich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften