Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weisheit kann Verbitterung überwinden

12.07.2011
Neuer Ansatz der Psychotherapie gegen Fatalismus und Negativismus

Menschen mit schweren Formen der Verbitterung können durch Weisheit geheilt werden. Das berichtet der Berliner Psychiater und Psychotherapeut Michael Linden im "Journal of Psychotherapy and Psychosomatics".

Linden hat 2003 die posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED) als erster beschrieben (siehe: http://pressetext.com/news/20091003004 ). Nun zeigte er in einer randomisierten Kontrollstudie, dass die kognitive Verhaltenstherapie auf Grundlage der Weisheitspsychologie einen wirksamen Ansatz für die Behandlung der Störung darstellt, wenngleich diese im offiziellen Diagnoseschlüssel noch nicht aufscheint.

Lösung des Unlösbaren

"Weisheit ist eine psychologische Fähigkeit des Menschen, die ihm dabei hilft, mit komplexen und undurchschaubaren Situationen fertig zu werden", erklärt Linden im pressetext-Interview. Dringend nötig ist sie etwa bei Menschen, die durch Ungerechtigkeiten oder Erniedrigung zutiefst verletzt wurden und wo ein Ungeschehen-Machen unmöglich ist - oft etwa nach einer Kündigung oder nach dem Fremdgehen des Ehepartners. Alte Menschen besitzen oft einen höheren Grad an Weisheit, jedoch auch bestimmte Berufe wie etwa Rechtsanwälte, Psychotherapeuten oder Pfarrer.

Linden zieht einen Vergleich zur Selbstsicherheit, die jeder Mensch kennt, die erlernbar ist und mehrere Dimensionen umfasst wie etwa Blickkontakt oder Fähigkeit zum Neinsagen. Ebenso ist auch die Weisheit ein Allgemeingut mit vielen Facetten wie etwa Fähigkeit zu Empathie und Perspektivwechsel, Akzeptanz und Steuerung eigener Emotionen, Wertrelativismus oder Nachhaltigkeitsorientierung.

Weisheitskompetenzen können recht einfach verbessert werden, wie etwa durch fünfminütiges Nachdenken vor überstürzten Handlungen oder durch den Blick auf langfristige Ziele. "Weisheit heißt auch, sich nicht als Nabel der Welt zu sehen", so der Experte.

Besser als bisherige Therapien

Bei verbitterten Menschen soll Weisheit vor allem dazu dienen, durchgemachtes Leid hinter sich zu lassen. Dennoch bricht bei Betroffenen diese Kompetenz oft völlig zusammen. "Der psychische Zustand der Kränkung löst oft einen Teufelskreis aus, der jedes Überwinden nur erschwert. Neben der Stimmung sinkt auch der Antrieb, viele entwickeln psychosomatische Beschwerden oder meiden Sozialkontakte. Im Extremfall drohen sogar Suizid oder Amok", warnt Linden.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Verbitterte trotz ihres Leidensdrucks oft sogar aggressiv gegen Hilfe von Außen wehren - auch gegen Therapie.

Dass Verbitterte in ihrer Blockade durch Negativismus und Fatalismus besondere Hilfen brauchen, verdeutlichte Lindens Pilotstudie. 25 PTED-Patienten, die eine multidimensionale kognitive Verhaltenstherapie erhielten - bisher Standard für derartige Leiden - zeigten kaum die erhofften Verbesserungen. Diese traten eher bei den 28 Patienten ein, die mit einer auf der Weisheitspsychologie orientierten, spezifischen Verhaltenstherapie behandelt wurden. Sichergestellt wurden diese Ergebnisse mit üblichen Tests sowie einer Bewertung durch Patient und Therapeut.

Friedlicher Schlussstrich

So sehr die Studie auch für Lindens Ansatz spricht, relativiert dieser jedoch. "Es ist noch nicht geklärt, ob der Erfolg auf die Weisheitstherapie im engeren Sinne zurückzuführen ist oder die in diesem Rahmen entwickelten Therapiestrategien, um mit dem Patienten überhaupt ein Arbeitsbündnis herzustellen." Der Therapeut muß den Patienten in seinem Elend annehmen und auch emotional zu verstehen, was bei Verbitterung nicht leicht fällt. "Statt gleich Änderungen zu verlangen, muss man als Therapeut erst einmal die Kränkung uneingeschränkt miterleben."

Eine Motivation für das Einlassen auf die Therapie könne den Patienten der Gedanke sein, dass es ungerecht ist, etwa seinen Job verloren zu haben, jedoch noch ungerechter, dass einem der ehemalige Chef nun auch noch ständig den Schlaf raubt. Ziel der Behandlung seien nicht Rechtfertigung oder Kleinreden, sondern ein Rückblick auf Schlimmes ohne Wut. "Der Patient muss selbst derart Schluss mit seiner Vergangenheit machen können, dass sie keine Folgen mehr für ihn hat - also ein Stück Vergebung", so der Psychotherapeut.

Johannes Pernsteiner | pressetext.redaktion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften