Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Was tun, wenn Naturschutz Erfolg hat und der Mensch wieder Konkurrenz bekommt?

25.01.2006


Internationale Tagung widmet sich dem Konfliktmanagement zwischen Naturschutz und menschlicher Ressourcennutzung


Eurasischer Fischotter (Lutra lutra L.)Foto: André Künzelmann/ UFZ


Fischerei an den Wermsdorfer Fischteichen bei Leipzig An den Fischteichen lebt ein starker Kormoranbestand. Foto: André Künzelmann/ UFZ



Strenge Naturschutzgesetze haben neben verbesserten Umweltbedingungen in vielen Teilen Europas dazu geführt, dass seltene oder lokal ausgerottete Tierarten wieder zurückkehren, im Bestand zunehmen oder gar neue Lebensräume erobern. Damit leben jedoch alte Konflikte zwischen Mensch und Tier wieder auf. Drei Jahre lang haben Wissenschaftler in sieben europäischen Modellregionen am Beispiel der fischfressenden Tierarten Fischotter, Kormoran und Kegelrobbe untersucht, wie verschiedene Länder mit solchen Konflikten umgehen und welche Wege es gibt, zwischen Naturschutz und Fischwirtschaft zu vermitteln. Zum Abschluss des EU-Projektes FRAP sind etwa 100 Experten aus 20 Ländern zu einer Konferenz an das Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ) eingeladen. Neben der Präsentation von Projektergebnissen gibt es einen intensiven Austausch zu vergleichbaren Konflikten aus aller Welt. Dabei zeigt die Vielfalt möglicher Lösungsansätze, dass erfolgreiches Konfliktmanagement ökologische und gesellschaftliche Zusammenhänge berücksichtigt, aber auch relevante Akteursgruppen in Entscheidungsfindungsprozesse mit einbezieht.

... mehr zu:
»Fischotter »Naturschutz »Tierart »UFZ


Der Otter - ein akzeptierter Rückkehrer

Die Geschichte von Mensch und Fischotter ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Fischotter fressen zwar hauptsächlich Fisch, aber sie bevorzugen bei ausreichendem Nahrungsangebot nicht etwa große Karpfen, sondern eher kleine handlichere Happen - also Fische zwischen zehn und zwanzig Zentimetern. Das sind zum Beispiel Barsche und andere wirtschaftlich kaum genutzte Fischarten. Karpfenteiche werden zu Otters Lieblingsrevier, wenn die umgebende Landschaft ausgeräumt und nahrungsarm ist; auch harte Winter spielen eine Rolle, wie unter anderem Nahrungsuntersuchungen im Rahmen des Artenschutzprogrammes Fischotter in Sachsen zeigten. Wenn sich zusätzlich noch die Absatzsituation für einheimischen Fisch verschlechtert, kann es für den Fischer knapp werden. Aber ist daran der Fischotter schuld?

Sicher hat die Fischotterpopulation in der Oberlausitzer Teichlandschaft zugenommen. Trotzdem ist der Bestand keineswegs gesichert, wie Modellierungen des UFZ gezeigt haben: Gestiegene Verluste durch Überfahren und der anhaltende Lebensraumverlust zollen nach wie vor ihren Tribut. Der Zenit der Populationsentwicklung scheint deshalb bereits überschritten und in etwa einhundert Jahren könnte diese Entwicklung zu einem unvermuteten Kollaps der Fischotterpopulation in Sachsen führen.

Im Gegensatz zu den Vergleichsregionen Tschechien und Österreich ist das Verhältnis der sächsischen Teichwirte zu den Fischottern relativ entspannt. Dafür hat der Freistaat mit einer Vielzahl von Maßnahmen gesorgt, der z.B. technische Abwehrmaßnahmen wie Otterzäune fördert und Teichwirte mit EU-kofinanzierten Ausgleichszahlungen unterstützt. Die gibt es für naturschutzverträgliches Wirtschaften oder den Besatz der Teiche mit zusätzlichen Karpfen, die dann dem Otter als Nahrung dienen können. So wird der aktive Beitrag des Teichwirtes zum Naturschutz gesellschaftlich honoriert.

Der Kormoran - Eroberer alter und neuer Gestade

Ganz anders die Situation beim Kormoran: Im Gegensatz zum Fischotter werden die schwarzen Vögel oft als Eindringling angesehen. Beim Kormoran wird deutlich, dass Vögel nicht an nationalen Grenzen halt machen. Aus wenigen Kolonien in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts sind, nicht zuletzt auch durch Umwelt- und Klimaveränderungen begünstigt, viele große und kleine Ableger geworden. Die Vögel brüten zum überwiegenden Teil an den Küsten Europas und ziehen nach der Brut auch durch Deutschland bis an das Mittelmeer, um dort zu überwintern. Auf bis zu 500 000 Vögel schätzen die Wissenschaftler die Anzahl der Kormorane momentan in Europa. Unkoordinierte lokale Maßnahmen bringen bei solch mobilen Arten wenig Erfolg. Da es momentan mehr Kormorane als Brutplätze gibt, rücken nach Massenabschüssen wie im vergangenen Sommer in Norddeutschland einfach neue Tiere nach. Das Kormoranproblem zeigt, dass es Koordinationsprobleme zwischen den Nationen selbst, aber auch auf europäischer Ebene gibt. Es mangelt an einem länderübergreifenden Beobachtungssystem und einer besseren Abstimmung von Managementmaßnahmen.

Die Kegelrobbe - Heimkehrer aus dem Norden der Ostsee

Als drittes Tier wurden im Forschungsprojekt FRAP die Konflikte rund um die Kegelrobbe in Finnland und Schweden untersucht. Die Kegelrobben breiten sich mit einem jährlichen Wachstum von knapp 9 Prozent immer weiter nach Süden aus - zur Freude der Naturschützer und zum Leidwesen der Küstenfischer. In Schweden gibt es bereits seit einigen Jahren einen nationalen Managementplan, in Finnland steht man kurz vor dessen Einführung, um die Managementmaßnahmen besser zu koordinieren. Wiederansiedlungsversuche an der deutschen Ostseeküste sind zwar auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Trotzdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch deutsche Fischer mit den Robben konfrontiert werden.

Drei Konflikte - eine Patentlösung?

Konflikte zwischen wildlebenden Arten und menschlicher Ressourcennutzung wird es immer geben. Tierarten wie Fischotter, Wolf, Luchs und Robben in Europa, Elefanten in Afrika und Indien, oder Schneeleoparden im Himalaja werden Nahrungskonkurrenten des Menschen bleiben. So kommt es auf darauf an, Wege zu finden, die einerseits lebensfähige Bestände der gefährdeten Tierarten sichern, wozu sich Deutschland und zahlreiche andere Nationen auf europäischer und internationaler Ebene verpflichtet haben. Andererseits gilt es, die berechtigten Interessen der wirtschaftlich Geschädigten auszugleichen, da die Kosten des Naturschutzes von der ganzen Gesellschaft zu tragen sind, nicht nur von einzelnen Wirtschaftssektoren wie der Fisch- oder Landwirtschaft. Hier sind auf europäischer Ebene noch Hausaufgaben zu machen, damit nationale Lösungen der Schadenskompensation z.B. nicht mehr wie in Finnland europäischen Wettbewerbsregelungen zum Opfer fallen.

Konfliktlösungen müssen aber nicht immer viel Geld kosten. Manchmal schützen kleine Änderungen in der Bewirtschaftungsform vor größeren Schäden; oder die umfassende Information und rechtzeitige Einbeziehung der Betroffenen kann zum Konsens zwischen Naturschützern und Naturnutzern führen. Eine Patentlösung gibt es nicht, aber ein wesentliches Ziel des EU-Projektes FRAP war es, eine generelle Herangehensweise zur Analyse solcher Konflikte sowie zur Entwicklung und Bewertung von geeigneten Managementstrategien zu erarbeiten. Inwieweit dies gelungen ist, wird mit Wissenschaftlern und Praktikern aus aller Welt derzeit in Leipzig ausführlich diskutiert.

Weitere fachliche Information über:

Dr. Irene Ring
UFZ-Department Ökonomie
http://www.ufz.de/index.php?de=1661
Telefon: 0341-235-2480
Email: irene.ring@ufz.de

Dr. Klaus Henle
UFZ-Department Naturschutzforschung
http://www.ufz.de/index.php?de=1868
Telefon: 0341-235-2519
Email: klaus.henle@ufz.de

Dr. Reinhard Klenke
UFZ-Department Naturschutzforschung
http://www.ufz.de/index.php?de=1923
Telefon: 0341-235-2869
Email: reinhard.klenke@ufz.de

oder über:

Doris Böhme, Tilo Arnhold
UFZ-Pressestelle
Telefon: 0341-235-2278
Email: presse@ufz.de

Die Wissenschaftler des UFZ-Umweltforschungszentrums Leipzig-Halle (UFZ) erforschen die komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt in genutzten und gestörten Landschaften. Sie entwickeln Konzepte und Verfahren, die helfen sollen, die natürlichen Lebensgrundlagen für nachfolgende Generationen zu sichern. Das UFZ ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, die mit ihren 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2.2 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands ist. Die insgesamt 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Helmholtz-Gemeinschaft forschen in den Bereichen Struktur der Materie, Erde und Umwelt, Verkehr und Weltraum, Gesundheit, Energie sowie Schlüsseltechnologien.

Doris Böhme | idw
Weitere Informationen:
http://www.frap-project.net
http://www.ufz.de

Weitere Berichte zu: Fischotter Naturschutz Tierart UFZ

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Luftreiniger und Schmutzpumpe: der indische Monsun
15.06.2018 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht 100 % Ökolandwirtschaft in Bhutan – ein realistisches Ziel?
15.06.2018 | Humboldt-Universität zu Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Im Focus: First real-time test of Li-Fi utilization for the industrial Internet of Things

The BMBF-funded OWICELLS project was successfully completed with a final presentation at the BMW plant in Munich. The presentation demonstrated a Li-Fi communication with a mobile robot, while the robot carried out usual production processes (welding, moving and testing parts) in a 5x5m² production cell. The robust, optical wireless transmission is based on spatial diversity; in other words, data is sent and received simultaneously by several LEDs and several photodiodes. The system can transmit data at more than 100 Mbit/s and five milliseconds latency.

Modern production technologies in the automobile industry must become more flexible in order to fulfil individual customer requirements.

Im Focus: ALMA entdeckt Trio von Baby-Planeten rund um neugeborenen Stern

Neuartige Technik, um die jüngsten Planeten in unserer Galaxis zu finden

Zwei unabhängige Astronomenteams haben mit ALMA überzeugende Belege dafür gefunden, dass sich drei junge Planeten im Orbit um den Säuglingsstern HD 163296...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Simulierter Eingriff am virtuellen Herzen

18.06.2018 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz – Schafft der Mensch seine Arbeit ab?

15.06.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Asteroidenforschung in Garching

13.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Abwehrmechanismus gegen Sauerstoffradikale entdeckt

18.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umwandlung von nicht-neuronalen Zellen in Nervenzellen

18.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Im Fußballfieber: Rittal Cup verspricht Spannung und Spaß

18.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics