Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Energie vom Acker - für Landwirte ein lohnendes Geschäft

26.06.2006
Produzenten von Biokraftstoffen stehen gute Zeiten bevor - zumindest wenn ihnen der Fiskus nicht doch noch Steine in den Weg legt. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler der Universität Bonn in einer aktuellen Studie. Darin haben sie untersucht, unter welchen Voraussetzungen sich der Anbau von Energiepflanzen für nordrhein-westfälischen Landwirte rentiert. Ergebnis: Vor allem die Produktion von Biogas, Pflanzenöl und Rapsölmethylester (RME) - auch Biodiesel genannt - verspricht hierzulande gute Erträge. Bei richtiger steuerlicher Weichenstellung könnte der Boom auch in Zukunft anhalten.

Jeder Besitzer eines Dieselfahrzeugs in Deutschland hat wohl schon einmal unbewusst Biodiesel getankt: Drei bis fünf Prozent RME setzt die Mineralölwirtschaft inzwischen ihrem Dieselkraftstoff zu - nicht, weil sie dazu gesetzlich verpflichtet ist, sondern absolut freiwillig. Grund ist die Steuerbefreiung, die bislang für Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen gilt. "Sie macht Biodiesel für die Ölkonzerne vergleichsweise kostengünstig", sagt Thomas Breuer vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität Bonn. Da es den Motoren überdies egal ist, wenn sie neben dem Diesel zu einem geringen Prozentsatz chemisch veredeltes Salatöl verfeuern, steht einer Beimischung auch technisch nichts im Wege.


Raps als Diesel-Ersatz? Experten bescheinigen der Ölpflanze ein großes Potential (c) Dr. Thomas Mauersberg / Universität Bonn


Raps als Diesel-Ersatz? Experten bescheinigen der Ölpflanze ein großes Potential (c) Dr. Thomas Mauersberg / Universität Bonn

Zwar ist es mit der Steuerfreiheit wohl bald vorbei: Nach den Plänen der Bundesregierung sollen künftig beim Verkauf eines Liters Biodiesel 9 Cent für den Fiskus fällig werden. Gleichzeitig wird aber für die Ölkonzerne die Beimischung von mindestens 4,4 Prozent RME zum Dieselkraftstoff Pflicht. "Zudem soll zumindest das reine Rapsöl bis 2008 steuerfrei bleiben", sagt Breuer. Gut für die Landwirte: "Die Rapspreise zeigen steigende Tendenz", erklärt Breuer. "Und dieser Boom dürfte vorerst anhalten, wenn der gesetzliche Rahmen so bleibt."

Rapsöl: Die Bayern haben's besser

Aus Sicht der Landwirte sind die Bedingungen für Rapsöl in Bayern besonders gut: Dort gibt es nur wenige große zentrale Rapsmühlen. Viele Bauern im Freistaat pflanzen daher nicht nur Raps, sondern erledigen auch das Pressen der Ölsaat. "Dabei sind die Wertschöpfungspotenziale am größten", sagt Breuer. "Die relativ geringen Investitionen, die für eine dezentrale Rapsmühle anfallen, sind schnell wieder eingespielt." Konkurrenzfähig sind diese dezentralen Anlagen aber nur dann, wenn nicht die nächste Großpresse direkt vor der Haustür steht. In Nordrhein-Westfalen mit seinen vier zentralen Ölmühlen lohnt es sich daher nur an wenigen Standorten, den Raps selbst zu pressen.

Zudem müssen sich deutsche Rapsbauern gegenüber dem Weltmarkt preislich behaupten - ein Druck, dem beispielsweise Biogas-Produzenten nicht ausgesetzt sind. Deren Anlagen werden nämlich vor allem mit Gülle und Energiemais gefüttert - also Ausgangsstoffen, die aus der Region kommen müssen, da ihr Transport zu kostenaufwändig wäre. Zudem holt eine Biogasanlage aus einem Hektar Fläche fünfmal soviel Energie wie eine Rapspresse.

Richtig rentabel wird eine Biogasanlage aber erst ab einer gewissen Größe. "Die Kosten gehen für eine moderne Anlage schnell in die Millionen", erklärt Thomas Breuer. Zumal das Gas noch in Strom umgewandelt werden muss, bevor der "Energiewirt" kassieren kann. Bis zu 11,5 Cent pro Kilowattstunde garantiert der Gesetzgeber den Betreibern momentan, dazu kommt ein etwa halb so hoher Bonus, falls die Anlage ausschließlich nachwachsende Rohstoffe vergärt. Moderne Biogas-Kraftwerke heizen durch ihre Abwärme zudem gleich noch das benachbarte Schwimmbad mit. Für dieses Feature - Kraft-Wärme-Kopplung genannt - gibt es noch einmal 2 Cent mehr. "Diese Anlagen sind aufgrund des hohen Wirkungsgrades natürlich besonders rentabel und umweltfreundlich", weiß Breuer.

Vor allem in Pflanzenöl, Biodiesel und Biogas sieht der Agrarökonom eine zukunftsträchtige Chance für die deutsche Landwirtschaft. Und zwar eine, von der die Bundesrepublik insgesamt profitieren kann, löst sie doch gleich drei Probleme auf einen Streich: Erstens sinkt damit die Abhängigkeit von ausländischen Erdöl- und Erdgas-Lieferungen, zweitens schützt die Energieerzeugung aus Biomasse das Klima. Und drittens bietet diese Strategie einen Ausweg aus der EU-weiten Nahrungsmittel-Überproduktion: Statt Flächen einfach stillzulegen, können Landwirte sie mit Energiepflanzen bebauen und sich damit neue Einkommenspotenziale erschließen. "Auf unsere Landwirte kommen damit aber auch völlig neue Herausforderungen zu", betont Breuer. So erfordere eine Biogasanlage ein entsprechendes technisches wie ökonomisches Know-how. "Leider gibt es für dieses zukunftsträchtige Feld noch nicht genügend Ausbildungs- und Beratungsangebote."

Letztlich könnte der Boom aber auch für denjenigen Bauern helfen, die gar keine Energiepflanzen anbauen: "Die Konkurrenz um Agrarflächen wird zunehmen", erwartet Breuer. "Und damit könnten auch die Lebensmittelpreise langfristig wieder steigen."

Kontakt:
Thomas Breuer
Telefon: 0228/73-2325
E-Mail: thomas.breuer@ilr.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Biodiesel Biogasanlage Energiepflanze Landwirt RME

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics