Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alpine Urwiesen und Felsfluren europaweit gefährdet

09.01.2012
Der Klimawandel verändert großräumig die Gebirgsvegetation. In der ersten paneuropäischen Studie zum Vegetationswandel im Hochgebirge zeigt ein internationales Team unter der Leitung von ForscherInnen der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), dass die Auswirkungen des Klimawandels auf die alpine Vegetation stärker sind als ursprünglich angenommen. Die Ergebnisse werden in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Nature Climate Change" veröffentlicht.

867 Probeflächen auf 60 verschiedenen Gipfeln in allen größeren europäischen Hochgebirgen – etwa am österreichischen Hochschwab oder im schweizerischen Wallis – untersuchten die WissenschafterInnen. Im Vergleichszeitraum 2001 bis 2008 fanden sie auf kontinentalem Niveau deutliche Anzeichen, dass kälteadaptierte Pflanzen von wärmeliebenden Arten zunehmend aus ihren Lebensräumen verdrängt werden.


Alpine Pflanzen wie die Nevadensia purpurea könnten in wenigen Jahrzehnten von manchen europäischen Gipfeln verschwunden sein.
(Bild: Harald Pauli)


Alle 32 AutorInnen der Studie benutzten die gleiche Untersuchungsmethodik für den ersten europaweiten Vergleich, hier am österreichischen Hochschwab. (Bild: Harald Pauli)

Zunahme wärmeliebender Pflanzenarten

"Wir haben eine Zunahme wärmeliebender Pflanzenarten in größeren Höhen erwartet, aber nicht in diesem deutlichen Ausmaß und in so kurzer Zeit", sagt Michael Gottfried vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien und leitendes Mitglied des Forschungsprogramms GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments), das von WissenschafterInnen des Instituts für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt (IGF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien koordiniert wird.

BiologInnen aus 13 Ländern untersuchten im Rahmen von GLORIA unter der Leitung der Wiener ForscherInnen die alpine Vegetation, also niedrigwüchsige Pflanzengemeinschaften im Hochgebirge oberhalb der Baumgrenze. "Viele kältetolerante Arten wandern buchstäblich in den Himmel. In einigen der niedrigeren europäischen Gebirge können wir beobachten, wie die offene alpine Graslandschaft verschwindet, und Zwergsträucher den Lebensraum in wenigen Jahrzehnten erobern werden", warnt Michael Gottfried, der auch Erstautor der nun in "Nature Climate Change" veröffentlichten Studie ist.

Europaweite Entwicklung

Diese Studie ist weltweit die bislang breitest angelegte Untersuchung ihrer Art. Sie bestätigt den direkten Zusammenhang zwischen erhöhten Sommertemperaturen und der Veränderung alpiner Lebensgemeinschaften. "Regionale Untersuchungen haben diesen Vorgang bereits aufgezeigt. Unsere Ergebnisse demonstrieren diese Entwicklung erstmals für den gesamten europäischen Kontinent", sagt Gottfried.

Indikator entwickelt

Dieses Phänomen, von den GLORIA-ForscherInnen als Thermophilisierung bezeichnet, wurde erstmalig quantitativ erfasst und als messbarer Indikator definiert. Alle 32 an der Studie beteiligten AutorInnen wandten die selbe Methodik auf genau dokumentierten Probeflächen an, wodurch eine europaweite Vergleichbarkeit erst möglich wurde. "Wir hoffen, dass unser Thermophilisierungs-Indikator von anderen Forschungsgruppen weltweit übernommen und auf diese Weise ein globaler Vergleich möglich wird", sagt Harald Pauli vom Institut für Gebirgsforschung der ÖAW und Netzwerk-Koordinator von GLORIA.

Selbe Effekte von Schottland bis Kreta
Die ForscherInnen zeigen auch, dass dieser Effekt von der Seehöhe unabhängig ist – er findet von der Baumgrenze bis zu den höchsten Gipfeln statt – und ebenso von der geographischen Breite – von Schottland bis zu den Gebirgsregionen Kretas. "Unsere Arbeit belegt, dass der Klimawandel auch die entlegensten Winkel der Biosphäre beeinflusst", sagt Georg Grabherr, stellvertretender Direktor des ÖAW-Instituts und Leiter von GLORIA. "Die Thermophilisierung im Hochgebirge kann nicht vor Ort begrenzt werden. Menschliche Anpassungsstrategien sind also keine Option. Wir müssen uns dringend auf die Vermeidung noch stärkeren Klimawandels konzentrieren, um den biogenetischen Schatz der Natur zu wahren".

Über GLORIA

Das GLORIA-Programm (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) ist ein Netzwerk von mehr als 100 Forschungsgruppen aus sechs Kontinenten, dessen Ziel ein weltweites Monitoring der Gebirgsregionen ist. Seit der Gründung 2001 durch ForscherInnen der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat es einen standardisierten und langfristigen Ansatz zur Beobachtung von Gebirgsvegetation und ihrer Reaktion auf den Klimawandel entwickelt und umgesetzt. Die europäischen Untersuchungen werden im Jahr 2015 wiederholt, um den Fortgang der Entwicklung aufzuzeigen.

Weitere Informationen: http://www.gloria.ac.at

Publikation
Continent-wide response of mountain vegetation to climate change. In: Nature Climate Change, 8. Jänner 2012 (Online ahead of print)

DOI: 10.1038/NCLIMATE1329

Wissenschaftliche Kontakte
MMag. Dr. Michael Gottfried
Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie
Universität Wien
1030 Wien, Rennweg 14
T +43-1-4277-543 72
M +43-676-307 76 69
michael.gottfried@univie.ac.at
Mag. Dr. Harald Pauli
Institut für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt
Österreichische Akademie der Wissenschaften
c/o Universität Wien
1030 Wien, Rennweg 14
T +43-1-4277-543 83
M +43-699-108 744 92
harald.pauli@univie.ac.at
Rückfragehinweis
Mag. Alexander Dworzak
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien
1010 Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1
T +43-1-4277-175 31
M +43-664-602 77-175 31
alexander.dworzak@univie.ac.at

Alexander Dworzak | Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Frühwarnsignale für Seen halten nicht, was sie versprechen
05.12.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Besserer Schutz vor invasiven Arten
15.11.2016 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie