Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Arbeitssucht: Unternehmen zwischen Dealertum und Risiko

15.12.2005


Der Begriff Arbeitssucht ist gesellschaftlich positiv belegt. Die Bremer Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Meißner hat jetzt eine Studie vorgelegt, die Zweifel anmeldet. Arbeitssucht kann ab einem bestimmten Grad durch hohe Fehlerquoten, Fehlzeiten oder personelle Querelen für ein Unternehmen durchaus kontraproduktiv sein. Ihr Fazit: Kein Unternehmen kann es sich leisten, Arbeitssucht zu leugnen. Sie muss in das Personalrisikomanagement aufgenommen werden.



Arbeitssucht ist positiv belegt. Der Begriff wird häufig mit Karriere, Prestige, Leistungsfähigkeit, Produktivität und damit verbundene Anerkennung in Zusammenhang gebracht. Die Möglichkeit wird ausgeschlossen oder tabuisiert, dass Arbeit einen pathologischen Suchtzustand auslösen kann. Bringen Arbeitssüchtige tatsächlich den vermeintlich erwarteten "Nutzen" für die Unternehmen und welche Risiken birgt die Beschäftigung Arbeitssüchtiger? Diesen Fragen geht die Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Meißner von der Universität Bremen Meißner in ihrer Studie "Die "Droge" Arbeit: Unternehmen als "Dealer" und als Risikoträger - Personalwirtschaftliche Risiken der Arbeitssucht" nach. Das Ergebnis: Meißner stellt die Produktivität Arbeitssüchtiger in Frage und zeigt einen erheblichen Nachholbedarf zur weiteren wissenschaftliche Untersuchungen im medizinischen, sozial- und betriebswirtschaftlichen Bereich auf. Arbeitssucht sollte als Krankheit gesellschaftlich wahrgenommen werden, um somit die Grundvoraussetzung zu einer ernsteren Auseinandersetzung der Gesellschaft mit dieser Thematik zu erreichen. Die Untersuchung wurde von Professor Holger Heide, Leiter des Instituts für sozialökonomische Handlungsforschung der Universität Bremen, begleitet. Er gilt als einer der führenden Arbeitssucht-Experten in Deutschland.



Aus betrieblicher Sicht erbringen "Workaholics" oft bis zu einem gewissen Grad einen positiven Nutzen für Unternehmen. Doch wann bricht diese Nutzenkurve ab und schadet dem Betrieb? Eine Annäherung an die Beantwortung dieser Frage erscheint über das Personalrisikomanagement möglich. In ihrer Studie zeigt Meißner die potenziellen betriebswirtschaftlichen und insbesondere die personalwirtschaftlichen Risiken im Zusammenhang mit arbeitssüchtigen Mitarbeitern auf. Untermauert werden die Ergebnisse durch eine Befragung von Personalmanagern aus Industrie, Dienstleistung und Handel. Es wurde dabei gezielt nach Indikatoren der Arbeitssucht (Symptome, Charakteristika und Arbeitssuchttypen) sowie nach betrieblichen Rahmenbedingungen gefragt, die Arbeitssucht auslösen oder fördern können. Die Erhebung spiegelt deutlich das grundsätzliche Phänomen der Arbeitssucht wieder: Die Indikatoren der Sucht wie zum Beispiel permanente Mehrarbeit, hohe Leistungserwartung an sich selbst und andere, starkes Kontrollverhalten, körperliche Beeinträchtigungen wie Blackouts, Magengeschwüre oder Depressionen sind allgemein bekannt und teilweise weit verbreitet. Sie werden jedoch selten in Zusammenhang mit der Suchtkrankheit oder suchtfördernden betrieblichen Rahmenbedingungen gesehen.

Arbeitssucht birgt personal- und betriebswirtschaftliche Risiken

Anhand von Praxisbeispielen präsentiert Meißner konkrete Kostenszenarien aus dem beruflichen personalwirtschaftlichen Alltag: Folgen von Arbeitssucht wie Mitarbeiterfluktuation, Stellenbesetzungsverfahren, motivationsbedingte Personalgespräche sowie Fehlzeiten werden dargestellt und sowohl qualitativ als auch quantitativ bewertet. Erkennbar wird, dass sich hier deutliche personalwirtschaftlichen Risiken für Unternehmen verbergen. Ebenfalls werden die betriebswirtschaftlichen Risiken aufgezeigt, die sich als Verlusten darstellen, die zum Beispiel durch die Verzögerung von Arbeitsprozessen, erhöhte Fehlerquoten oder mangelnde Verlässlichkeit bei der Erledigung von Aufgaben zeigen. Die Beispiele legen dar, dass Arbeitssüchtige nicht nur erhebliche Kosten verursachen, sondern auch die Existenz eines Unternehmens gefährden können. Als Beispiel sei eine gravierende Fehlentscheidung eines arbeitssüchtigen Vorgesetzten oder Spezialisten genannt.

Die Befragung der Personalmanager bestätigt, dass hier der effizienten Risikoanalyse eine ernstzunehmende personalwirtschaftliche Aufgabe zukommt. Die Symptome, Charakteristika sowie bestimmte Arbeitssuchttypen waren in den Unternehmen präsent, teilweise sogar mit einem hohen Verbreitungsgrad. Darüber hinaus wurde deutlich, dass sich Arbeitssüchtige in einem betrieblichen Umfeld bewegen können, in dem sie unbehelligt ihre Sucht ausleben können, ohne betriebliche oder arbeitsrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Handlungsempfehlungen für Personalmanagement

Als Folge der derzeit fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung der Arbeitssucht konstatiert Meißner, dass die Einbindung der Arbeitssuchtproblematik in das Personalrisikomanagement noch eine hohe Hürde für Unternehmen darstellt. Daher hat sie speziell auf die Sucht abgestimmte Handlungsempfehlungen für die betriebliche Praxis von Personalmanagern erarbeitet. Insbesondere wurden ein Personalinformationsgespräch und ein Check-up-Gespräch hinsichtlich der Risikobewertung entwickelt sowie Wege zur Fehlzeitenanalyse Arbeitssüchtiger aufgezeigt. Darüber hinaus hat sie gängige Personalinstrumente und ihre Anwendung in Bezug auf Arbeitssucht und die entsprechende Risikoanalyse diskutiert. Eine arbeitsrechtliche Bewertung sowie die Aufstellung eines Eskalationsplans zum Umgang mit Arbeitssüchtigen runden die Handlungsempfehlungen ab. Die Verleugnung der Arbeitssucht, stellt Meißner fest, kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten. Sie ermutigt Personalmanager, aktiver ihre Beraterfunktion wahrzunehmen, um potenzielle Schäden von Unternehmen abzuwenden.

Literarturangabe: Ulrike Emma Meißner: Die "Droge" Arbeit: Unternehmen als "Dealer" und als Risikoträger - personalwirtschaftliche Risiken der Arbeitssucht; Peter Lang Verlag, 2005.

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
Dr. Ulrike Meißner
Tel.: 0172/42 02 138
E-Mail: ulrike.emma.meissner@gmx.de

Eberhard Scholz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bremen.de

Weitere Berichte zu: Arbeitssucht Personalmanager Personalrisikomanagement

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise