Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stirnlappen kontrolliert den Egoismus

06.10.2006
Wissenschaftler der Universität Zürich weisen erstmals die kausale Rolle des vorderen Stirnlappens bei der Kontrolle egoistischer Impulse nach. Einem Forschungsteam mit dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Ernst Fehr und der Hirnforscherin Daria Knoch ist es gelungen, den Stirnlappen mit Magnetstimulation kurzfristig zu beeinflussen. Wurde dessen Erregbarkeit vermindert, nahm die reziproke Fairness der Probanden ab. Die Studie wurde am Donnerstag, 5. Oktober 2006, in "Science" publiziert.

Zivilisiertes menschliches Zusammenleben setzt die Einhaltung elementarer sozialer Normen wie Fairness, Kooperation, Höflichkeit oder Ehrlichkeit voraus. Die Einhaltung solcher Normen wird unter anderem durch die Zivilcourage unserer Mitmenschen sichergestellt, die bereit sind, Normverletzern entgegenzutreten und sie gegebenenfalls auch zu bestrafen. Die Einzigartigkeit menschlicher Gesellschaften beruht darauf, dass viele Menschen die Bereitschaft zu reziproker Fairness haben, d.h. bereit sind, auf die Verletzung von Fairnessnormen mit Sanktionen zu reagieren.

Allerdings ist die Bestrafung unfairen und unkooperativen Verhaltens in aller Regel auch für den Bestrafenden nicht kostenlos. So kann die Kritik unfairer Praktiken eines Geschäftspartners den Verlust profitabler Geschäfte mit sich bringen. Die offene Kritik unethischer Praktiken von Arbeitskollegen kann zum Verlust des Arbeitsplatzes führen. Zivilcourage und faires Verhalten stehen deshalb häufig im Widerspruch zum ökonomischen Eigennutz und verlangen die Kontrolle und Unterdrückung egoistischer Impulse.

Wie kontrolliert das Gehirn den Eigennutz?

Wie reguliert nun das menschliche Gehirn die Kontrolle eigennütziger Impulse? Wie schaffen es die Menschen, durch Selbstkontrolle die ungehemmte Auslebung des Eigennutzes zu verhindern? Welche neuronalen Prozesse liegen der Selbstkontrolle zugrunde? Einem Forschungsteam der Universität Zürich um den Wirtschaftswissenschaftler Prof. Ernst Fehr und die Hirnforscherin Daria Knoch in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Kollegen Alvaro Pascual-Leone (Harvard University) ist es jetzt gelungen, diese Fragen zu beantworten.

Bis dahin liessen Studien mit bildgebenden Verfahren vermuten, dass der vordere Stirnlappen - der evolutions- und individualgeschichtlich am spätesten ausreift - an der Ausübung von Selbstkontrolle beteiligt ist. Aber noch niemand konnte zeigen, dass diese Aktivierung mit der Ausübung von Selbstkontrolle in einem ursächlichen Zusammenhang steht.

Aus diesem Grund bedienten sich die Zürcher Wissenschaftler der Methode der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS). Diese Methode erlaubt eine schmerzfreie, nicht-invasive, und kurzzeitige Minderung der Erregbarkeit des stimulierten Gehirnrindenareals. Dabei kann das Verhalten von freiwilligen Versuchspersonen untersucht werden, wenn diese vor der Entscheidung stehen, das unfaire Verhalten eines Partners in einem Verhandlungsexperiment auf eigene Kosten zu bestrafen. Da die Bestrafung mit Kosten verbunden ist, muss die Versuchsperson, wenn sie bestrafen will, den materiellen Eigennutz überwinden bzw. unter Kontrolle halten.

Reduzierte Kontrolle

Es zeigte sich, dass Probanden, bei denen die Erregbarkeit des vorderen Stirnlappens vermindert wurde, ihren Eigennutz weit weniger kontrollieren konnten als Probanden, bei denen die Erregbarkeit des vorderen Stirnlappens nicht verändert wurde. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass alle Probanden - unabhängig davon ob ihr vorderer Stirnlappen stimuliert wurde oder nicht - das Verhalten des Verhandlungspartners als sehr unfair beurteilten. Die verminderte Erregbarkeit des vorderen Stirnlappens hat demnach nicht die Fairnessurteile verändert, sondern die Fähigkeit reduziert, den materiellen Eigennutz im Dienste der Fairness zu unterdrücken.

Ernst Fehr, Direktor des universitären Forschungsschwerpunktes zur Erforschung der Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens an der Universität Zürich, stellt daher mit Befriedigung fest: "Mit dieser Studie ist es erstmalig gelungen, die kausale Rolle des vorderen Stirnlappens bei der Implementierung von Fairnessnormen nachzuweisen und die Kontrolle eigennütziger Impulse, die für unser Sozialverhalten eine Schlüsselrolle spielt, durch Magnetstimulation zu modulieren."

Erklärung für jugendliche Eigennützigkeit

Befürchtungen über eine missbräuchliche Anwendung von rTMS müssen laut der Neurowissenschaftlerin Daria Knoch aber nicht bestehen, da der rTMS-Effekt nur von sehr kurzer Dauer ist und ein Einverständnis der zu stimulierenden Person voraussetzt. Die Resultate sind laut Knoch auch im Lichte der Gehirnentwicklung Heranwachsender interessant. So hat der vordere Stirnlappen bei Teenagern und Jugendlichen seinen vollen Funktionsumfang noch nicht erreicht, was deren oft durch Impulse und unmittelbaren Eigennutz gekennzeichnetes Verhalten erklären könnte.

Kontakte:

Prof. Ernst Fehr, Direktor des Universitären Forschungsschwerpunktes "Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens", Universität Zürich
Tel. 0041 44 634 37 09
E-Mail: efehr@iew.unizh.ch
Daria Knoch, Universitärer Forschungsschwerpunkt "Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens", Universität Zürich
Tel. 0041 44 634 48 09
E-Mail: dknoch@iew.unizh.ch

Beat Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.unizh.ch/

Weitere Berichte zu: Erregbarkeit Selbstkontrolle Stirnlappen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise