Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Männerfreundschaften als Schlüssel für die Evolution komplexer Sozialsysteme

09.09.2014

Studie des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) zeigt Toleranz und kooperative Bindungen zwischen männlichen Guineapavianen

Konkurrenzkämpfe, Drohgebärden, bestenfalls gegenseitiges Ignorieren: So oder ähnlich werden die Beziehungen zwischen männlichen Säugetieren meist beschrieben. Ganz anders die Situation beim Menschen, hier sind ausgeprägte Kooperationen und enge Bindungen auch zwischen nicht verwandten Männern weit verbreitet.


Männliche Guineapaviane (Papio papio) bei der sozialen Fellpflege (Grooming).

Foto: Julia Fischer


Männliche Guineapaviane (Papio papio) gehen enge Bindungen zu ihren Geschlechtsgenossen ein, unabhängig vom Verwandtschaftsgrad.

Foto: Julia Fischer

Vom gemeinsamen Hüttenbau bis zu den berühmt-berüchtigten Seilschaften der Dax-Vorstände gibt es unzählige Beispiele dafür, dass Freundschaften unter Männern entscheidende Vorteile mit sich bringen und eine Voraussetzung für das Gelingen der komplexen menschlichen Gesellschaften sind.

Julia Fischer und ihre Kollegen vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen haben in ihrer jetzt veröffentlichten Studie herausgefunden, dass sich männliche Guineapaviane tolerant und kooperativ gegenüber ihren gleichgeschlechtlichen Artgenossen verhalten, auch wenn sie mit diesen nicht verwandt sind.

Auf diese Weise tragen die Männchen aktiv zum Zusammenhalt der mehrschichtigen Pavian-Gesellschaft bei. Guineapaviane sind somit ein ideales Beispiel, um die soziale Evolution des Menschen zu verstehen (Patzelt et al., 2014, PNAS).

Im Rahmen der Feldstudie, die an der DPZ-Forschungsstation Simenti im Senegal durchgeführt wurde, konnte eine Population von Guineapavianen über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet werden. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass die soziale Organisation der Guineapaviane drei Ebenen umfasst. Die kleinste und gleichzeitig zentrale Einheit der Gesellschaft bilden sogenannte Parties, die drei bis vier Männchen sowie ihre jeweils ein bis fünf assoziierten Weibchen und deren Jungtiere umfasst.

Innerhalb der Parties kommt es zu den engsten sozialen Bindungen zwischen Männchen. Die nächsthöhere Ebene ist die Gang, die aus zwei bis drei Parties besteht. Auch innerhalb der Gang konnten soziale Interaktionen zwischen den männlichen Tieren beobachtet werden. Die dritte Ebene umfasst alle Tiere, die sich ein Streifgebiet teilen und wird als Community bezeichnet.

„Der Verwandtschaftsgrad hat die sozialen Interaktionen nicht beeinflusst, die Männchen gingen enge kooperative Verbindungen sowohl mit verwandten als auch nicht-verwandten Artgenossen ein“, sagt Julia Fischer, Leiterin der Abteilung Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum. Darüber hinaus zeigten die männlichen Guineapaviane sehr viel weniger rivalisierendes Verhalten untereinander sowie weniger Aggression gegenüber Weibchen als beispielsweise Bärenpaviane. Dementsprechend sind auch äußere Merkmale, die mit intrasexueller Konkurrenz in Verbindung gebracht werden, wie beispielsweise die Größe der Eckzähne oder der Hoden, bei Guineapavianmännchen im Vergleich zu anderen Arten reduziert.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine komplexe soziale Organisation mit der Entstehung und Aufrechterhaltung von Kooperationen unabhängig von den Verwandtschaftsbeziehungen einhergeht“, so Julia Fischer. Auch Menschen leben in mehrschichtigen Sozialsystemen, deren kleinste Einheiten die Familien bilden.

Innerhalb der traditionellen Gesellschaften gehen männliche Individuen unabhängig vom Verwandtschaftsgrad starke kooperative Beziehungen untereinander ein. Das Auftreten dieser Bindungen wird mit der evolutionären Entwicklung mehrschichtiger Gesellschaften in Verbindung gebracht. „Nicht-menschliche Primaten, die ebenfalls in komplexen Gemeinschaften leben, sind daher wichtige Modelle um unsere soziale Evolution zu verstehen“, sagt Julia Fischer.

In zukünftigen Studien wollen die Forscher untersuchen, welche Rolle die Weibchen bei den Männerfreundschaften spielen. Vielleicht bevorzugen sie bei der Partnerwahl gut vernetzte Männchen und tragen damit dazu bei, dass die Männerfreundschaften immer intensiver werden.

Originalveröffentlichung:
Patzelt A et al. (2014): Male tolerance and male-male bonds in a multilevel primate society. PNAS, doi:10.1073/pnas.1405811111

Kontakt:
Prof. Dr. Julia Fischer
Tel: +49 551 3851-375
E-Mail: jfischer@dpz.eu

Dr. Susanne Diederich (Kommunikation)
Tel: +49 551 3851-359
E-Mail: sdiederich@dpz.eu

 
Die Deutsches Primatenzentrum GmbH (DPZ) - Leibniz-Institut für Primatenforschung betreibt biologische und biomedizinische Forschung über und mit Primaten auf den Gebieten der Infektionsforschung, der Neurowissenschaften und der Primatenbiologie. Das DPZ unterhält außerdem drei Freilandstationen in den Tropen und ist Referenz- und Servicezentrum für alle Belange der Primatenforschung. Das DPZ ist eine der 89 Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft.

Weitere Informationen:

http://www.dpz.eu/de/startseite/einzelansicht/news/maennerfreundschaften-als-sch... - Pressemitteilung
http://medien.dpz.eu/webgate/keyword.html?currentContainerId=2321 - Druckfähige Bilder in der Mediathek

Dr. Susanne Diederich | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Massenverlust des Antarktischen Eisschilds hat sich beschleunigt
14.06.2018 | Technische Universität Dresden

nachricht Teure Flops: Nur 5% der Innovationsideen werden erfolgreich
12.06.2018 | Institut für angewandte Innovationsforschung e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Sensoren auf Gummibärchen: Team druckt Mikroelektroden-Arrays auf weiche Materialien

21.06.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics