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Depressionen: Neue Therapie gibt Anlass zu Hoffnung

18.04.2007
Eine Studie der Unikliniken Bonn und Köln gibt Menschen mit therapieresistenten Depressionen Anlass zur Hoffnung: Die Mediziner haben zwei Männer und eine Frau mit der so genannten tiefen Hirnstimulation behandelt.

Alle drei Patienten litten unter jahrelangen schwersten Depressionen, die sich weder mit Medikamenten noch durch andere Therapien in den Griff bekommen ließen. Während der Stimulation verbesserte sich das Befinden bei zwei der drei Probanden innerhalb weniger Tage. Erste Änderungen waren schon nach Minuten feststellbar. Die Forscher warnen angesichts der kleinen Fallzahl vor übertriebenen Hoffnungen. Dennoch sind die Ergebnisse der Vorstudie so Aufsehen erregend, dass sie nun in der renommierten Zeitschrift Neuropsychopharmacology veröffentlicht wurden (doi: 10.1038/ sj.npp.1301408).

Bei der tiefen Hirnstimulation werden Elektroden gezielt in bestimmte Hirngebiete implantiert und über einen elektrischen Pulsgeber gereizt. Bislang kommt das Verfahren vor allem bei der Behandlung von Parkinson zum Einsatz. Zur Zeit wird erforscht, ob es auch bei gewissen psychiatrischen Erkrankungen wie Zwangskrankheiten hilft. Erste Studien mit weltweit etwa zwei Dutzend Patienten zeigen zudem, dass es eventuell auch bei schwersten Depressionen eine Wirkung haben könnte.

Die bisherigen Untersuchungen konzentrierten sich vor allem auf zwei bestimmte Gehirnzentren. "Wir haben dagegen eine dritte Region stimuliert, den so genannten Nucleus accumbens", erklärt der Bonner Psychiatrie-Professor Thomas E. Schläpfer, der die Studie zusammen mit seinem Kollegen Professor Dr. Volker Sturm vom Uniklinikum Köln geleitet hat. Der Nucleus accumbens ist ein wichtiger Teil des so genannten "Belohnungssystems": Es sorgt dafür, dass wir uns gute Erfahrungen merken, und versetzt uns in einen Zustand der Vorfreude. Ohne Belohnungssystem würden wir keine Zukunftspläne schmieden - eben weil wir die Früchte dieser Pläne nicht genießen könnten. "Inaktivität und Genussunfähigkeit sind zwei wichtige Kennzeichen einer Depression", betont Professor Schläpfer: "Die Vermutung liegt also nahe, dass der Nucleus accumbens bei der Entstehung der Krankheit eine Schlüsselrolle spielt."

Erste Wirkungen Minuten nach Therapiebeginn

Die Mediziner berichten in ihrer Studie über zwei Männer und eine Frau, die bereits seit vielen Jahren unter schwersten Depressionen litten. Die Forscher implantierten Elektroden in den Nucleus accumbens, die sie über einen elektrischen Pulsgeber in der Brust reizen konnten. Der Effekt war teilweise sofort spürbar: "Einer der Patienten äußerte schon eine Minute nach Beginn der Stimulation den Wunsch, den Kölner Dom zu besteigen, und setzte ihn am nächsten Tag in die Tat um", sagt Schläpfer. "Ganz ähnlich die behandelte Frau: Sie sagte, es würde ihr wieder Spaß machen, Kegeln zu gehen." Eine direkte Aufhellung ihrer Stimmung verspürten die Patienten dagegen nicht. Sie konnten auch nicht sagen, ob der Pulsgeber an- oder ausgeschaltet war.

In den ersten Tagen der tiefen Hirnstimulation verbesserten sich die Depressionssymptome bei zwei der drei Patienten deutlich. Ihr Zustand blieb konstant, solange die Behandlung lief. Sobald der Pulsgeber ausgeschaltet wurde, kehrte die Depression jedoch mit voller Macht zurück. "Die wieder aufgetretenen Symptome waren so belastend, dass wir es ethisch nicht vertreten konnten, die Behandlung so lange wie ursprünglich geplant auszusetzen", betont Professor Schläpfer.

Während Psychopharmaka generell in die Hirnbiochemie eingreifen, wirkt die tiefe Hirnstimulation lokal in den betroffenen Zentren. Die Mediziner beobachteten denn auch keine Nebenwirkungen, wie sie nach der Gabe von Antidepressiva auftreten können. Die Patienten klagten lediglich nach der Operation über Wundschmerzen. Auch langfristig scheint die tiefe Hirnstimulation keine größeren Risiken zu bergen: Es gibt Parkinson-Patienten, die seit mehr als zehn Jahren einen derartigen "Hirnschrittmacher" mit sich herumtragen, ohne über Probleme zu klagen.

"Vorläufige Ergebnisse"

Die Wissenschaftler warnen dennoch vor übertriebenen Hoffnungen: "Es handelt sich bei diesen wenigen Patienten natürlich nur um sehr vorläufige Ergebnisse", sagt Schläpfer. "Unsere Folgeuntersuchungen zeigen schon jetzt, dass mit Sicherheit nicht jeder Patient auf diese Therapie anspricht." Auch müsse man bei Eingriffen ins Gehirn in besonderer Weise ethische Faktoren abwägen - nicht zuletzt, weil eine solche Operation immer riskant sei. Deshalb hätten auch besonders hohe Anforderungen in Bezug auf die Studieneinwilligung der Patienten gegolten. "Eines zeigen unsere und andere Studien aber schon jetzt: Die tiefe Hirnstimulation kann bei manchen Menschen mit Depressionen helfen - selbst in Fällen, die bislang als therapieresistent galten."

Kontakt:
Professor Dr. Thomas E. Schläpfer
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn
Telefon: 0228/287-15715
E-Mail: schlaepf@jhmi.edu

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

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