Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sie wissen, aber sie handeln nicht!

27.06.2001


Neue Studie zu Naturerfahrung und Naturschutzbewusstsein -
Der Naturschutz hat in Deutschland einen schweren Stand. Immer mehr Menschen messen dem Naturschutz weniger Bedeutung bei. Blieb die Umweltbildung in und außerhalb der Schule wirkungslos?

Ein klassischer Ansatz ist die Vermittlung von Umweltwissen. Derzeit sehr beliebt sind Aktivitäten zum Erleben und Erfahren von Natur. Ein Ansatz, der im Kommen ist, sind umweltethische Diskussionen mit Schülern. Durch welchen der Ansätze werden Jugendliche eher zu umweltgerechtem Handeln motiviert? Diese Frage sollte durch eine am Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) durchgeführte Untersuchung beantwortet werden. Die Ergebnisse der Studie sind nun in dem Buch "Naturerfahrung und Naturschutzbewusstsein" zusammengefasst, das im Studienverlag, Innsbruck, erschienen ist.

Befragung von Schülern

In der Untersuchung werden die grundlegenden Zusammenhänge von Naturerfahrung, Wertschätzung von Naturschutzbegründungen und Naturschutzbewusstsein beleuchtet. Das Naturschutzbewusstsein ist dabei unterteilt in Umweltwissen, Einstellung, Akzeptanz von Naturschutz-Maßnahmen und Umwelthandeln. Befragt wurden rund 900 Schülerinnen und Schüler aus fünfzig Gymnasien entlang der Elbe.

Umwelthandeln ist eher selten

Nur wenige der Schüler handeln umweltfreundlich (8%), wohingegen etwa 20% dies nicht tun. Weitere 20% sagen, sie würden umweltfreundlich handeln, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten. Knapp die Hälfte der Schüler ist unentschlossen und schwankt zwischen keinem oder umweltfreundlichem Handeln. In dieser Gruppe birgt sich noch Potential, denn hier könnte versucht werden zu umweltfreundlichem Handeln anzuregen. Der beste Hinweis ("Prädiktor") auf umweltfreundliches Handeln ist eine Teilnahme an Naturschutzgruppen. Es kann dabei allerdings nicht beurteilt werden, ob die Schüler aufgrund ihres Umweltbewusstseins zu diesen Gruppen gehen oder ob es sich dort entwickelt hat. Weitere gute Prädiktoren für Umwelthandeln sind die Naturerfahrungen der Schüler. Hierzu gehören Erfahrungen, wie sie über Entdecken, Beobachten, Nutzen der Natur, usw. gemacht werden. Je mehr Naturerfahrung die Schüler machen desto mehr umweltfreundliches Handeln zeigen sie.

Lernen, die Natur zu schätzen

Manche Naturerfahrungen sind abhängig von der Größe des Wohnortes der Schüler. So sind Naturerfahrungen mit Haustieren und Erfahrungen beim Anbau und Ernte von Pflanzen bei Schülern aus kleinen Orten häufiger. Hier scheint eine größere Gelegenheit zu bestehen, solche Erfahrungen zu machen. Allerdings zeigen die Dörfler kein vermehrtes Umwelthandeln. Die Städter scheinen ihre seltenen Naturerfahrungen mehr zu schätzen als die Dörfler. Es scheint deshalb wichtig, (wieder) zu lernen, die Natur zu schätzen. Wichtig ist folglich, nicht nur mehr Naturkontakte zu vermitteln, sondern dabei auch die Wertschätzung zu fördern. Dies ist eine Herausforderung an die schulische und außerschulische Umweltbildung.

Chance für die Zukunft

Insgesamt betrachtet, sind bei etwa 40% der Schüler nur geringe Naturerfahrungen und geringes Umweltbewusstsein (= Wissen, Einstellung, Akzeptanz, Handeln) vorhanden. In einer zweiten Gruppe sind hohe Naturerfahrungen mit hohem Umweltbewusstsein gepaart. Bei den übrigen Schülern jedoch gehen häufige Naturerfahrungen, hohes Umweltwissen und umweltfreundliche Einstellungen nur mit geringem Umwelthandeln einher. Hier ist aber zumindest die Akzeptanz von Naturschutz-Maßnahmen hoch. So bietet sich zumindest die Chance, dass in Zukunft möglicherweise auch unbequeme Bestimmungen zur Vermeidung von Umweltschäden politisch durchgesetzt werden können.

Geringe Wirkung von Umweltwissen



Umweltwissen - obwohl einer der klassischen Bereiche der Umweltbildung - spielt für die Vorhersage von Umwelthandeln kaum eine Rolle. Allerdings ist das Wissen insbesondere über ökosystemare Zusammenhänge einer der Faktoren für die Vorhersage der Akzeptanz von Naturschutzmaßnahmen.

Umweltethik und Umwelthandeln

Für die Differenzierung von Umwelthandeln spielen auch die Art der Naturschutzbegründungen eine Rolle, die für bedeutsam angesehen werden. Bei Schülern, die insgesamt den Naturschutzargumenten einen hohen Stellenwert einräumen, liegt vermehrt eine Absicht vor, mehr für die Umwelt tun zu wollen, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten. Tatsächlich vermehrt handeln aber nur jene Personen, für die holistische (die gesamte Natur als moralisches Maß) und religiöse Begründungen von besonderer Bedeutung sind. Am wenigsten handeln jene Schüler, die die Natur aus ökonomischen Gründen oder für ihre Erholung schützen würden.

Schlussfolgerung für die Bildungspraxis

Umweltbildung oder Umweltethik in der Schule sind als ein Baustein eines komplexen Bildungs- und Lernprozesses zu sehen. Sie sind Elemente in einem Netz von Einflussfaktoren. Auf dem Weg zu umweltfreundlichem Handeln des Einzelnen kann die Schule nur einen Teil dazu beitragen. Lehrern kann dabei die Aufgabe als Begleiter oder Moderatoren für Lernprozesse zukommen, die die Schüler selbst unter dem Einfluss von außerschulischen Faktoren vollziehen.

Armin Lude:
Naturerfahrung und Naturschutzbewusstsein. Eine empirische Studie


Forschungen zur Fachdidaktik, Band 2
Studienverlag, Innsbruck 2001,
ISBN 3-7065-1595-4, 283 Seiten, 53.- DM (27.- Euro)

Verantwortlich und Rückfragen:
Dr. U. Ringelband und Dr. A. Lude
Tel.: 0431 / 880-3122 und -3113
Fax: 0431 / 880-5212 
E-Mail: ringelband@ipn.uni-kiel.de und lude@ipn.uni-kiel.de

Das IPN gehört zu den insgesamt 78 außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Serviceeinrichtungen für die Forschung der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. (WGL). Das Spektrum der Leibniz-Institute ist breit und reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften und Museen mit angeschlossener Forschungsabteilung. Die Institute arbeiten nachfrageorientiert und interdisziplinär. Sie sind von überregionaler Bedeutung, betreiben Vorhaben im gesamtstaatlichen Interesse und werden deshalb von Bund und Ländern gemeinsam gefördert.

Dr. Frank Stäudner | idw
Weitere Informationen:
http://www.wgl.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen
19.01.2017 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise