Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Mehrheit lässt lieber den Computer entscheiden

19.03.2014

Wenn Menschen miteinander riskante Geschäfte tätigen, können sie enttäuscht werden. Deshalb überlassen sie die Entscheidung über die Aufteilung von gemeinsamem Geld lieber einem neutralen Computer als einem Geschäftspartner.

Mit dieser unbewussten Strategie vermeiden sie offenbar negative Emotionen, die mit einem möglichen Vertrauensbruch verbunden sind. Das haben Forscher der Universität Bonn mit US-Kollegen herausgefunden. Sie stellen ihre Ergebnisse im Fachjournal „Proceedings of the Royal Society B“ vor.


Am Magnetresonanztomographen: Prof. Dr. Bernd Weber vom Center for Economics and Neuroscience (CENs) der Universität Bonn. (c) Uni Bonn

Vertrauen ist eine wichtige Grundlage von Geschäftsbeziehungen. Es kann jedoch durch unredliches Verhalten eines Geschäftspartners erschüttert werden. „Jeder weiß, dass Vertrauen bei riskanten Geschäften enttäuscht werden kann“, sagt Prof. Dr. Bernd Weber vom Center for Economics and Neuroscience (CENs) der Universität Bonn.

„Das Ergebnis ist, dass man nicht so gerne vertraut.“ Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von „Betrugsaversion“: Menschen versuchen, Enttäuschungen durch einen möglichen Bruch von Vertrauen aus dem Weg zu gehen.

In einer aktuellen Studie hat Prof. Weber mit seinen US-Kollegen Prof. Dr. Jason A. Aimone von der Baylor University und Prof. Dr. Daniel Houser von der George Mason University experimentell untersucht, wie sich die Betrugsaversion bei einfachen Finanzentscheidungen auswirkt.

Insgesamt 30 Probanden führten an der George Mason University in Arlington (USA) ein Computerspiel mit der Aussicht auf echte Geldgewinne durch. Auf den Ergebnissen dieser Versuchsreihe beruhend, trafen anschließend ebenfalls 30 Testpersonen im Life & Brain Zentrum der Universität Bonn ihre Entscheidungen.

Während sie auf die zuvor in Arlington gefällten Entscheidungen ihrer Spielpartner reagierten, wurde bei den Bonner Probanden die Hirnaktivität im Magnetresonanztomographen gemessen.

Fair teilen oder einen Gewinn auf Kosten des anderen anstreben?

In dem Experiment konnten zuerst die Testpersonen in Bonn wählen, ob sie und ihre amerikanischen Mitspieler jeweils nur einen Euro bekamen oder ob sie einen höheren Geldbetrag, - nämlich 6 Euro - aufteilen lassen wollten. Letztere Variante war aber mit einem Risiko behaftet. So konnte beispielsweise der andere Mitspieler 5,60 Euro einstreichen, während man selbst in diesem Fall nur 40 Cent bekam.

Wie die Aufteilung des Geldbetrags erfolgen sollte, konnten die Teilnehmer in einem zweiten Schritt entweder ihrem jeweiligen Mitspieler oder dem Computer überlassen. Allerdings gab der Rechner genau die gleichen Entscheidungen aus, wie die realen Testpersonen. „Vom Gewinn her machte es also keinen Unterschied, ob ein Mitspieler oder der Computer die Aufteilung des Geldbetrags übernahm“, erläutert Prof. Weber. „Das haben wir zuvor den Probanden auch explizit mitgeteilt.“

Obwohl die Gewinne im Ergebnis genau gleich waren, vertrauten mehr Probanden dem Computer als einem Mitspieler: Wenn der Rechner die Geldaufteilung durchführte, vertrauten ihm 63 Prozent der Probanden, lediglich 37 Prozent nahmen lieber nur den einen Euro. War aber festgelegt, dass der menschliche Mitspieler die Wahl selbst treffen würde, schenkten ihm nur 49 Prozent der Testpersonen ihr Vertrauen – 51 Prozent nahmen lieber den sicheren kleinen Geldbetrag.

„Die Resultate zeigen, dass mehr Probanden die riskante Entscheidung, möglicherweise betrogen zu werden, lieber einer unpersönlichen Instanz überlassen und damit das negative Gefühl umgehen, dem Menschen fälschlicherweise vertraut zu haben“, sagt Prof. Weber. Offenbar sei es emotional weniger belastend, wenn ein Vertrauensbruch durch einen unpersönlichen Computer erfolgt als durch einen persönlichen Geschäftspartner.

Die „vordere Inselregion“ im Gehirn war besonders aktiv

Interessant waren auch die bei den Probanden der Universität Bonn im Magnetresonanztomographen gemessenen Gehirnaktivitäten: Bei den Finanzentscheidungen war die sogenannte „vordere Inselregion“ besonders aktiv, wenn ein Mitspieler über die Aufteilung des Geldbetrags entschied. „Diese Gehirnstruktur ist immer dann gefragt, wenn negative Emotionen wie Schmerz, Enttäuschung oder Angst angesprochen werden“, erklärt Prof. Weber. Die Aktivierung der „vorderen Inselregion“ sei ein deutlicher Hinweis darauf, dass negative Emotionen in diesen Situationen eine große Rolle spielten.

Finanzentscheidungen verlaufen sehr komplex. „Wir haben es hier mit sehr gegenläufigen Phänomen zu tun: Viele Studien zeigen, dass die Anonymität von Geschäftspartnern im Internet zu einem Vertrauensverlust führt“, sagt Prof. Weber. „Unsere Ergebnisse weisen jedoch darauf hin, dass die Anonymität auch negative Gefühle vermeiden hilft.“ Diese Entscheidungsprozesse bei Finanzgeschäften müssten nun noch genauer untersucht werden.

Publikation: Neural Signatures of Betrayal Aversion: An fMRI Study of Trust, Proceedings of the Royal Society B, DOI: 10.1098/rspb.2013.2127

Kontakt:

Prof. Dr. Bernd Weber
Center for Economics and Neuroscience
und Life & Brain Zentrum
der Universität Bonn
Tel. 0228/6885262
E-Mail: bernd.weber@ukb.uni-bonn.de

Johannes Seiler | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Verstädterung wird 300.000 km2 fruchtbarsten Ackerlands verschlingen
27.12.2016 | Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie