Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum Großzügigkeit von der sozialen Distanz abhängt

20.01.2015

Wenn man einen Menschen schätzt, zeigt man sich ihm meist großzügiger und ist eher bereit zu teilen, als gegenüber Unbekannten. Ein Wissenschaftlerteam der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat unter Beteiligung der Bonner Universität und Züricher Forschern nun die Hirnregionen identifiziert, die zu dieser Variabilität in großzügigem Verhalten führen. Die Ergebnisse können sich sowohl auf ökonomische Theorien als auch auf das Verständnis von sozialen Verhalten auswirken. Die Studie wird nun in den ‚Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America’ vorgestellt.

Die Fähigkeit zu teilen ist eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. So kommt es zum Beispiel auch in der Ökonomie darauf an, die Interessen der anderen Marktteilnehmer bei Entscheidungen mit einzubeziehen. Wir verhalten uns aber nicht allen Menschen gegenüber gleichermaßen großzügig. Einer nahestehenden Person gegenüber sind wir meist freigiebiger als einem Unbekannten. Dieses Phänomen bezeichnet man auch als „soziale Distanz“.

Wie die soziale Distanz mit der Fähigkeit zu teilen zusammenhängt und welche Gehirnregionen dabei eine Rolle spielen, wurde nun in einer Studie untersucht, die die Arbeitsgruppe Vergleichende Psychologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zusammen mit dem Center for Economics and Neuroscience (CENs) der Universität Bonn und der Universität Zürich durchführte.

Die Forscher beobachteten mit einem funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT) am Life&Brain Zentrum in Bonn die Hirnaktivität von Testpersonen, während diese im Rahmen eines Spielszenarios ökonomische Aufgaben lösten. Die Probanden (die aktiven Spieler) sollten zwischen einer egoistischen, allein für sie profitablen Option, und einer großzügigen Option wählen.

Bei letzterer kommt auch einem gedachten Spielpartner ein Geldbetrag zu. Entsprechend erhält der Spieler selbst dann weniger Geld. Dabei sollten sie sich die Spieler vorstellen, dass ihr Spielpartner ihnen in einem Fall nahe steht, in anderen Fällen aber immer weiter sozial entfernt ist. „Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmer viel eher bereit sind, ihren Egoismus zu überwinden und zu teilen, je näher sie dem Spielpartner emotional stehen“, so die Erstautorin der Studie, Tina Strombach aus der Düsseldorfer Arbeitsgruppe Vergleichende Psychologie.

Die begleitenden Hirnscans ergaben, dass bei der Entscheidungsfindung zwei Bereiche im Gehirn widerstreiten: Der eine ist der Ventromediale präfrontale Cortex, der im Stirnlappen der Großhirnrinde sitzt und zum Belohnungssystem gehört. Er stellt also quasi die egoistische Komponente dar. Ihm gegenüber steht die Temporoparietale Junction im hinteren Bereich des Gehirns. Sie wird mit der Empathiefähigkeit in Verbindung gebracht und ist für die Unterscheidung von „selbst“ und „fremd“ wichtig.

„Beide Gehirnregionen arbeiten als Gegenspieler“, erläutert Prof. Dr. Tobias Kalenscher aus Düsseldorf: „Sie tarieren aus, wie egoistisch oder großzügig wir uns abhängig von der sozialen Distanz verhalten“. Prof. Dr. Bernd Weber vom CENs der Universität Bonn ergänzt: „Die Temporoparietale Junction hält die egoistischen Bestrebungen der ventromedialen präfrontalen Cortex in Schach und ermöglicht somit altruistisches Verhalten.“

Eine Besonderheit der Studie, die nun in den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) veröffentlicht wurde, ist ihr interdisziplinärer Ansatz. Die Kombination auf ökonomischen und neuropsychologischen Fragestellungen nennt sich Neuroökonomie. Neben den Düsseldorfer Psychologen und den Bonner Neurowissenschaftlern waren der Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Peter Kenning und der Züricher Prof. Dr. Philippe Tobler beteiligt, die insbesondere zum Aufbau der ökonomischen Aufgabenstellung beitrugen.

Die Ergebnisse der Studie haben Implikationen sowohl für die Wirtschaftswissenschaften als auch für die Soziologie. Durch die im menschlichen Gehirn angelegten Verhaltensmuster im Bezug auf die soziale Distanz müssen hier weitere Faktoren für die Beurteilung von Verhalten in unterschiedlichen sozialen Kontexten berücksichtigt werden.

Original-Artikel
Strombach T, Weber B, Hangebrauk Z, Kenning P, Karipidis II, Tobler PM, Kalenscher T, „Social discounting involves modulation of neural value signals by temporo-parietal junction“, PNAS
Online: DOI: 10.1073/pnas.1414715112

Kontakt
Prof. Dr. Tobias Kalenscher
Vergleichende Psychologie
Tel.: 0211-81 11607
E-Mail: tobias.kalenscher@hhu.de

Ansprechpartner für die Presse
Dr. Arne Claussen
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Stabsstelle Kommunikation
Tel.: 0211-81 10896
E-Mail: arne.claussen@hhu.de

Johannes Seiler
Universität Bonn
Dezernat 8 – Hochschulkommunikation
Tel.: 0228-73 4728
E-Mail: j.seiler@uni-bonn.de

Carolin Grape | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-duesseldorf.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

US-Spitzenforschung aus erster Hand: Karl Deisseroth spricht beim Neurologiekongress in Leipzig

24.08.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft des Leichtbaus: Mehr als nur Material einsparen

23.08.2017 | Veranstaltungen

Logistikmanagement-Konferenz 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individuelle Gebäudehülle aus dem Drucker

24.08.2017 | Architektur Bauwesen

Wie sich Krebszellen gegen Chemotherapeutika „immun“ machen

24.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

"Comammox"-Bakterien: Langsam, aber super-effizient

24.08.2017 | Biowissenschaften Chemie