Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wirksamer Klimaschutz möglich bei richtiger Prioritätensetzung

27.04.2007
Nachhaltigkeitsbeirat Baden-Württemberg: Integriertes 10-Punkte-Programm zu Klimaschutz und Energieversorgung

Der Ausbau erneuerbarer Energieträger, die Förderung der effizienten Energienutzung, die Unterstützung nachhaltiger Lebensführung, der Einstieg in die Kohlendioxid-Abscheidung bei der Kohlekraft sowie eine begrenzte Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke sind die wesentlichen Eckpunkte des aktuellen Berichts des Nachhaltigkeitsbeirats Baden-Württemberg (NBBW) zur Energieversorgung des Landes.

Für eine langfristig und global wirksame Klimapolitik ist es zudem nach Ansicht des NBBW unabdingbar, dass sich das Land mit Nachdruck für ein weltweit gültiges System von Emissionszertifikaten einsetzt. Das Gutachten wurde heute an die Umweltministerin Tanja Gönner in Stuttgart übergeben. In seiner Begründung hob der Vorsitzende des NBBW, Prof. Dr. Ortwin Renn die Vorbildfunktion des Landes hervor. "Damit das Land als glaubwürdiger und ernsthafter Partner anerkannt wird, muss es in diesem Bereich mit fortschrittlichen Ideen und Konzepten vorangehen". Der NBBW hoffe auch, dass aus der kürzlich gestarteten Nachhaltigkeitsstrategie des Landes neue Impulse für eine nachhaltige Entwicklung, insbesondere für die Energieversorgung im Land hervorgehen und neue Bündnispartner gefunden werden. Der NBBW werde diesen Prozess konstruktiv begleiten und dazu auch eigene Vorschläge unterbreiten.

Der Nachhaltigkeitsbeirat Baden-Württemberg (NBBW) ist ein von der Landesregierung im Jahr 2002 ins Leben gerufenes unabhängiges Beratungsgremium. Das Gremium, bestehend aus neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, hat den Auftrag, durch periodische Begutachtung die Umweltsituation in Baden-Württemberg und deren Entwicklungstendenzen zu bewerten und die Umsetzung und Fortschreibung des Umweltplans Baden-Württemberg kritisch zu begleiten.

Konkret empfiehlt der NBBW dem Land Baden-Württemberg in der Energiepolitik eine Doppelstrategie, bestehend aus Maßnahmen im eigenen Handlungsbereich und Initiativen auf Bundes-, Europa- und globaler Ebene.

In seinem 10-Punkte-Programm empfiehlt der NBBW im Einzelnen:

1. die erforderlichen Haushaltsmittel zur Umsetzung der im "Klimaschutzkonzept 2010" des Landes beschlossenen Maßnahmen bereitzustellen;

2. eine politische Initiative des Landes ins Leben zu rufen, um ein global wirksames Klimazertifikatssystem nach Auslaufen der ersten Kyoto-Verpflichtungsperiode (nach 2012) auf den Weg zu bringen;

3. darauf einzuwirken, dass die Wirksamkeit des europäischen CO2-Zertifikatehandels deutlich verbessert wird und ein fairer und wirksamer Wettbewerb auf dem Energiemarkt stattfindet;

4. Maßnahmen und Programme zu entwickeln und umzusetzen, um energiesparendes Verhalten zu fördern;

5. die Mittel für Förderprogramme zu erhöhen, insbesondere für Effizienzsteigerungen in Bestandsgebäuden und den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien, auch durch Erforschung innovativer Energietechnologien (z. B. Aufwindkraftwerke, Superge-othermie);

6. neue Förderprogramme zur Erforschung der CO2-Abscheidetechnologie und der dafür erforderlichen sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie der effizienten Nutzung fossiler Brennstoffe einzurichten;

7. innovative Informations- und Kommunikationsprogramme zur Förderung eines nachhaltigen Lebensstils unter dem Motto "weniger konsumieren - besser leben" einzuführen;

8. eine verstärkte Vorbildfunktion des Landes im Bereich der rationellen Energiever-wendung und des Energiesparens sowie der erneuerbaren Energiesysteme in öffentlichen Liegenschaften und im Fuhrpark zu übernehmen (Motto: "Wir gehen mit gutem Beispiel voran.");

9. sich für eine begrenzte Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke um maximal 15 bis 20 Jahre einzusetzen, um auf der einen Seite einen längeren Zeitraum für die notwendige Umorientierung auf erneuerbare Energieträger zur Verfügung zu haben und auf der andere Seite die dadurch eingesparten Mittel zweckgebunden für eine nachhaltige Energieversorgung einsetzen zu können.

10. einen Runden Tisch für einen bundesweiten Energiekonsens einzurichten mit dem Ziel, die zukünftige Strategie im Energiesektor festzulegen und eine unabhängige "Deutsche Stiftung Nachhaltige Energieversorgung" zu gründen.

"Wenn wir es nicht schaffen, zu einem weltweit gültigen Begrenzungsziel für Kohlendioxid-Emissionen und einem von allen akzeptierten Verteilungsmechanismus von Emissionsrechten zu kommen, werden wir die Klimafrage global nicht lösen können", so das Beiratsmitglied Prof. Dr. Lutz Wicke. Dabei sollen jedoch die Fehler des geltenden europäischen Emissionshandels möglichst vermieden werden. "Der erwünschte Effizienzgewinn ist leider ausgeblieben", so die Wirtschaftsexpertin Prof. Dr. Claudia Kemfert, ebenfalls Mitglied des NBBW. Im Gutachten wird deshalb ein Vorschlag unterbreitet, wie ein weltweites Emissionshandelssystem ausgestaltet werden sollte.

Zur Frage des Ausbaus der Kernenergie empfiehlt der NBBW, einen weltweiten Ausbau der Kernenergie als Mittel zum Klimaschutz nicht als eine realistische Option einzustufen, solange bestimmte Bedingungen zur Sicherheitskultur, zur Verhinderung der Proliferation, zur Endlagerung und zum Schutz gegen Terrorismus nicht erfüllt sind. Einer zeitlich befristeten Laufzeitverlängerung (maximal 20 Jahre) von deutschen Kernkraftwerken wird unter der Bedingung zugestimmt, dass alle sicherheitstechnischen Bedenken ausgeräumt werden können und eine rechtlich bindende Zusicherung bzw. vertragliche Vereinbarung getroffen werden kann, dass mindestens die Hälfte an den Kostenersparnissen der Energieversorgungsunternehmen durch die Laufzeitverlängerung an eine unabhängige, öffentlich-rechtliche "Deutsche Stiftung Nachhaltige Energieversorgung" fließen muss1. Diese Stiftung habe die Aufgabe, Forschung, Entwicklung sowie Erprobung (Demonstration und Markteinführung) innovativer Verfahren zur nachhaltigen Energieversorgung und -nutzung finanziell zu fördern.

(Diese Empfehlung wird von Beiratsmitglied Ulrich Höpfner nicht mit getragen.)

Der NBBW ermutigt die Landesregierung in Baden-Württemberg, alles daran zu setzen, durch eigene Vorbildfunktion, landesweite Klimaschutzinitiativen, klare Positionierung nach außen, politische Mobilisierung, Kommunikation und Bündnisbildung einen eigenständigen Beitrag zu leisten, um die dringend gebotenen Schritte zu einer effektiven, gerechten und effizienten Klimapolitik vor Ort und weltweit in die Wege zu leiten.

Das Gutachten mit dem Titel "Wege zu einer nachhaltigen Energieversorgung in Baden-Württemberg" kann bei der Geschäftsstelle des Nachhaltigkeitsbeirats Baden-Württemberg bestellt oder auf der Homepage des NBBW abgerufen werden.

Kontakt: Christian D. León
Geschäftsstelle des Nachhaltigkeitsbeirats Baden-Württemberg
Tel. 0711 685-83261
Fax 0711 685-82175
E-Mail: info@nachhaltigkeitsbeirat-bw.de
Internet: http://www.nachhaltigkeitsbeirat-bw.de
Die Mitglieder des Nachhaltigkeitsbeirats Baden-Württemberg:
o Dr. Peter Fritz, Forschungszentrum Karlsruhe
o Dr. Ulrich Höpfner, IFEU - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg
o Prof. Dr. Giselher Kaule, Institut für Landschaftsplanung und Ökologie, Universität Stuttgart
o Prof. Dr. Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin
o Prof. Dr. Lenelis Kruse-Graumann, FernUniversität Hagen und Universität Heidelberg (stellv. Vorsitzende)
o Prof. Dr. Erika von Mutius, Klinikum der Universität München, Dr. von Haunersches Kinderspital
o Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n), Ulm
o Prof. Dr. Ortwin Renn, Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung für Technik- und Umweltsoziologie, Universität Stuttgart (Vorsitzender)

o Prof. Dr. Lutz Wicke, Institut für UmweltManagement (IfUM), Europäische Wirtschaftshochschule Berlin

Ursula Zitzler | idw
Weitere Informationen:
http://www.nachhaltigkeitsbeirat-bw.de

Weitere Berichte zu: Energieversorgung Klimaschutz Laufzeitverlängerung NBBW

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Von der Weser bis zur Nordsee: PLAWES erforscht Mikroplastik-Kontaminationen in Ökosystemen
20.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Der Monsun und die Treibhausgase
18.09.2017 | Forschungszentrum Jülich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften