Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Frühwarnsystem für das Management gebietsfremder Arten dringend notwendig

28.11.2005


Forschungsergebnisse sind auf die Ausbreitung von Merkmalen genetisch veränderter Organismen übertragbar


Gebietsfremde Arten (Neobiota) sind im Gegensatz zu einheimischen Pflanzen- und Tierarten erst durch den Einfluss des Menschen auch nach Europa gekommen. Diese Neobiota bergen unterschiedliche potentielle Gefahren für die biologische Vielfalt. Die invasiven Arten unter den Neobiota pflanzen sich in der neuen Umgebung fort und treten direkt in Konkurrenz um Lebensraum und Ressourcen der einheimischen Arten. In manchen Fällen verändern oder vernichten sie sogar ganze Ökosysteme. Dazu Frank Klingenstein, Neobiota-Spezialist im Bundesamt für Naturschutz (BfN): "Wir müssen dringend ein Frühwarnsystem entwickeln, um einschätzen zu können, ob sich eingeschleppte Pflanzen- oder Tierarten aggressiv ausbreiten und so eine Gefahr für heimische Arten werden und mit welchen Maßnahmen wir ihnen begegnen können".

In Deutschland bereiten von den über 2.000 bekannten Neobiota derzeit nur 30 invasive Pflanzenarten und eine vergleichbare Zahl an Tierarten Naturschutzprobleme. Weltweit gesehen gehören Neobiota jedoch zu den wichtigsten Ursachen für das globale Artensterben. Wenige, sehr erfolgreiche Arten werden immer zahlreicher und verdrängen empfindliche Arten, die nur an wenigen Orten der Welt vorkommen.


Ein prominentes Beispiel ist der Staudenknöterich, der bewusst als Gartenpflanze eingeführt wurde. Die lebenstüchtige Pflanze kann sich über winzige Wurzelstückchen weiter ausbreiten und gelangt häufig über Gartenabfälle in die freie Natur. Gerade in naturnahen Ökosystemen, wie Auenlandschaften, richtet sie großen Schaden an, indem sie alle anderen Pflanzen überwuchert. Allein in Baden-Württemberg wurden 1999 für ihre Bekämpfung 330.000 EURO ausgegeben.

Viel weniger offensichtlich sind die Gefahren, die durch genetische Veränderungen von den Neobiota ausgehen. Durch die Kreuzung zwischen invasiven und einheimischen Pflanzen oder zwischen Kultur- und Wildpflanzen können Gene der einen Art auf die andere übertragen und deren genetische Information verändert werden. Auf diese Weise können sogar ganz neue Arten entstehen und die Erfahrung zeigt, dass gerade solche neu entstandenen Arten häufig besonders aggressiv sind. Auch in Deutschland ist der genetische Bestand heimischer Arten durch fremdes Genmaterial, dessen Herkunft häufig weit außerhalb Deutschlands liegt, schon vielfach verändert worden. "Vor unseren Augen läuft ein riesiges unbeabsichtigtes Experiment ab und wir haben keine Ahnung, was dabei heraus kommen wird", erklärte Prof. Dr. Herbert Hurka vom Institut für spezielle Botanik an der Universität Osnabrück.

Dieselben Prozesse können auch mit gentechnisch veränderten Organismen (=GVO) ablaufen. Gentechnisch veränderte Pflanzen übertragen dann durch unkontrollierte genetische Vermischung ihre veränderten Eigenschaften auf einheimische Pflanzen. Diese Übertragung genetischer Informationen kann zum Beispiel bei der Übertragung von Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel äußerst problematisch sein. Man befürchtet die Entstehung so genannter "Superunkräuter", die gegen mehrere Pflanzenschutzmittel resistent sind und sich ungewollt ausbreiten. "Möglicherweise handelt es sich hierbei um eher seltene Ereignisse, die jedoch erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen können", so Professor Hurka. Hier sind nicht nur ökologische, sondern auch erhebliche ökonomische Schäden zu befürchten.

Noch viel komplizierter wird die Situation, wenn transgene (übertragbare) Eigenschaften in Nutzpflanzen eingebaut werden, die außerhalb landwirtschaftlicher Flächen ökologische Zusammenhänge verändern. Wenn zum Beispiel Resistenzen gegen Pflanzenschädlinge auch auf andere Insekten wirken und somit weit reichende Effekte in der Nahrungskette haben. Dazu Hurka: "Diese Effekte sind nur schwer, oder gar nicht absehbar und bedürfen intensiver Forschung".

Die Neobiota-Forschung ist ein Teilgebiet des BIOLOG-Programms des Bundesminis-teriums für Bildung und Forschung (BMBF). Übergeordnetes Ziel des BIOLOG-Forschungsprogramms ist es, den ökologischen und ökonomischen Wert biologischer Vielfalt einzuschätzen, Wechselwirkungen im Kontext von globalen Veränderungen und menschlichen Einflüssen aufzuzeigen und Möglichkeiten einer nachhaltigen Nutzung zu entwickeln.

Für Rückfragen:

Kontaktpersonen BIOLOG-Forschungsprogramm
Dr. Lothar Quintern
Tel: 0172 2171745
und
Dr. Arndt Wüstemeyer
Tel: 0173 5361224

Universität Osnabrück
Prof. Dr. Herbert Hurka
Tel: 0541 969 2839

Bundesamt für Naturschutz
Frank Klingenstein
Tel: 0172 2037298

Birgit Bott | idw
Weitere Informationen:
http://www.biolog-online.info
http://www.neophyten.de
http://www.biologie.uni-osnabrueck.de/SpezielleBotanik/botany/Biolog_01_LC_0012A.htm

Weitere Berichte zu: Frühwarnsystem Naturschutz Neobiota Tierart

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entschlüsseln, wie Pflanzen ihre Blätter abwerfen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

"Wächter des Genoms": Forscher aus Halle liefern neue Einblicke in die Struktur des Proteins p53

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie