Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Prügelstrafe macht Kinder dumm

25.09.2009
Häufiges Geschlagenwerden geht einher mit geringerer Intelligenz

Wenn Eltern ihre Kinder schlagen, schädigen sie damit deren geistige Entwicklung. Das haben Forscher der University of New Hampshire in dieser Woche auf der Internationalen Konferenz zu Gewalt, Missbrauch und Trauma in San Diego berichtet.

Laut ihren Studien führt das Geschlagenwerden zu einer messbar geringeren Intelligenz auch noch Jahre später. "Je öfter Kinder geschlagen werden, desto langsamer verläuft ihre geistige Entwicklung", so Forschungsleiter Murray Straus. Die häufigen Stress- und Angstzustände, denen geschlagene Kinder ausgesetzt sind, könnten eine wichtige Ursache für diesen Zusammenhang bilden.

Untersucht wurde das zunächst in den USA mit insgesamt 1.500 zwei- bis vierjährigen sowie fünf- bis neunjährigen Kindern, die man repräsentativ für ihre Altersgruppe auswählte. Beide Gruppen durchliefen im Abstand von vier Jahren zweimal einem Test zur Ermittlung des Intelligenzquotienten (IQ). Bei den anfangs zwei- bis vierjährigen Kindern, die von ihren Eltern geschlagen wurden, war der IQ-Wert vier Jahre später um fünf Punkte niedriger als die nicht-geschlagenen Alterskollegen, während dieser Unterschied bei der etwas älteren Versuchsgruppe immerhin noch 2,8 Punkte betrug. Auch weitere, weltweite Erhebungen der Forscher wiesen in dieselbe Richtung. So zeigte etwa ein Ländervergleich, dass hohe Raten von körperlicher Bestrafung bis ins Jugendalter den durchschnittlichen IQs der Gesamtbevölkerung senkt. Weiters fragten die Wissenschaftler 17.000 Studenten in 32 Ländern, ob sie in der Kindheit geschlagen wurden. Auch hier wurde der Zusammenhang mit der Intelligenz deutlich.

Als Ursache für dieses Phänomens sehen die Studienautoren die Tatsache, dass Kinder bei körperlicher Bestrafung viel Stress empfinden. Werden Kinder regelmäßig geschlagen, begünstige das einen chronischen Stresszustand, der für viele über Jahre andauere. Die Forschung zeigt, dass dieser Stress auch posttraumatische Stresssymptome wie übertriebene Angst vor schrecklichen Ereignissen oder leichtes Erschrecken auslösen kann, die die Entwicklung der Intelligenz beeinflussen. Weiters glauben die Wissenschaftler, dass die Verbreitung der Gewalt in der Erziehung und der höhere Intelligenzquotient der Bevölkerung wichtige Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes sind.

"Wie sich die Intelligenz von Kindern entwickelt, wird von mehreren Faktoren bestimmt", erklärt die Wiener Gesundheitspsychologin Claudia Rupp im Gespräch mit pressetext. Beteiligt seien die genetischen Anlagen, die dem Kind zukommende Förderung und Bildung und das soziale Umfeld, jedoch auch die Art der Bindung zu seinen Bezugspersonen. "Kinder mit guter Bindung zu den Eltern lernen viel leichter. Gewaltanwendung oder Misshandlung bringt hingegen Unsicherheit oder Desorganisation in diese Beziehung und führt zu einem Stress, der Lernprozesse hemmt", so Rupp. Schädlich sei Gewalt in der Erziehung nicht nur dort, wo sie körperliche Verletzungen hinterlässt. "Allein die Tatsache, dass ein im Vergleich riesiger, älterer und mächtiger Mensch, der noch dazu als Elternteil wichtigste Quelle für Sicherheit und Geborgenheit ist, zuschlägt, ist für ein Kind schrecklich." Zwar sei es richtig, dass Kinder Grenzen brauchen, doch dürften diese nicht mit körperlicher Gewalt vermittelt werden. "Niemand wird durch Gewalt brav. Die psychische Verletzung bleibt hingegen lange bestehen", betont die Psychologin.

Das Zuschlagen bezeichnet Rupp als Ausdruck der Hilflosigkeit der Eltern. "Erziehung ist die schwerste Arbeit der Welt. Viele wollen ihre Kinder gar nicht schlagen, wissen sich jedoch in bestimmten Situationen nicht mehr zu helfen." Die Vorstellung einer "gesunden" Züchtigung sei ebenso falsch wie das von Eltern oft vorgebrachte Argument, dass die Schläge in der eigenen Erziehung auch nicht geschadet hätten. "Irgendwann kommt man vielleicht drauf, dass man doch seelischen Schaden erfahren hat, denn sonst bräuchte man nicht zu Gewalt greifen." Wenn die Situation eskaliert, rät die Psychologin den Eltern, professionelle Unterstützung in Beratungsstellen aufzusuchen. Hier könne man durch externe Hilfen genauer ansehen, warum es zum Zuschlagen kommt, wie es vermieden werden kann und welche besseren Reaktionen möglich sind. Ein besserer Umgang mit dem Thema gelinge, wenn es seine Scham verliere. "Statt Bestrafung für elterliches Fehlverhalten ist rechtzeitige und präventive Hilfe wichtig. Wer in der Erziehung Hilfe braucht, muss sie auch bekommen."

Die Bedeutung der Prävention betont auch Eveline Holzmüller, Sozialarbeiterin und Kinderschutz-Expertin beim Amt für Jugend und Familie der Stadt Wien http://www.wien.gv.at/menschen/magelf/ gegenüber pressetext. "Derzeit wird der Ansatz 'Frühe Hilfe' getestet. Sozialarbeiter versuchen hier, Eltern mit hohem Risiko für Gewalt bereits in den Geburtsspitälern gezielt anzusprechen, sie zu beraten und Maßnahmen der Unterstützung zu vermitteln, falls die Eltern diese annehmen möchten." Als Risikofaktoren, die in Fragebögen oder offenen Gesprächen erkundet werden, gelten vor allem Armut sowie die eigene Erfahrung von Gewalt. Die Körperstrafe ist in Deutschland und Österreich seit 1989 verboten. Kinder besitzen ein "Recht auf gewaltfreie Erziehung", stellt das Gesetz fest, unzulässig sind demnach körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigenden Maßnahmen.

Johannes Pernsteiner | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://www.unh.edu
http://www.ivatcenters.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen