Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gefahr aus dem 3-Wege-Kat: Entgiftete Autos schädigen die Pflanzenwelt

05.12.2005


Die Biologin Judith Schumacher misst beim TÜV Bonn den Gehalt von Ammoniak in Auspuffgasen. (c) AG Prof. Frahm


Die Gelbflechte (Xanthoria perietina), Flechte des Jahres 2004, zeigt Luftbelastung speziell durch Ammoniak an. (c) AG Prof. Frahm


Autos mit 3-Wege-Kat sind längst nicht sauber wie bislang gedacht. Das zeigt eine Studie von Botanikern der Universität Bonn. Demnach pusten die "entgifteten" Fahrzeuge große Mengen Ammoniak in die Luft - ein Gas, das beispielsweise bei der Viehhaltung entsteht und für den stechenden Geruch von Mist und Gülle verantwortlich ist. Dass Katalysatoren überhaupt nennenswerte Mengen Ammoniak produzieren, war bislang nahezu unbekannt. Selbst Experten gingen davon aus, dass es sich dabei allenfalls um eine zu vernachlässigende Nebenreaktion handelt - eine Fehleinschätzung, wie die Messungen der Bonner Forscher und des TÜV zeigen. Gefahren für die Gesundheit gehen von den gemessenen Konzentrationen zwar nicht aus. In der Pflanzenwelt kann das Gas jedoch starke Schäden anrichten. Schon heute wachsen an viel befahrenen Straßen Moose und Flechten, die früher vorzugsweise an den Betoneinfassungen von Misthaufen vorkamen. Andere Arten wurden dagegen weitgehend verdrängt.


Schon vor mehr als 10 Jahren war es den Botanikern komisch vorgekommen: Da wuchs plötzlich in Städten an Mauern und Bäumen ein Moos namens Orthotrichum diaphanum, das dort zuvor nie gefunden worden war. Typischerweise kommt es auf dem Land an den Betoneinfassungen von Misthaufen vor. Dort enthält die Luft viel Ammoniak, und der dient dem Moos als Stickstoff-Quelle: Eine Art Dünger aus der Luft.

Flechten aus dem "Güllegürtel"


Einige Jahre später breiteten sich in den Städten plötzlich stickstoffliebende Flechtenarten wie die Gelbflechte aus. Auch diese Arten lieben eigentlich die Landluft: Normalerweise wachsen sie beispielsweise auf Dächern von Viehställen. "In den Städten gibt es aber keine Kühe und Schweine", erklärt Professor Dr. Jan-Peter Frahm vom Bonner Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen. "Was bewog also die Flechten, in die Städte zu ziehen?" Dass Ammoniak der Verantwortliche sein könnte, vermutete damals niemand - woher sollte er auch stammen? Außerdem wird die Ammoniak-Konzentrationen bei Schadstoffbestimmungen normalerweise nicht mitgemessen.

Noch undurchsichtiger wurde die Geschichte, als im Jahr 2000 der Monheimer Biologe Norbert Stapper feststellte, dass die stickstoffliebenden Flechtenarten besonders gerne an stark befahrenen Straßen wachsen - je stärker der Verkehr, desto besser. "Eigentlich gelten Flechten als Indikatoren für Luftgüte", erklärt Frahm; "man sollte meinen, dass sie empfindlich auf die Auspuffgase reagieren."

Ammoniak statt Saurer Regen

Die Frage nach dem Grund ließ Frahm keine Ruhe. Im vergangenen Sommer setzte er schließlich zwei Doktoranden auf das Thema an. Experimente und Literaturrecherchen lenkten den Verdacht schnell auf die Stickstoff-Quelle Ammoniak - eine Substanz, die im Autoabgas jedoch allenfalls in minimalen Konzentrationen vorkommen sollte. "Mit Unterstützung des TÜV in Bonn haben wir dann bei 30 Fahrzeugen mit Katalysator das Abgas untersucht", erläutert Professor Frahm. Das Ergebnis überraschte selbst die Experten: "Alle Pkw pusteten Ammoniak in die Luft - und das in Konzentrationen, die man zum Teil bereits mit der Nase wahrnehmen konnte." Bis zu 25 ppm (parts per million) erreichten die Werte bereits im Leerlauf; bei höheren Drehzahlen stiegen sie gar auf das drei- bis zehnfache - die Grenze dessen, was das Messgerät nachweisen konnte.

Gefahr für die menschliche Gesundheit geht von den gemessenen Mengen dennoch nicht aus, da sich das Gas schnell verdünnt. Gefährlicher ist da schon der "Düngeeffekt" von Ammoniak: "Die Düngung ist so hoch, dass sie nur von wenigen Moos- und Flechtenarten toleriert wird", betont Frahm. "Die anderen halten das gar nicht aus." Auch Blütenpflanzen, die Stickstoff anders als Moose und Flechten nicht aus der Luft aufnehmen, sind gefährdet: Ammoniak verbindet sich nämlich mit den Stickoxiden in der Luft zu Ammoniumnitrat - das ist der Dünger, den man in jedem Gartencenter kaufen kann. Mit dem Regen gelangt der Dünger dann in den Boden. Folge: Seltene Arten sterben aus und werden durch Stickstoffanzeiger wie Brennessel oder Brombeere ersetzt. "Anders als beim Sauren Regen sterben wegen des Ammoniaks keine Bäume", sagt Frahm. Er fürchtet jedoch die schleichenden Veränderungen: "Das langfristige Resultat ist eine zunehmende Verarmung der Natur - wir leben bald in einer Güllewüste."

Kontakt:
Professor Dr. Jan-Peter Frahm
Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen
Telefon: 0228/73-2121 oder 0178/7982794
E-Mail: frahm@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Ammoniak Dünger Flechten Flechtenarten Konzentrationen Pflanzenwelt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Mehr wärmeliebende Tiere und Pflanzen durch Klimawandel
20.02.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

nachricht Gebietsfremde Arten weltweit auf dem Vormarsch
15.02.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

Physikerinnen und Physiker diskutieren in Bremen über aktuelle Grenzen der Physik

21.02.2017 | Veranstaltungen

Kniffe mit Wirkung in der Biotechnik

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit den Betriebsräten Sozialpläne

21.02.2017 | Unternehmensmeldung

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Zur Sprache gebracht: Und das intelligente Haus „hört zu“

21.02.2017 | Messenachrichten