Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Repräsentative Umfrage: Betriebsräte erwarten keine Entlassungswellen in den nächsten Monaten

19.11.2009
Befragung des WSI zur Beschäftigungssicherung

Repräsentative Umfrage: Betriebsräte erwarten keine Entlassungswellen in den nächsten Monaten

Die deutsche Wirtschaft ist tief eingebrochen, nicht aber der Arbeitsmarkt. Das unterscheidet die Bundesrepublik derzeit von vielen anderen Industrieländern. Erste Ergebnisse aus der neuen repräsentativen Betriebsrätebefragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung erlauben einen Blick auf die Hintergründe des international viel beachteten "deutschen Arbeitsmarktwunders". Sie zeigen: Dass in der Krise bisher so viele Jobs gerettet wurden, ist der Kurzarbeit zu verdanken, vor allem aber der flexiblen Arbeitszeitgestaltung durch Arbeitszeitkonten. Trotz dieses Erfolges wurde allerdings bereits in knapp 30 Prozent der Betriebe die Stammbelegschaft verkleinert. Noch stärker betroffen waren Leiharbeiter.

Für die kommenden Monate erwarten die befragten Betriebsräte weitere moderate Stellenverluste, aber keine massiven Entlassungswellen. Die WSI-Arbeitsmarktexperten Claudia Bogedan, Dr. Alexander Herzog-Stein und Wolfram Brehmer sind daher vorsichtig optimistisch, dass die beschäftigungssichernden Potenziale von Arbeitszeitanpassungen noch nicht ausgereizt sind. "Die Betriebe haben erstaunlich vielfältige Wege gefunden, um in der Krise zumindest große Teile ihrer Stammbelegschaft zu halten. Denn die Unternehmensleitungen wissen: Sie brauchen diese Beschäftigten, wenn es wieder aufwärts geht", sagt Arbeitsmarktforscher Herzog-Stein.

Die Befragung unter mehr als 2.300 Betriebsräten fand im Sommer und Frühherbst diesen Jahres statt. Die Betriebsräte wurden unter anderem gefragt, ob ihr Betrieb von der Krise betroffen ist, ob Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung ergriffen wurden, und wie diese aussehen. Die Ergebnisse sind repräsentativ für Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten und Betriebsrat. Derartige Betriebe beschäftigen rund 12 Millionen Menschen in Deutschland. Zentrale Befunde:

- Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit sichern Stellen -
Viele Jobs konnten bislang gerettet werden, weil die Firmen den Arbeitseinsatz intern an die Auftragslage angepasst haben. In der Wirtschaftskrise werden Instrumente interner Flexibilität besonders intensiv genutzt, stellen die WSI-Forscher fest. Das wichtigste waren die nach den Boomjahren 2007 und 2008 gut gefüllten Arbeitszeitkonten. In fast jedem dritten Betrieb wurden den Betriebsräten zufolge vorhandene Guthaben von Arbeitszeitkonten abgetragen oder gar Zeitschulden auf den Konten angesammelt - Stunden, die geleistet werden müssen, wenn die Nachfrage wieder anzieht.

Oftmals haben die Unternehmen auch ihre Arbeitsorganisation geändert, um Arbeitsplätze zu erhalten. Zudem formulierte jeder achte Betrieb die Urlaubsregelungen neu, jeder zehnte reduzierte Entgeltbestandteile.

Als Instrument gegen die Krise wird von der Öffentlichkeit vor allem die staatlich geförderte Kurzarbeit wahrgenommen. Die Kurzarbeit hat in der Tat einen erheblichen Beitrag zum Beschäftigungserhalt geleistet, das bestätigen auch die Wissenschaftler des WSI - in der praktischen Bedeutung aber rangiere sie hinter den Arbeitszeitkonten. Nur jeder fünfte Betrieb setzte Kurzarbeit ein.

- Eingespielte Zusammenarbeit von Management und Betriebsräten -
Das "deutsche Arbeitsmarktwunder", von dem Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) sprechen, beruht demnach nicht allein auf dem Kurzarbeitergeld. "Die Unternehmen haben zahlreiche kleine Stellschrauben bedient", sagt Claudia Bogedan vom WSI. Die Vielfalt der eingesetzten Instrumente war für die Experten überraschend. Dass diese zum Einsatz kamen, dürfte auch an der eingespielten Zusammenarbeit von Management und Betriebsräten in den betroffenen Branchen liegen. Das ist ein Grund dafür, warum die Unternehmen den von der Finanzkrise ausgelösten Stresstest bislang so gut bestanden haben, so das WSI.
- Betriebsbedingte Kündigungen in jedem siebten Betrieb -
Ganz ohne Beschäftigungsabbau ging der tiefe Abschwung allerdings nicht vonstatten. Wo Leiharbeiter engagiert waren, mussten diese meist als Erste gehen. 28 Prozent der Betriebsräte berichten aber auch, dass ihr Unternehmen die Stammbelegschaft verkleinert habe; in einzelnen Branchen waren es sogar bis zu 35 Prozent. Diese Firmen verlängerten befristete Verträge nicht, boten Abfindungen an, verhängten einen Einstellungsstopp, übernahmen Auszubildende nicht. In rund 14 Prozent der Betriebe kam es zu betriebsbedingten Entlassungen.
- Betriebe planen keine Massenentlassungen -
Soweit die Betriebsräte informiert sind, ist für die kommenden Monate weiterer Personalabbau zu erwarten, jedoch nicht in dem Umfang wie von Politik und Wissenschaft zunächst befürchtet. Laut WSI-Umfrage sind keine Entlassungen im großen Stil vorgesehen. Nur jeder fünfzigste Betriebsrat rechnet damit, dass sein Unternehmen demnächst eine betriebliche Auffanggesellschaft benötigt.
- Verlängerung der Kurzarbeitergeldregelungen entlastet Unternehmen -
Das Instrumentarium, das zur Beschäftigungssicherung zur Verfügung steht, wird sich allerdings in den kommenden Monaten verändern. Die Arbeitzeitkonten sind inzwischen fast ausgereizt. Das Guthaben ist aufgebraucht, die Personaler wollen nicht noch höhere Zeitschulden anhäufen. Zudem laufen zum Jahresende die Sonderkonditionen für den Bezug des Kurzarbeitergeldes aus. Die Wissenschaftler des WSI sprechen sich für eine Verlängerung dieser Regelung aus. Das sei nötig, damit nicht zeitgleich die beiden wichtigsten Instrumente zum Beschäftigungserhalt wegfallen.
- Vor allem Industrie betroffen -
Von der gegenwärtigen Krise sind alle Branchen in Mitleidenschaft gezogen worden, am stärksten aber Firmen, die zuvor in der Regel ausgesprochen erfolgreich waren: Industriebetriebe, die in erster Linie für den Export produzieren und im Westen angesiedelt sind. Diese Unternehmen haben sich meist sehr intensiv um Beschäftigungssicherung bemüht und werden das nach Einschätzung der Betriebsräte auch weiter tun. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wirtschaftssektoren fallen teilweise recht groß aus, so die Forscher des WSI: Unter den Anbietern von Grundstoffen oder Investitionsgütern haben drei von vier Unternehmen auf die Krise mit interner Flexibilität reagiert. Bei Banken und Versicherungen - die Branchen, von der die Krise ausging - war es dagegen nur ein Unternehmen von fünf.

Mehr Informationen und Infografiken zum Download im neuen Böckler Impuls 18/2009: http://www.boeckler.de/32014_100081.html

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Alexander Herzog-Stein
Arbeitsmarktexperte WSI
Tel.: 0211-7778-235
Mail: Alexander-Herzog-Stein@boeckler.de
Wolfram Brehmer
Arbeitsmarktexperte WSI
Tel.: 0211-7778-340
Mail: Wolfram-Brehmer@boeckler.de
Claudia Bogedan
WSI-Expertin für Arbeitsmarktpolitik
Tel.: 0211-7778-383
Mail: Claudia-Bogedan@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/32014_100081.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste lichtgetriebene Stromquelle der Welt

Die Stromregelung ist eine der wichtigsten Komponenten moderner Elektronik, denn über schnell angesteuerte Elektronenströme werden Daten und Signale übertragen. Die Ansprüche an die Schnelligkeit der Datenübertragung wachsen dabei beständig. In eine ganz neue Dimension der schnellen Stromregelung sind nun Wissenschaftler der Lehrstühle für Laserphysik und Angewandte Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vorgedrungen. Ihnen ist es gelungen, im „Wundermaterial“ Graphen Elektronenströme innerhalb von einer Femtosekunde in die gewünschte Richtung zu lenken – eine Femtosekunde entspricht dabei dem millionsten Teil einer milliardstel Sekunde.

Der Trick: die Elektronen werden von einer einzigen Schwingung eines Lichtpulses angetrieben. Damit können sie den Vorgang um mehr als das Tausendfache im...

Im Focus: The fastest light-driven current source

Controlling electronic current is essential to modern electronics, as data and signals are transferred by streams of electrons which are controlled at high speed. Demands on transmission speeds are also increasing as technology develops. Scientists from the Chair of Laser Physics and the Chair of Applied Physics at Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) have succeeded in switching on a current with a desired direction in graphene using a single laser pulse within a femtosecond ¬¬ – a femtosecond corresponds to the millionth part of a billionth of a second. This is more than a thousand times faster compared to the most efficient transistors today.

Graphene is up to the job

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Im Spannungsfeld von Biologie und Modellierung

26.09.2017 | Veranstaltungen

Archaeopteryx, Klimawandel und Zugvögel: Deutsche Ornithologen-Gesellschaft tagt an der Uni Halle

26.09.2017 | Veranstaltungen

Unsere Arbeitswelt von morgen – Polarisierendes Thema beim 7. Unternehmertag der HNEE

26.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Europas erste Testumgebung für selbstfahrende Züge entsteht im Burgenland

26.09.2017 | Verkehr Logistik

Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie