Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Phänomen der Oper

05.08.2010
Kulturelle Angebote steigern Wirtschaftswachstum - Klamme Haushaltskassen verleiten die Verantwortlichen schnell dazu, am Kulturetat zu sparen. Das könnte sich als kontraproduktiv erweisen. Wie eine Forschergruppe um den Wirtschaftswissenschaftler Stephan Heblich vom Jenaer Max-Planck-Institut für Ökonomik herausgefunden hat, machen kulturelle Angebote Städte und Regionen interessanter für hochqualifizierte Arbeitskräfte - und fördern damit auch ein höheres Wirtschaftswachstum in der Region.

"Ist Wuppertal der Anfang vom Ende?" fragte eine Zeitungsschlagzeile Ende 2009. Hintergrund waren die massiven Einsparungen im Kulturetat der Stadt, die die Existenz des Stadttheaters gefährden. Auch die Kämmerer in Dortmund, Köln und Mülheim an der Ruhr planen 30 Prozent weniger für die Kultur. Mit mehr als 100 Euro wird jede Theaterkarte in Wuppertal bezuschusst. "Teure Elitekunst für Eingeweihte", lautet deshalb oft der Vorwurf, der aber möglicherweise zu kurz greift, wie die jüngste Studie von Stephan Heblich vom Max-Planck-Institut für Ökonomik, Michael Fritsch von der Universität Jena sowie Oliver Falck vom ifo Institut in München zeigt.

Heblich und seine beiden Kollegen werteten Regionaldaten aus Deutschland aus und stellten fest, dass die Zahl hochqualifizierter Beschäftigter, also solcher mit Universitätsabschluss, anstieg, je näher die jeweilige Region an einem barocken Opernhaus lag. Diese Hochqualifizierten wiederum haben einen starken Anteil daran, dass diese Regionen auch ein stärkeres Wirtschaftswachstum erfahren, wie Heblich erläutert: "Schätzungen zeigen, dass ein Anstieg der Beschäftigten mit einem höheren Bildungsabschluss tatsächlich das Bruttoinlandprodukt erhöhen kann. Für uns ist das ein klares Indiz für regionale Wissensflüsse, die durch Hochqualifizierte ausgelöst werden."

In der Studie hatten die Forscher 29 Opernhäuser berücksichtigt, die in den Jahren zwischen 1648 bis 1800, also vor der industriellen Revolution, erbaut wurden. Sie entstanden ganz unabhängig vom Wohlstand des jeweiligen Herzogtums und waren vornehmlich dem Prestigestreben der Herzöge oder Prinzen geschuldet. Damit konnten die Forscher nun auch methodisch nachweisen, dass das höhere Wirtschaftswachstum (gemessen am Pro-Kopf-Einkommen) in diesen Regionen nicht auf endogene Effekte zurückzuführen ist, also darauf, dass es sich hier um immer schon reichere oder gebildetere Regionen handelt, sondern dass es sich tatsächlich um einen unabhängigen exogenen Effekt handelt, ausgelöst durch das kulturelle Angebot.

Um sicher zu gehen, dass alternative Erklärungen für den beobachteten Zusammenhang zwischen einem vitalen kulturellen Umfeld und einer Konzentration hochqualifizierter Arbeitnehmerschaft auszuschließen sind, prüften die Forscher eine Vielzahl von aktuellen und historischen Faktoren - etwa religiöse Einflüsse oder die Präsenz von Universitäten. "Das Ergebnis bleibt bestehen: Ein lebendiges kuturelles Umfeld wirkt sich positiv auf das regionale Wirtschaftswachstum aus," sagt Heblich.

Damit trägt die Forschungsarbeit zur Lösung eines Henne-Ei-Problems bei, ob nämlich eine hochqualifizierte Arbeitnehmerschaft ein kulturelles Umfeld anzieht oder umgekehrt. Die Autoren konnten zeigen: Kulturförderung kann nachweislich Wirtschaftwachstum steigern.

Originalveröffentlichung:

Oliver Falck, Michael Fritsch, Stephan Heblich

The Phantom of the Opera: Cultural Amenities, Human Capital, and Regional Economic Growth.

IZA Discussion Paper No. 5065

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Stephan Heblich
Max-Planck-Institut für Ökonomik, Jena
Tel.: +49 3641 - 686 733
E-Mail: heblich@econ.mpg.de
Stephan Schütze / Petra Mader, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Ökonomik, Jena
Tel.: +49 3641 - 686 950, -960
E-Mail: presse@econ.mpg.de

Dr. Stephan Heblich | idw
Weitere Informationen:
http://goto.mpg.de/mpg/pri/20100805/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen
19.01.2017 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mikro-U-Boote für den Magen

24.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Echoortung - Lernen, den Raum zu hören

24.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

RWI/ISL-Containerumschlag-Index beendet das Jahr 2016 mit Rekordwert

24.01.2017 | Wirtschaft Finanzen