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Medikamentenentsorgung in deutschen Haushalten

01.11.2006
Wissenschaftler des Frankfurter Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) haben innerhalb eines vom BMBF geförderten Projekts zum Umgang mit Arzneimittelwirkstoffen im Trinkwasser die Entsorgungswege nicht verbrauchter Medikamente erfasst. In einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage wurden im Juli 2006 1.977 Personen über 18 Jahre zu ihrem Entsorgungsverhalten befragt.
Ziel der Befragung war es, erstmalig eine gesicherte Datenlage zur Entsorgung von unverbrauchten Medikamenten über die häuslichen Abwässer zu erheben.

Arzneimittelwirkstoffe werden in den letzten Jahren immer häufiger in Flüssen, im Grundwasser und vereinzelt auch im Trinkwasser nachgewiesen.

In Deutschland lässt sich ein breites Spektrum von Wirkstoffen mittlerweile in nahezu allen Oberflächengewässern finden. Der Haupteintrag erfolgt über die kommunalen Kläranlagen: Nach der Einnahme werden die Wirkstoffe zum Teil unverändert ausgeschieden und gelangen so in die Abwässer. "Inwieweit jedoch auch die unsachgemäße Entsorgung von Medikamentenresten über Toilette oder Spüle zu den gemessenen Umweltkonzentrationen beiträgt, ist für Deutschland bisher weitgehend ungeklärt - aussagekräftige Daten zum Entsorgungsverhalten der Bevölkerung liegen kaum vor.", betont Projektleiter Dr. Florian Keil vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE). "Aus diesem Grund hat das Forschungsprojekt start im Juli 2006 eine empirische Studie durchgeführt, die die Entsorgungswege nicht verbrauchter Medikamente detailliert erfasst."

Entsorgungsroutinen

Die bevölkerungsrepräsentative bundesweite Befragung von 1.977 Personen über 18 Jahren zeigt, dass bei mehr als 90% der Befragten Medikamente im Haushalt vorhanden sind. Ungefähr die Hälfte der Befragten hat dabei einen Vorrat von 6 bis 20 Medikamenten in der Hausapotheke. Rund 75% der Befragten haben gewisse Entsorgungsroutinen ausgebildet und räumen regelmäßig mindestens einmal oder häufiger pro Jahr ihre Hausapotheke auf bzw. betreiben erst gar keine Medikamenten-Vorratshaltung, sondern entsorgen ihre nicht verbrauchten Medikamente sofort.

Entsorgung über die Toilette

Der Anteil an Personen, die nicht verbrauchte Tabletten über die Toilette entsorgen, liegt bei insgesamt 16% (davon tun 3% dies immer oder häufig und 13% manchmal oder selten). Dagegen werden Reste von flüssigen Arzneimitteln wesentlich häufiger über die häuslichen Abwässer entsorgt: Insgesamt 43% der Befragten geben an, dass sie dies zumindest gelegentlich tun, während nahezu 20% die flüssigen Arzneimittelreste immer oder häufig über die Spüle oder die Toilette entsorgen. Grund für diesen hohen Anteil - auch dies bestätigt die Befragung - ist die stark ausgeprägte Glas-Recyclingbereitschaft deutscher Haushalte. Im Zuge der getrennten Entsorgung der Glasbehälter werden diese vorab entleert und ausgespült.

Entsorgung über Apotheken oder Restmüll

Die allgemein geltende Empfehlung, nicht verbrauchte Medikamente in der Apotheke abzugeben, hat für zwei Drittel der Befragten Handlungsrelevanz wobei jedoch lediglich 29% immer so mit nicht verbrauchten Medikamenten verfahren. Die Entsorgung von Medikamentenresten samt Verpackung über den Restmüll wird von 16% der Befragten immer oder häufig betrieben, während 27% dies immerhin manchmal oder selten tun.

"Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass die unsachgemäße Entsorgung von unverbrauchten Medikamenten über die häuslichen Abwässer in deutlichem Umfang erfolgt.", erläutert Projektleiter Dr. Florian Keil. "Die erhobenen Daten legen die Vermutung nahe, dass der direkte Eintrag der Arzneimittelwirkstoffe in den Abwasserstrom einen nicht zu vernachlässigenden Anteil an den gemessenen Konzentrationen in den Gewässern darstellt. Eine genauere Bestimmung dieses Anteils ist jedoch insbesondere wegen der unzureichenden Datenlage bei Produktions- und Verbrauchsmengen für einzelne Wirkstoffe nur unter erheblichen Unsicherheiten möglich. Die Erhebung zeigt aber auch, dass in der Bevölkerung Unklarheit über die sachgemäße Entsorgung von nicht verbrauchten Arzneimitteln besteht." Vor allem erscheint es den Wissenschaftlern daher geboten, eine verbesserte öffentliche Kommunikation zum richtigen Umgang mit Medikamentenresten zu erreichen. Sie kann ein einfaches aber wirksames Instrument zur Verringerung von Gewässerbelastungen mit Arzneimittelwirkstoffen sein. "Strategien zur Reduktion von Arzneimittelwirkstoffen im Wasserkreislauf müssen aber über eine verbesserte öffentliche Kommunikation hinausgehen.", betont Keil.

Das Forschungsprojekt "Strategien zum Umgang mit Arzneimittelwirkstoffen im Trinkwasser - start" verfolgt daher das Ziel, vorsorgende Handlungsstrategien zu entwickeln, die das gesamte Spektrum der relevanten gesellschaftlichen Akteure erfassen. Dabei werden die Einsatzmöglichkeiten innovativer Abwasserreinigungs- und Trinkwasseraufbereitungsverfahren und Maßnahmen zur Änderung von Verschreibungspraktiken, Gebrauchs- und Entsorgungsmustern von Medikamenten ebenso untersucht wie die Potenziale eines nachhaltigen Wirkstoffdesigns. Die Entwicklung der Handlungsstrategien erfolgt in Kooperation mit Praxispartnern aus pharmazeutischer Industrie, Wasserwirtschaft, Ärzte- und Apothekerverbänden, Krankenkassen, Verbraucherverbänden und Behörden.

start ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Frankfurt am Main, dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Forschungszentrum Karlsruhe, dem Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg sowie der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main mit den Fachbereichen Geowissenschaften/Geographie und Biowissenschaften. Das Forschungsvorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Förderschwerpunkt "Sozial-ökologische Forschung" gefördert.

Die abgebildeten Grafiken stehen Ihnen als druckfähige Dateien zum Download auf unseren Webseiten zur Verfügung: http://www.isoe.de/oeffen/oefarch/presse/PM0906_grafiken.htm

Bitte nennen Sie als Quelle: Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)

Pressekontakt:
Michaela Kawall
Wissenskommunikation & Öffentlichkeitsarbeit
Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE)
Hamburger Allee 45
60486 Frankfurt am Main
Tel.: 069 - 707 69 19 - 30
Fax: 069 - 707 69 19 - 11
E-Mail: kawall@isoe.de

Michaela Kawall | idw

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