Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie zur Organspende: "Im Prinzip schon, aber ?"

12.04.2006


Universität Leipzig veranstaltete Repräsentativerhebung zu möglichen Regelungen



Seit Jahren entwickelt sich die Organtransplantation zur optimalen Therapie bei endgültigem Organversagen. Dem stetig wachsenden Bedarf steht allerdings eine stagnierende Spendebereitschaft gegenüber. Um diesen Organmangel zu beheben, werden immer wieder die verschiedensten Lösungen diskutiert. Wissenschaftler der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig widmeten diesem Thema eine Studie, für die sie ein unabhängiges Meinungsforschungsinstitut (USUMA) mit einer Repräsentativerhebung unter 1000 Deutschen beauftragten.



Zur Organspende grundsätzlich bereit wären 60%

Bisher gilt, dass die Organentnahme nach der Todesfeststellung erfolgen kann, wenn der Spender zu Lebzeiten seine Einwilligung gegeben hat. Diese Einwilligung liegt bei 14 Prozent der Befragten vor, sie haben einen Spendeausweis. Zur Organspende grundsätzlich bereit wären 60 Prozent, immerhin 19 Prozent lehnen die Spende grundsätzlich ab. Da die Warteliste wächst und wenig aktive Spender zur Verfügung stehen, stellt sich die Frage, wie die 60 Prozent zu erreichen sind, die bisher als "passive Organspender" gelten können. "Erwogen wird, die Zustimmungsregelung im Transplantationsgesetz von 1997 zu überarbeiten oder ein Anreizsystem zu schaffen. Doch gesetzliche Veränderungen können nicht getroffen werden", so der Psychologe Dr. Oliver Decker, "ohne die öffentliche Meinung zu dieser Problematik zu kennen."

Knapp die Hälfte der Befragten: Menschen mit Spendebereitschaft bevorzugen

Der erste Untersuchungskomplex der Studie "Einstellung der Deutschen zur postmortalen Organspende und zur Lebensspende / Geschlechterunterscheide in der Einstellung" wandte sich der Verpflanzung von Organen Verstorbener zu. Von den genannten möglichen Modellen fand (bei möglicher Mehrfachnennung) das bestehende bei 87 Prozent der Befragten Zustimmung. Doch auch andere Lösungen wurden von der Mehrzahl positiv bewertet: 72 Prozent der Befragten akzeptieren eine Spende, wenn der Verstorbene nicht widersprochen hatte und seine Angehörigen einverstanden sind. 59 Prozent der Befragten hielten es auch für möglich, dass jeder mit Volljährigkeit im Personalausweis vermerken sollte, wie er zur Organspende steht ("Zwang zur Entscheidung"). Wege, die eine Organentnahme immer ermöglichen, fanden hingegen mit unter 40 Prozent weniger Anhänger. Nur knapp die Hälfte der Befragten fand es erwägenswert, jene Menschen, die bereit sind, Organe zu spenden, im Krankheitsfall bevorzugt mit Organen zu versorgen oder sie materiell, beispielsweise bei der Beerdigung, zu unterstützen.

Freiwilligkeit der Lebendspende prüfen

Der zweite Untersuchungskomplex widmete sich der Lebendspende, wie sie bei Niere und Leber möglich ist. Um das Lebendspendeaufkommen zu erhöhen, wird überlegt, die Zugangsvoraussetzungen zu senken. So wird diskutiert, wie in manchen europäischen Ländern üblich, auch Fremden spenden zu können. Die Umfrage erbrachte, dass 78 Prozent der Menschen der Meinung sind, dass auch unbekannte Menschen einander spenden dürfen. Allerdings ist es der deutschen Bevölkerung wichtig, dass die bisherigen Verfahren zum Ausschluss des Organhandels und die psychologische Begutachtung erhalten bleiben. So forderten 95 Prozent, dass die Freiwilligkeit der Spende nach wie vor geprüft werden muss. 21 Prozent wollten dem Empfänger die Möglichkeit einräumen, dem Spender eine Entschädigung zu zahlen. 59 Prozent halten eine Anerkennung des Spenders durch die Krankenkasse für angezeigt.

Gefragt wurde auch nach der Bereitschaft, selbst lebend Organe zu spenden. Wenn die eigenen Kinder sie nötig hätten, beträgt sie 99 Prozent, im Falle von Lebenspartnern 96 Prozent, von Eltern 94 Prozent, von guten Freunden 75 Prozent, von anderen Verwandten 68 Prozent und von gänzlich Unbekannten 33 Prozent.

Frauen spenden, Männer erhalten Organe

Insbesondere die Lebendorganspende führt zu einem Phänomen, das nicht nur in Deutschland beobachtbar ist: Frauen spenden, Männer erhalten Organe. Die Studie der Leipziger Forscher erbrachte beispielsweise, dass 23 Prozent der Männer aber nur 17 Prozent der Frauen eine Organspende generell ablehnen. 40 Prozent der Frauen aber nur 32 Prozent der Männer haben sich jemals über eine Lebendorganspende Gedanken gemacht. Auch die Überlegung, dass jemand, der bereit, ist Organe zu spenden, davon Vorteile wie die bevorzugte Zuteilung eines Spenderorgans im Notfall, hat, kommt bei Frauen (42 Prozent) noch schlechter an als bei Männern (54 Prozent). Umso verblüffender allerdings die Tatsache, dass etwas mehr Männer als Frauen ihrem Kind oder Ihrer Partnerin spenden würden. Erst bei anderen Verwandten, Freunden und Fremden zeigen sich die Männer zurückhaltender, hier geben die Frauen deutlich höhere Spendebereitschaft an. Ein Ergebnis, das mit der klinischen Praxis übereinstimmt.

Keine Veränderung der aktiven Spendebereitschaft

"Trotz der in den letzten Jahren intensiven Bemühung um Aufklärung der Bevölkerung, scheint sich hier keine Veränderung in der aktiven, durch einen Ausweis belegten Spendebereitschaft zu ergeben", resümiert Decker. "Allerdings ist auch deutlich, dass der Anteil derjenigen, die grundsätzlich zur Spende bereit sind, also die passive Spendebereitschaft, sehr hoch ist. Immerhin über 60 Prozent der Testpersonen bekundeten dies während der Befragung, hatten es aber nirgendwo registrieren lassen. Nur wenige lehnen die Organspende aus grundsätzlichen Erwägungen heraus ab. Hier könnte man ansetzen und über die entsprechenden Regelungen die real vorhandene Bereitschaft wirksam und damit lebensrettend werden lassen."

Marlis Heinz

weitere Informationen:
Dr. Oliver Decker
Telefon: 0341 97-18802
E-Mail: oliver.decker@medizin.uni-Leipzig.de
www.uni-leipzig.de/~decker

Prof. Dr. Elmar Brähler
Telefon: 0341 97-18800
E-Mail: elmar.braehler@medizin.uni-leipzig.de
www.uni-leipzig.de/~medpsy

Dipl. Psych. Merve Winter
E-Mail: merve.winter@uni-due.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Organ Organspende Spende Spendebereitschaft Spender

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Innovationsindikator 2017: Deutschland auf Platz vier von 35, bei der Digitalisierung nur Rang 17
24.07.2017 | acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

nachricht Personalisierte Medizin – Ein Schlüsselbegriff mit neuer Zukunftsperspektive
14.07.2017 | Institut für Bioprozess- und Analysenmesstechnik e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu Sprachdialogsystemen und Mensch-Maschine-Kommunikation in Saarbrücken

24.07.2017 | Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Power-to-Liquid: 200 Liter Sprit aus Solarstrom und dem Kohlenstoffdioxid der Umgebungsluft

24.07.2017 | Energie und Elektrotechnik

Innovationsindikator 2017: Deutschland auf Platz vier von 35, bei der Digitalisierung nur Rang 17

24.07.2017 | Studien Analysen

Netzwerke statt Selbstversorgung: Wiesenorchideen überraschen Bayreuther Forscher

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie