Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kanusport und Naturschutz

17.11.2000


... mehr zu:
»Naturschutz
Landschaftsökologen und Limnologen der Universität Münster untersuchten Gefährdung für kleinere Fließgewässer

Paddeln erfreut sich in den vergangenen Jahren zunehmender Beliebtheit - allerdings nicht bei allen Menschen. Denn Naturschützer fürchten, dass durch das sommerliche Ausflugsvergnügen empfindlich in das Gleichgewicht von Gewässern eingegriffen wird. Prof. Dr. Elisabeth Meyer vom Institut für Spezielle Zoologie und Vergleichende Embryologie und Prof. Dr. Hermann Mattes vom Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster haben deshalb in den vergangenen zwei Jahren die Zusammenhänge zwischen Kanusport und Naturschutz untersucht. Unterstützt wurden sie dabei mit 200000 Mark durch die Ministerien für Sport und Umweltschutz des Landes, die Landesanstalt für Ökologie und die Kanuverbände von NRW und Deutschland.

"Man muss die ornithologischen Ergebnisse sehr differenziert betrachten", meint Mattes. "Denn unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass die wassergebundenen Vögel sehr unterschiedlich reagieren." Untersucht wurde die Vogelwelt an kleineren nordrhein-westfälischen Fließgewässern wie Ems, Lippe, Werse und Ruhr sowie am Eltingmühlenbach. Prof. Elisabeth Meyer war federführend verantwortlich für die gewässerkundlichen Auswertungen, bei denen die Auswirkungen des Kanusports auf das sogenannte Makrozoobenthos, die Gemeinschaft von Lebewesen wie Würmer und Schalentieren, die auf dem Grund der Gewässer leben, untersucht wurden.

Bei der Untersuchung der Vogelwelt zeigt sich, dass für die Populationen bei einer Gewöhnung an die Störungen durch Kanuten keine Gefahr besteht. Mattes nennt als Beispiel die Blesshühner an der Werse, die selbst bei einer Annäherung bis auf wenige Meter ruhig auf ihren Nestern sitzen bleiben. "Einzelne Individuen haben sogar die Boote bedroht und die Paddel bepickt", erzählt Mattes. Anders dagegen sah es auf einigen Abschnitten der Lippe aus, die verhältnismäßig wenig befahren werden. Hier waren die Blesshühner ausgesprochen scheu. Aus den Ergebnissen lässt sich allerdings nicht schließen, dass ein Gewässer nur stark genug befahren werden muss, damit sich die Tiere an die Freizeitsportler gewöhnen können, warnt Mattes. "Denn die Tiere können sich nur dort an den Menschen anpassen, wo genügend Schutz vorhanden ist, damit sie die Situation beobachten können." Dazu müsse ein Fluss einerseits ausreichend breit sein, andererseits auch ausreichend Uferpflanzen bieten. Ist dies nicht gegeben wie beispielsweise an der Lippe, so besteht zusätzlich die Gefahr, dass sich Nesträuber über die Gelege hermachen, wenn die Elterntiere zu weit aufgescheucht werden.

Eisvögel und Uferschwalben, die in Brutröhren an Steilabbrüchen nisten, sind heutzutage durch Begradigungen und Ausbau der Gewässer eher selten geworden. Bei einer einfachen Vorbeifahrt lassen sie sich wenig stören. Gerade Amateure aber, die gerne mal an einer der einladenden Sandbänke, die den Abbrüchen vorgelagert sind, aussteigen, stören die Populationen empfindlich, indem sie die Brutröhren blockieren. Während Uferschwalben ihre Nahrung, beispielsweise Mücken, über dem Land finden, sind Eisvögel darauf angewiesen, fischen zu können. Deshalb können sie bei starkem Betrieb keine Nahrung mehr suchen.

Insgesamt stellt sich heraus, dass Sportler, die in Verbänden organisiert sind, sich zumeist an die "Zehn goldenen Regeln" des Kanusports halten. Danach sollen beim Anlanden lediglich jene Plätze benutzt werden, die ausdrücklich dafür vorgesehen sind, oder an denen erkennbar kein Schaden angerichtet werden kann. Röhrichtbestände, Schilfgürtel und andere Ufergehölze sind weiträumig zu meiden, ebenso wie flache Gewässer, bei denen die Gefahr der Grundberührung besteht.

Ein undisziplinierter Fahrstil gefährdet die bodengebundene Wirbellosentierwelt der befahrenen Gewässer stärker als eine Erhöhung der Befahrensdichte, fand das Team von Elisabeth Meyer heraus. Unter anderem wurde mit Hilfe von Driftnetzen untersucht, in welchem Ausmaß Organismen, organisches Material und Sediment durch das Ein- und Aussetzen der Boote sowie durch die Paddelschläge aufgewirbelt wurden. Diese Effekte können an flachen Gewässerabschnitten sowie im Umfeld von Ein- und Aussatzstellen zu gravierenden Beeinträchtigungen der am Gewässergrund lebenden Organismen führen. In der Regel bleiben jedoch die schädlichen Auswirkungen räumlich begrenzt und wirken sich zu- meist nicht auf ganze Tierpopulationen nachteilig aus.

Insgesamt kommt die erste Studie dieser Art für den norddeutschen Raum zu dem Ergebnis, dass Kanusport und Naturschutz durchaus miteinander vereinbar sind. Zwei Einschränkungen macht Mattes allerdings: In traditionellen Überwinterungsgebieten könne schon ein einzelnes Boot eine empfindliche Störung bedeuten. Außerdem spricht sich Mattes für ein Verbot der Kanuten in der Brutzeit von seltenen Arten wie dem Flussregenpfeifer aus. Das bedeutet aber auch, dass die spezielle Situation an jedem einzelnen Fließgewässer erfasst werden muss, um die Bedürfnisse von Mensch und Natur optimal miteinander vereinbaren zu können.

Brigitte Nussbaum | idw

Weitere Berichte zu: Naturschutz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Mehr wärmeliebende Tiere und Pflanzen durch Klimawandel
20.02.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

nachricht Gebietsfremde Arten weltweit auf dem Vormarsch
15.02.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

6. Internationale Fachkonferenz „InnoTesting“ am 23. und 24. Februar 2017 in Wildau

22.02.2017 | Veranstaltungen

Wunderwelt der Mikroben

22.02.2017 | Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt

22.02.2017 | Medizin Gesundheit

Möglicher Zell-Therapieansatz gegen Zytomegalie

22.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Meeresforschung in Echtzeit verfolgen

22.02.2017 | Geowissenschaften