Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Virtueller Wasserhandel - zwischen theoretischem Konzept und praktischer Umsetzung

06.07.2006
Potentiale und Risiken des Virtuellen Wasserhandels standen im Zentrum einer internationalen Tagung, zu der das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) Expertinnen und Experten aus Südafrika, Jordanien und Israel, den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland eingeladen hatte.

In nahezu jeder Handelsaktion findet auch ein indirekter Handel mit Wasser statt, denn für die Gewinnung von Rohstoffen, die Erzeugung von Naruhngsmitteln genauso wie für die Herstellung der meisten anderen Güter wird Wasser im Produktionsprozess benötigt. Physisch ist das genutzte Wasser im Endprodukt nicht mehr oder nur noch zu geringen Anteilen enthalten und wird daher "virtuelles Wasser" genannt. Lange Zeit wurde dieser "virtuelle" Wasserhandel vernachlässigt, da er ökonomisch nicht sichtbar ist und politisch bisher kaum strategisch genutzt wird. Erst 1993 wurde von Tony Allan, Professor am King's College in London, die Debatte um das virtuelle Wasser angestoßen und dem Konzept des Virtuellen Wasserhandels zu verstärkter internationaler Aufmerksamkeit verholfen. Das Konzept eines strategisch eingesetzten Virtuellen Wasserhandels beruht darauf, dass das Wasserdefizit in wasserarmen Ländern durch den Import wasserintensiver Güter - vor allem Grundnahrungsmittel wie Getreide - aus wasserreichen Ländern ausgeglichen werden könnte. Auf diese Weise ist virtuelles Wasser in das globale System integriert, wie Tony Allan auf der Tagung unterstrich.

"Mit der Tagung verfolgen wir das Ziel, zu einem besseren Verständnis und zu einer Bewertung des Konzeptes beizutragen", betonen die Tagungsleiter Dr. Diana Hummel und Dr. Thomas Kluge vom Institut für sozial-ökologische Forschung. "Insbesondere stellt sich die Frage, was es bedeutet, wenn virtueller Wasserhandel als eine politische Strategie der Umverteilung von Wasserressourcen und räumlichen Verlagerung der landwirtschaftlichen Produktion im internationalen Maßstab eingesetzt wird und für welche Länder er eine ökonomisch, gesellschaftlich und ökologisch sinnvolle Option darstellt".

Arjen Hoekstra von der Universität Twente (Niederlande), der in Analogie zum ökologischen Fußabdruck sein Konzept des "water footprint" vorstellte, zeigte anhand von Wasserbilanzen auf, wie sich in Verbindung mit den internationalen Handelsströmen der Im- und Export des virtuellen Wassers quer über den Globus darstellt. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Fleisch, Obst und Gemüse, da der Agrarsektor weltweit mit ca. 70% aller Frischwassernutzungen den größten Wassererbrauch aufweist.

... mehr zu:
»Güter »Import »Virtuell »Wasserhandel

Überraschenderweise zählen Länder mit gemäßigtem Klima wie die Niederlande, Deutschland und Japan weltweit zu den zehn größten Netto-Importländern von virtuellem Wasser. Bewässerungen durch das so genannte "blaue" Wasser - das Grund- und Oberflächenwasser - wird in neueren Untersuchungen gleichermaßen betrachtet wie das "grüne", im Boden gebundene und durch Verdunstung aufsteigende Regenwasser. Diese Analysen führen mehr und mehr dazu, "dass wir heute an der Schwelle von einer theoretischen Debatte hin zum Einsatz des Konzeptes als strategisches Instrument stehen", hob Richard Meissner aus Südafrika hervor.

Werden über die Analysen zum Virtuellen Wasserhandel die globalen Verteilungsprobleme sowie die politischen und ökonomischen Abhängigkeiten offenbar, bedarf die strategische Umsetzung eines sehr viel differenzierteren Blicks auf die Wirkungen sowohl für die importierenden und als auch die exportierenden Länder. Wirtschafts- und sozialstrukturelle Effekte und ökologische Auswirkungen fallen in einzelnen Ländern und Regionen sehr unterschiedlich aus, wie die auf der Tagung vorgestellten Fallbeispiele Südliches Afrika und Naher Osten verdeutlichten. So ist bspw. die fehlende sektorenübergreifende institutionelle Kooperation ein wesentliches Problem für eine wirksame Umsetzung. Komplex gestaltet sich auch das Zusammenwirken von internationalen, regionalen und nationalen Abkommen, Regelungen und Strategien. Wie Daniel Malzbender vom African Center of Research, Cape Town, erläutert, können sich die sektoralen Strategien im Widerspruch befinden. So geht die landwirtschaftliche Handelsstrategie Südafrikas von einer grenzüberschreitenden Kooperation im SADC (South African Development Community) aus, um im Rahmen des SADC-Handelsprotokolls den landwirtschaftlichen Export und effizientere Verteilungsnetzwerke zu fördern. Auf der anderen Seite betont die Strategie des nachfrageorientierten Wasser-Managements für den landwirtschaftlichen Sektor die Notwendigkeit einer effizienteren Wassernutzung, um die Landwirtschaft Südafrikas für den Wettbewerb mit den Importen aus den anderen SADC-Ländern zu befähigen.

Wie die Tagungsteilnehmer übereinstimmend feststellten, ergibt sich daraus die Notwendigkeit zur Regionalisierung von Analyse und Bewertung der Implikationen virtuellen Wasserhandels. Dazu ist eine integrierte Betrachtung unterschiedlicher Sektoren unter Beteiligung der relevanten Stakeholder erforderlich. Virtueller Wasserhandel sollte nicht losgelöst von einer Regionalentwicklung betrachtet werden. Das bedeutet, dass er nicht im Widerspruch stehen sollte zum Integrierten Wasserressourcen-Management (IWRM), welches durch die Nachhaltigkeitskonferenz in Johannesburg in 2002 auf die internationale Agenda gebracht wurde. "Bei allen Potentialen des Virtuellen Wasserhandels kann seine politisch-strategische Umsetzung nur gelingen, wenn es einen Anschluss an die Agenda der Entscheidungsträger gibt", unterstrich Dr. Thomas Kluge.

Um das Konzept des Virtuellen Wasserhandels in eine sinnvolle und strategisch geplante Umsetzung zu bringen, müssen die entsprechenden Forschungsmaßnahmen nicht nur am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ausgerichtet werden, sondern auch die relevanten Akteure - von Regierungen und Administration über Landwirtschaftsvertreter bis hin zu lokalen Organisationen - im Forschungsprozess einbezogen werden, um praxistaugliche Lösungen entwickeln zu können.

Die Tagung "Virtual Water Trade" wurde veranstaltet vom Forschungsbereich "Wasser und nachhaltige Umweltplanung" des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main sowie dem Forschungsprojekt "Die Versorgung der Bevölkerung", das im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.

Pressekontakt:
Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)
Wissenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Michaela Kawall
Hamburger Allee 45
60486 Frankfurt am Main
Tel.: 069?707 69 19?30
Fax: 069?707 69 19?11
E-Mail: kawall@isoe.de

Michaela Kawall | idw
Weitere Informationen:
http://www.isoe.de/forschung/ib1.htm
http://www.isoe.de/projekte/demons.htm
http://www.isoe.de

Weitere Berichte zu: Güter Import Virtuell Wasserhandel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Rasante Evolution einer Kalkalge
14.02.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Insektensterben: Auch häufige Arten werden selten
01.02.2018 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Im Focus: Das VLT der ESO arbeitet erstmals wie ein 16-Meter-Teleskop

Erstes Licht für das ESPRESSO-Instrument mit allen vier Hauptteleskopen

Das ESPRESSO-Instrument am Very Large Telescope der ESO in Chile hat zum ersten Mal das kombinierte Licht aller vier 8,2-Meter-Hauptteleskope nutzbar gemacht....

Im Focus: Neuer Quantenspeicher behält Information über Stunden

Information in einem Quantensystem abzuspeichern ist schwer, sie geht meist rasch verloren. An der TU Wien erzielte man nun ultralange Speicherzeiten mit winzigen Diamanten.

Mit Quantenteilchen kann man Information speichern und manipulieren – das ist die Basis für viele vielversprechende Technologien, vom hochsensiblen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auf der grünen Welle in die Zukunft des Mobilfunks

16.02.2018 | Veranstaltungen

Smart City: Interdisziplinäre Konferenz zu Solarenergie und Architektur

15.02.2018 | Veranstaltungen

Forschung für fruchtbare Böden / BonaRes-Konferenz 2018 versammelt internationale Bodenforscher

15.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

17.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Strategien zur Behandlung chronischer Nierenleiden kommen aus der Tierwelt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics